Die Bundesjugendministerin gab zu, daß ihr hierzulande im Kampf gegen die Sekten "juristisch die Hände gebunden" seien, da sich diese bislang auf die im Grundgesetz verankerte Religionsfreiheit hätten berufen können. Nolte kündigte nach dem Urteil des Bundesarbeitsgerichtes jedoch an, "kritisch zu prüfen, ob sich Sekten künftig wirklich noch auf den Schutz von Religionsgemeinschaften zurückziehen können." Das Bundesarbeitsgericht hatte Mitte der Woche entschieden, daß die Scientology Church rechtlich keine Kirche sei, sondern nur ein Wirtschaftsunternehmen. Das Auftreten als Glaubensgemeinschaft sei lediglich ein Vorwand, so die Kasseler Bundesrichter. Eine besondere Gefahr für die Ausbreitung von Sekten sieht Nolte in den neuen Bundesländern. Der "Zusammenbruch des sozialistischen Weltbildes" habe "bei einem Teil der Menschen ein Vakuum hinterlassen, in dem sie für Heilsversprechen von Sekten besonders anfällig" seien, meinte die Ministerin.
Aus: -Herford Extra-26-03-95-
"Berufsverbot für Pastor"
Im Exorzistenprozeß fordert Staatsanwältin
Bewährungsstrafen.(von Hansjochen Ostermann) - Wegen sexueller
Nötigung eines Gemeindemitglieds hat die Nürnberger
Staatsanwaltschaft gegen den 41jährigen freikirchlichen Pastor Ekkehard
Höfig und seine 35jährige Frau Iris Haftstrafen von zwei Jahren
auf Bewährung beantragt. Die Verteidigung plädierte auf
Freispruch. Dem Seelsorgerpaar und vier weiteren Gemeindemitgliedern wird
in dem Prozeß vor dem Schöffengericht vorgeworfen, sie
hätten im Anschluß an einen "Segnungs- und Heilungsgottesdienst"
eine Frau mit Gewalt am Verlassen der Kirche gehindert. Dann hätte auf
Veranlassung des Pastors ohne abgeschlossenes Theologiestudium dessen Frau
eine "Ganzkörpersalbung" - einschließlich der Geschlechtsteile -
vorgenommen, um sie von ihren "Dämonen" zu befreien. Die Frau habe sich
bei der gewaltsamen Dämonenaustreibung ebenso heftig gegen Höfig
und seine Mitstreiter gewehrt, wie später bei einem 18stündigen
Gebetsmarathon, währenddessen sie am Verlassen ihrer Wohnung gehindert
worden sei.
"In der Gemeinde haben sich alle darüber hinweggesetzt, daß Doris B. eine Person mit eigener Würde ist", sagte Staatsanwältin Susanne Krischker. Sie habe keinen Zweifel daran, daß die 32jährige zum Opfer geworden sei. Dazu habe sie zu viele scheußliche Details gewußt, die man nicht erfinden könne. Die Haftstrafe von zwei Jahren will die Staatsanwältin auf Bewährung ausgesetzt wissen, wenn Höfig gleichzeitig ein vierjähriges Berufsverbot bekommt. Er habe die Taten nämlich als Pastor begangen und wenn er sich nicht aus dem Umfeld der Immanuel-Gemeinde löse, dann seien weitere Straftaten zu erwarten. Iris Höfig soll ebenfalls eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren bekommen, aber zusätzlich 180 Stunden gemeinnützige Arbeit im Nürnberger Zoo leisten. Für die anderen Angeklagten forderte die Staatsanwältin mehrmonatige Haftstrafen zur Bewährung.
Insbesondere bei der Forderung, die mittlerweile zur "Prophetin" gesalbte Iris Höfig solle im Tiergarten arbeiten, äußerten ihre zahlreichen Anhänger im Zuhörerraum laut ihren Mißmut. Ihr Anwalt Axel Graemer sprach von einer "Verhöhnung". Das klinge so, als ob seine Mandantin jetzt im Zoo den Affen die Dämonen austreiben solle. Graemer spricht - wie auch sein Kollege Peter Doll für Ekkehard Höfig - davon, daß alles eine Verschwörung der großen Kirchen, der Staatsanwaltschaft und der Presse sei: "Einige wollen, daß in der Immanuel-Gemeinde das Licht ausgeht", sagte der Anwalt. Im übrigen forderte er - wie alle anderen Verteidiger - Freispruch, weil alles im Rahmen der grundgesetzlich garantierten Glaubens- und Bekenntnisfreiheit geschehen sei. Nach Darstellung der Verteidigung hat Doris B. die unangenehmen Prozeduren aus freien Stücken auf sich genommen.
Aus: -Stuttgarter Zeitung-21-01-95-
Geisterbeschwörung im Kinderzimmer
Sekteneinflüsse, Magie und Tischerücken nehmen zu. - "Echt
ätzend" findet die 15jährige Cordula ihr Horoskop heute und
beschließt, statt dem Schulbesuch die Zeit im Kaufhaus zu verbummeln,
um "die richtigen Entschlüsse" zu treffen. Marco, Basti, Tanja und
Julia treffen sich in ihrer Freizeit im verräucherten Keller zu
okkulten Sitzungen. Mit Schemen und "Geistern" besprechen sie ihre Probleme
und richten ihr Verhalten danach aus, welche Muster der Kaffeesatz annimmt.
Vom Pendelausschlag hängt für Alex ab, ob die nächste
Klassenarbeit gut zu werden verspricht oder ab man die Schule besser
schwänzt.
Einzelfälle ? Mitnichten ! Es sind typische Szenen aus dem heutigen Alltag vieler Jugendlicher. Beobachtungen und Berichte von Fachleuten sowie Erhebungen des religionswissenschaftlichen Instituts der Freien Universität Berlin belegen, daß etwa 30 Prozent der Großstadtschüler (ab der 9. Klasse sogar 40 Prozent) vom Okkultismus begeistert sind, an Seancen teilnehmen, sich nach Horoskopen richten, Tischerücken und Geisterbeschwörungen als Entscheidungshilfe heranziehen. Doch auch auf dem Land nehmen Sekteneinflüsse, Magie und Gläserklirren dramatisch zu.
In manchen Kinderzimmern stehen Pyramiden und Talismane; Astrologie und Wahrsagerei faszinieren Mädchen wie Jungen. Überaus verbreitet und beliebt sind Pendel, Flaschendrehen, Hellsehen, Kartenschlagen, Spuk und Beschwörungsriten. All das gab es zwar schon im Mittelalter, beängstigend ist jedoch nur, wenn man in unserer Zeit einem Geist die Entscheidung überläßt. Wie verhängnisvoll Suggestionen sein können, beweisen Zeitungsberichte: Bis zum Selbstmord kann der Geistergläubige geführt werden, wenn die befragte Kerzenflamme das "Todesdatum" ausflackert. Ein Mädchen wurde unlängst als "Hexe" gebrandmarkt und von anderen gemieden, weil sich der Hals der "Wahrheitsflasche" auf sie richtete. Neugier steht am Anfang der Pendelgläubigkeit. Nach außen hin behütet, aber innerlich vereinsamt sind die Anhänger des Okkultismus zumeist; Erwachsene sind regelrecht "sprachlos" den Problemen der Kids gegenüber, weder Schule noch Kirche oder Öffentlichkeit bauen Defizite ab. Unsicherheit, Werteverlust, Panikmache, Perspektivlosigkeit, Kommunikationsschwierigkeiten, Pubertät und Lebensängste tragen zur Flucht in den Kaffeesatz bei: Schließlich glaubt man, zum "Pechvogeldasein" prädestiniert zu sein. Die realistischen Ursachen der Vorliebe für Geisterbeschwörungen gilt es aufzudenken und von Elternhaus, Schule und Kirche ad absurdum zu führen.
Fest steht, daß pseudoreligiöse Sekten, okkulte Vereine, Wahrsager, Magier, Hellseher und Kartenleger immer dann erfolgreich um Anhänger und Gläubige buhlen, wenn die Zeiten unsicher sind, Vor allem die Eltern dürfen nicht in Sprachlosigkeit ihren Töchtern und Söhnen gegenüber verharren, sonst fehlt zum Hokuspokus, Hexenzauber und Schamanenunwesen nur noch der schwarze Kater auf der Schulter, an dessen Schwanzstellung Alltagsprobleme gekoppelt werden.
Selbstinformation über Okkultismus und Sektenunwesen erleichtert allen Erwachsenen die Diskussion mit Heranwachsenden. Bücher und Schriften darüber sind in Bibliotheken erhältlich. Das heißt, grundsätzlich sollten Eltern einem Gespräch nie ausweichen und sich stellen. Gerät ein minderjähriges Kind in die Fänge einer dubiosen Sekte, ist es ratsam, über einen Anwalt rechtliche Schritte einzuleiten. Zudem löst ständiger Kontakt mit der Schule so manches Problem, bevor Jugendliche zu Spuksitzungen oder Pendeldeutungen greifen. In Städten helfen Sektenberatungsstellen, über die die Bürgerberatung im Rathaus Auskunft gibt. Daneben stehen kirchliche Institutionen und Einrichtungen der Wohlfahrtsverbände allen Betroffenen mit Rat und Tat zur Seite.
Aus: Waiblinger Kreiszeitung-24-1--94-
Die Krieger des heiligen Geistes
Sie halten sich für Auserwählte im Kampf gegen das Böse und
treiben Dämonen aus. Die charismatische Bewegung gewinnt innerhalb der
Kirchen an Einfluß. Diese scheuen den Konflikt - auch beim Kirchentag
diese Woche in Hamburg. (von Christian Krug).
Den Teufel lernte Christina B. als 13jährige kennen. In der Pubertät hatte das blonde Mädchen angeblich "sündige Gedanken zugelassen" und dadurch "Mephisto Einlaß gewährt". Jedenfalls sah es der Schulseelsorger so. Als Mitglied einer "Charismatischen Erneuerungsbewegung" in der Katholischen Kirche wußte der Mann Abhilfe.
In seiner Gemeinde lernte Christina schnell, wie man "konkret Kontakt mit Gott aufnimmt". Sie wurde gedrängt, Jesus Christus ihr "Leben zu übergeben". Also eine wiedergeborene Christin zu werden, denn nur so gebe es Hoffnung, die "Endzeit" zu üb erleben. "Danach war ich richtig erleichtert, den Klauen Satans entgangen zu sein", sagt Christina.
Zehn Jahre lang gehörte sie der Bewegung an, die sie heute als Sekte bezeichnet. Das fromme Kind wurde von den erwachsenen Charismatikern zu einer "Gebetskämpferin" ausgebildet. Immer häufiger wurde sie zum "Befreiungsdienst" eingeteilt. So nennen sie christlichen Extremisten die Dämonen-Austreibung. "Ich wurde zu einer religiösen Fanatikerin. Überall sah ich das Böse. Und wenn ich nachts aufwachte, habe ich sofort angefangen zu beten, weil ich dachte, Gott hätte mich geweckt und bräuchte jetzt seine Soldatin."
Charismatische Gottesdienste wirken auf Besucher sehr fröhlich. Es wird gesunden und getanzt, gejubelt und geklatscht, der "Pastor" oft von einer Band mit Elektrogitarren und Synthesizern flankiert. Besonders Jugendliche finden es hier unterhaltsamer als bei herkömmlichen Kirchenveranstaltungen. Und wenn im Finale der "Heilige Geist" zum Einsatz kommt, läßt er die Gläubigen ekstatisch zucken, juchzen und sogar bewußtlos umfallen. Dieses Phänomen, seit 1994 auch als Toronto-Segen bekannt (STERN Nr. 19/1995: "Beten auf Teufel komm heraus") erschreckt allerdings viele, die das zum ersten Mal erleben. Deshalb gibt es nach Auskunft ehemaliger Charismatiker in vielen Gemeinden die Anweisung, die allzu Besessenen schnell aus dem Gottesdienst rauszutragen. Christina hat nach eigenen Angaben Hunderte dieser Fälle erlebt. "Die öffentlichen Austreibungen sind noch vergleichsweise harmlos. Richtig zur Sache geht es nur im internen Kreis."
Dort komme es zuerst darauf an, die Namen der Dämonen herauszufinden, die man exorzieren wolle. Denn die tauchten immer im Pulk auf, hätten unterschiedliche Eigenschaften und Ränge. Charismatische Prediger unterscheiden zwischen dem Satan, dem "obersten General der Mächte der Finsternis" und seinen "Fürsten" sowie "Unteroffizieren". Am Fuße der höllischen Hierarchie stünden die "bösen Geister und Dämonen". Daß diese Mächte im stetigen Kampf mit Gott sind, ist für Charismatiker unstrittig.
Als vordringlichste Aufgabe sehen sie die Missionierung Ungläubiger an. In gemieteten Stadien betreiben sie Großevangelisation, bei der jeder Teilnehmer als Geschenk an Gott gezählt wird. So ist es kein Wunder, daß die Charismatiker ihre Anhängerschaft weltweit auf 370 Millionen beziffern.
"Durch Gebete, Handauflegen und Beschwörungen", so erzählt Christina, "rückten wir den angeblichen Dämonen zu Leibe. Dabei fangen die Gläubigen an zu zittern, fallen um, krümmen sich, schreien und strampeln. Das war für uns immer ein Zeichen, daß der Dämon aus dem Körper trat. Die Leute schlugen mit dem Kopf auf den Boden und reagierten völlig autistisch. Das war voll der Wahnsinn, was wir da getrieben haben."
Charismatiker versuchen, das Wirken ihres "Heiligen Geistes" mit "Wunderheilungen" zu belegen, die sich in ihren Gemeinden zugetragen hätten. Dem gegenüber stehen viele Aussagen von Kranken, ihnen seien falsche Heilungsversprechungen gemacht worden. Die Christliche Gemeinde Köln ist in Verruf geraten, weil in ihr organisierte Krankenschwestern angeblich sogar unheilbar Kranke in Kliniken überredeten, die medizinische Behandlung abzubrechen.
Der 29jährige Krankenpfleger und Ex-Charismatiker Theo Matthias Herget sagte in einen Sorgerechtsprozeß vor Gericht: "Ich habe von Kollegen erfahren, daß Mitglieder der Gemeinde versucht haben sollen, eine ältere Rollstuhlfahrerin - sie war an multipler Sklerose erkrankt - im Krankenhaus zu heilen. Man hat sie aus dem Bett gezerrt und erklärt, daß sie geheilt sei." Außerdem habe Herget beobachtet, wie bei weiteren "Heilungswünschen zwei Personen zu Tode gekommen sind". Die Gemeinde bestreitet dies. Auch bei Teufelsaustreibungen an Kindern war Herget nach eigenen Angaben dabei. "Nach meiner Erinnerung ist das jüngste der Kinder etwa vier Jahre alt gewesen."
Die Vertreibung von Dämonen ist unter Charismatikern gängige Praxis, auch wenn Mitglieder der weltweit verbreiteten Glaubensbewegung dies immer wieder abstreiten und zu bagatellisieren versuchen. Die Bücher der einschlägigen, meist selbsternannten Pastoren, sind voll davon. Charismatiker wollen bibeltreue Christen sein. Sie sind stolz darauf, nach Gottes Wort zu leben. Einige haben sogar einen "Adoptionsvertrag mit Gott" abgeschlossen. Viele sind allerdings nur gutgläubige Opfer, die unbewußt zu Tätern werden. Ihre Anführer reden Ihnen ein, von Gott persönlich mit der Gabe der "Prophetie" gesalbt zu sein. Irrtum ist also ausgeschlossen, Widerspruch gegen einen Gemeindeleiter gleichbedeutend mit Gotteslästerung, Kritik immer dämonisch.
Die Organisationsform der Charismatischen Bewegung ist für Laien nur schwer durchschaubar. Selbst Mitglieder haben selten den Überblick, wie die "Christliche Erneuerungsbewegung", wie sie sich selbst nennt, vernetzt ist. Hunderte von Organisationen haben sich in ihr zusammengeschlossen, um den wahren Worten Gottes wieder Gehör zu verschaffen und für Jesus "Freiräume" von satanischen Mächten freizubeten. Der politische Arm der Charismatiker ist die "Partei Bibeltreuer Christen".
Die Charismatische Bewegung ging aus der Pfingstbewegung hervor, die 1906 in Kalifornien ihre Anfänge nahm und als sogenannte "Zweite Welle" 1960 nach Deutschland schwappte. Seither verbreitet sie sich in allen Konfessionen. Obwohl sich die klassischen Kirchen gegen die Unterwanderung wehren, wagen es die Kirchenleitungen nur selten, gegen die Extremisten in den eigenen Reihen das Wort zu erheben. Denn die haben meist volle Säle.
Die radikaleren Charismatiker haben sich in unabhängigen Freikirchen organisiert, die sich durch Spenden selbst tragen. In ihnen gewinnt eine auch unter Fundamentalisten umstrittene Strömung immer mehr Zulauf, die sich "Geistlicher Krieg" nennt. "Seit dem Sündenfall regiert Satan diese Welt", predigt Hartwig Henkel in der "Gemeinde auf dem Weg", in Berlin. "Zerstörung, Leid, Katastrophen und Unterdrückung gehen auf das Konto des Teufels. Quer durch die Bibel sehen wir, wie Gott die Zusammenarbeit mit Menschen braucht, um die Absichten des Teufels, der hier auf der Erde regiert, zu verhindern."
An der Spitze der "Geistlichen Kriegsführung" steht der ehemalige Arzt und jetzige Leiter der "Gemeinde auf dem Weg", Wolfhard Margies. Ein Mann, der seine Prinzipien in dem Standardwerk "Befreiung" zu Papier gebracht hat. Dort beschreibt er, wo die bösen Dämonen überall lauern, um Gott die Erde streitig zu machen. In einer schier endlosen Reihe absurder Verteufelungen listet er als "sichtbare Auswirkungen dämonischer Kräfte" auf: Angst vor Menschen, Homosexualität, Depression, Eßsucht, offensichtliche Naschsucht, Intellektualismus, Leistungsverweigerung, Masturbation, Epilepsie, Asthma, Neurodermitis. Der Teufel ist also immer und überall.
Margies Aufzählung gipfelt in der Feststellung: "Dazu gehört auch die spezifische Leidensgeschichte von Frauen, die überzufällig häufig vergewaltigt oder sexuell belästigt werden. Das ist niemals Zufall!"
Daß Frauen deshalb von Gemeindemitgliedern die "Triebgeister" wieder ausgetrieben werden müssen, ist in extremen Charismatischen Gemeinden eine gängige Vorstellung. Erst kürzlich ist das Pastorenehepaar Höfig aus Nürnberg für eine "Vaginalsalbung" an einer sich heftig wehrenden Frau zu 22 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt worden. Aber anstatt den "Pastor" zur Rede zu stellen, hat der Verein "Fürbitte für Deutschland" an seine "Lieben Beter" gefaxt, sie sollten für das Pastorenehepaar beten, damit "der Staatsanwalt und der zuständige Richter zu angemessenen und fairen Untersuchungen zurückkehren und Gerechtigkeit üben oder von Gott aus ihrem Amt genommen werden".
Ähnliches ist Gabriele Steinmetz in der Wuppertaler Andreas-Murray-Gemeinde widerfahren. Als sie ihrem Gebetskreis berichtete, daß der Prediger ihr nachstelle, hieß es, sie sei verhaltensgestört und müssen dringen in das gemeindeeigene Therapiezentrum für "gefallene Mädchen". Sie sei von einem "Triebgeist" besessen, der sie sexuell zügellos mache. Später wurde Gabriele Steinmetz der angebliche Dämon ausgetrieben. Als sie sich immer noch nicht einsichtig zeigte, schmiß man sie kurzerhand aus der Gemeinde. "Ich war so fertig. Am nächsten Tag habe ich versucht, mir das Leben zu nehmen."
Leider wissen viel zu wenige Sektenanhänger, daß es Hilfe für Aussteiger gibt. In den Gruppen werden die Sektenbeauftragten der Länder, Städte und Kirchen als Werkzeuge Satans verdammt. Deshalb trauen sich auch viele Mitglieder selbst in größter seelischer Not nicht, bei ihnen um Rat zu fragen. Die meisten steigen deshalb heimlich aus, schweigen ein Leben lang über ihre religiöse Vergangenheit. Auch, um schneller zu vergessen.
Die Theologin Uta Kroder hat selbst zwei Jahre in einer Charismatischen Gemeinschaft verbracht, deren Methoden sie als "feinsten Psychoterror" beschreibt. Heute arbeitet sie in der von jungen Frauen geleiteten Selbsthilfegruppe "Acharisma". Sie sagt: "uns wird immer vorgeworfen, wir würden nur Extremfälle schildern, die es schließlich in jeder Kirche gibt. Natürlich machen viele Christen auch gute Erfahrungen in solchen Gemeinschaften. Einige erleben zum ersten Mal Liebe und Fürsorge."
Man gebe ihnen anfangs das Gefühl, von Gott gebraucht zu werden und persönlich in den Dialog mit Jesus zu treten. "das ist für die meisten erst mal ein tolles Erlebnis." Der Druck komme erst später. Durch ihre Kontakte in die ganze Republik weiß sie jedoch, "daß zum Beispiel Dämonenaustreibungen in allen uns bekannten Charismatischen Gemeinden praktiziert werden".
Walter Krappatsch von der Selbsthilfegruppe "Artikel 4 e.V." erlebt vor allem Opfer christlicher Sekten, "die einfach kein eigenverantwortliches Leben mehr führen können. Viele haben Suizidversuche hinter sich oder brauchen stationäre Aufenthalte in Psychiatrien, um die Orientierung im Leben außerhalb der totalitären Sektenstrukturen wiederzugewinnen."
Auch Christina B. brauchte lange, um sich von den Fesseln der Sekte zu befreien. "Ich habe doch überall nur noch Dämonen gesehen." Ein weiteres Problem wird ihr wohl noch lange zu schaffen machen: "In meinem Missionierungswahn habe ich so viele Kinder und Jugendliche reingezogen. Ich hoffe nur, daß es ihnen heute nicht so dreckig geht. Eigentlich kann ich sie nur um Vergebung bitten."
Aus: -STERN-25/95-14-06-95-
Wotans Erben: Rechtsextreme entdecken germanische Kulte
Wenn der Winter vor der Tür steht, naht auch die
Götterdämmerung. Stichtag für das "Fest des
Winterbegrüßens" ist der zweite Vollmond nach Herbstbeginn,
Freitag, d. 18. Nebelung (November). Neogermanische Kultgruppen wie "Goden",
"Armanen" und "Gylfiliten" zieht es dann in die Wälder, wo sie mit dem
Sterben der Natur den Eingang der Götter in die Unterwelt feiern. Im
Feuerschein gedenken sie der Ahnen, rufen die Erdgöttin Edda an,
zelebrieren Runenorakel und opfern Wotan ihre Gaben.
30.000 Mitglieder
Neiheidnische und neogermanische Kulte haben Konjunktur. Auf 25.000 bis 30.000 Mitglieder schätzt Thomas Gandow, evangelischer Sektenpfarrer in Berlin-Brandenburg, ihre Anhängerschaft heute. Tendenz steigend. Bei einer Tagung "Neuheidentum und neonazistische Heilslehre" der Evangelischen Kirche in Rothenburg warnte der Berliner Sektenexperte vor einer Verharmlosung der neogermanischen Gruppen. Nach Gandows Einschätzung spielen völkisch-religiöse Gruppen zunehmend eine Rolle bei der Einigung der zersplitterten rechtsextremen Szene.
"Mit der Bindekraft der neogermanischen Kulte können sich die zerstrittenen politischen Splittergruppen und Parteien zur Bewegung formieren", warnt Gandow. "Bei vielen Rechtsextremen wächst die Überzeugung, daß der Eroberung der politischen Macht die Erringung der kulturellen Hegemonie vorhergehen muß."
Der Neogermanismus, warnt auch der Bonner Sektenfachmann und Journalist Anton Maegerle, sei Teil einer exemplarischen Gegengesellschaft, die in Krisenzeiten den Massen angeboten werden soll. Maegerle fordert deshalb dringend die Beobachtung der Gruppen durch den Verfassungsschutz.
Vorbild des neuen rechten Netzwerks ist die nationalistische Bewegung der 20er Jahre, die mit dem Ziel eines einheitlichen Volksglaubens auf neogermanische Kulte zurückgriff. Die NSDAP war aus der 1912 von Rudolf von Sebottendorf gegründeten "Thule-Gesellschaft" hervorgegangen und somit in ihren Anfängen selbst der politische Arm der Sekte.
Antisemitisches Gedankengut und rassenideologische Vorstellungen finden sich nach den Beobachtungen Gandows auch in den meisten Kultgemeinschaften heutiger Zeit. "Je mehr diese Ideologie mit Religion verbrämt wird, umso gefährlicher werden diese Gruppen", warnt Gandow. Zunehmend werde die neuheidnische Religion zur tieferen Begründung fremdenfeindlicher Akte benutzt. "Der religiös-ideologische Überbau stärkt die Würde des Gewalttäters. Anstelle niederer Beweggründe wie Spaß an der Gewalt tritt nun die religiös motivierte Tat." Die zunehmende Aufgeschlossenheit gegenüber den neuheidnischen Gruppierungen ist laut Gandow auch darin zu sehen, daß den christlichen Kirchen ein "Sündenfall des Christentums" angekreidet werde.
Personalunion
Die fortschreitende Vernetzung bekommt, wie Sektenexperten beobachten, auch durch die Personalunion führender Vertreter sowohl in religiösmythologischen als auch in politisch-rechtsextremen Gruppen Gestalt. So sei zum Beispiel der Leiter der Krefelder "Gylfiliten", Wolfgang Kantelberg, Gründungsmitglied der "volkssozialistischen Bewegung" (VSBD) und führendes Mitglied der NPD. Sigrun von Schlichting, die den Armanen-Orden und die Arbeitsgemeinschaft Naturreligiöser Stämme (ANSE) leitet, war vorher im politisch-rechtsextremen "Bund Heimattreuer Jugend" aktiv.
Aus: -Frankenpost-22-11-94-
"Der ganze Mist ist raus"
Tausende von Menschen driften jährlich in Psychosekten und
autoritäre religiöse Gemeinschaften ab, ein Alptraum für
Eltern und Freunde. Kultmitglieder aus ihrer totalen Abhängigkeit von
solchen Gruppen zu lösen ist schwer. In Deutschland betreiben den
heiklen Job inzwischen professionelle Ausstiegsberater - meist gegen viel
Geld.
Zu Silvester versammelte sich Familie Knack um den knorrigen Eichentisch des Schweizer Chalets zum Kartenspiel. Der älteste Sohn gab das Blatt - und mischte eine ganz besondere Karte darunter: seinen Mitgliedsausweis von Scientology.
So teilte Herbert Knack, 34, seinen Angehörigen mit, daß er mit der Sekte gebrochen habe.
Die Runde freute sich enthusiastisch. Sieben Tage lang hatte die Familie aus Frankfurt am Main zusammen mit der saarländischen Ausstiegsberaterin Jeanette Schweitzer, 43, um den Sohn gerungen.
Tag und Nacht redete sie in dem Urlaubsdomizil auf Knack ein, um ihm seine Illusionen über die Psycho-Sekte zu rauben: Sie erzählte von Repressalien gegen Kritiker, vom Scientology-Geheimdienst, der Freund und Feind bespitzele, von Erziehungslagern, in denen sich ungehorsame Scientologen mit körperlichen Arbeiten und einfachster Kost demütigen lassen müßten.
Schweitzer kennt sich im Innenleben von Scientology bestens aus, sie war bis vor drei Jahren selbst Mitglied. Seit ihrer Abkehr von der Sekte fühlt sie sich berufen, auch andere aus der Abhängigkeit des Vereins zu befreien.
Jeanette Schweitzer gehört einem jungen Berufsstand mit Zukunft an, der unter dem sperrigen Namen Sekten-Ausstiegsberaterin firmiert. Bislang gibt es davon in Deutschland kaum ein halbes Dutzend. Die Profis arbeiten mitunter gegen hohes Honorar, zwischen 300 und 2.000 Mark täglich plus Spesen. Der Einsatz dauert im Schnitt drei bis vier Tage.
Schweitzer zeigte Knack Dokumente, Erlebnisberichte von Aussteigern, die niedergeschrieben hatten, wie sie von der Organisation terrorisiert wurden. Sie führte ihm vor, wie Scientologen das Denken, Fühlen und Handeln ihrer Jünger kontrollieren und sie erbarmungslos in den finanziellen Ruin treiben.
Knack, Maschinenbauingenieur und Freizeithandballer, war in einer persönlichen Krise an die Scientologen geraten. Er hatte seinen Job bei Porsche aufgegeben und lebte ohne Freunde in einer fremden Stadt. Die Sekte bot ihm Halt und köderte ihn mit dem Versprechen, er werde Teil jener Elite sein, die zu vollkommener geistiger Freiheit und zum Glück finde.
Knack verschuldete sich. In weniger als einem Jahr zahlte er 110.000 Mark für sogenannte Kommunikationskurse und "Auditing", eine Psycho-Technik mit einer Art Lügendetektor, die dem Probanden angeblich hilft, von den Traumata und Leiden seiner Vergangenheit gereinigt zu werden.
Die Anhänger des Scientology-Gründers L.Ron Hubbard hielten für alle Fragen eine Antwort parat. Sie trainierten mit Knack in einer Art Verhaltenskurs, sich gegen Verletzungen und Beleidigungen unempfindlich zu machen.
Im Gesprächsmarathon mit der Ausstiegsberaterin verhielt sich Knack zunächst, wie es ihm seine Sektenlehrer beigebracht hatten: Die sogenannte Tonskala der Scientologen sieht für jede Lebenslage eine optimale Reaktion vor, die roboterhaft einstudiert wird. Das heißt etwa, dem Blick von Kritikern standzuhalten oder bei Feindseligkeit mit Desinteresse und Langeweile zu reagieren.
Nach einer Woche war der Widerstand gebrochen. Der junge Mann fing an, die "Gegenseite als Existent" (Knack) zu akzeptieren. Er stellte sich die entscheidende Frage: "Darf ich ein totalitäres System in Kauf nehmen, nur weil ich mich dort aufgehoben fühle?"
Ausstiegsberatung ist ein heikles Geschäft. Die Profis sind zumeist die letzte Hoffnung für Eltern von Kindern, die in obskure Sekten und Lebensgemeinschaften, sogenannte destruktive Kulte, geraten sind. Von diesen Kulten gibt es in der Bundesrepublik etwa 300, mindestens eine halbe Million Deutsche sind Sektenmitglieder.
Scientology gilt als aggressivster Psycho-Verein mit etwa 30.000 Mitgliedern allein in Deutschland. Scientologen hämmern ihren Jüngern ein, jeder könne, gottgleich, Herrscher über Materie, Energie, Raum und Zeit werden, wenn er sich nur einer intensiven Psycho-Erziehung unterwerfe.
Zu den bekanntesten Kulten gehört die Sekte des inzwischen gestorbenen indischen Gurus Bhagwan. Auch die religiöse Gruppe "Universelles Leben" verehrt eine selbsternannte Prophetin: Gabriele Wittek legt das Neue Testament für ihre Jünger recht eigenwillig aus.
Alt-Kulte wie die Mun- und die Hare-Krishna-Bewegung sind bis heute ebenfalls auf Expansionskurs. Die Munies, die mit spektakulären Massenhochzeiten für Aufsehen sorgen, halten ihren Führer San Myung Mun, einen koreanischen Geschäftsmann, für den Messias und wollen ihm zur Weltherrschaft verhelfen; die Anhänger der Hare-Krishna-Gruppe hoffen durch ständiges Wiederholen von "Mantras", religiösen Formeln, eins zu werden mit dem Hindu-Gott Krishna.
Gemeinsam ist all diesen Organisationen das Bestreben, das Verhalten ihrer Mitglieder zu kontrollieren, durch sie den Einfluß und nicht selten auch das Vermögen der Sekte zu mehren.
In Amerika bietet die "Kultklinik des Jüdischen Familiendienstes" In Los Angeles seit 18 Jahren fachkundige Beratung. In ganz Europa findet sich nirgendwo ein Zentrum, in dem Kultgeschädigte professionelle Hilfe erfahren.
Zwar gibt es inzwischen ein engmaschiges Netz aus staatlichen und kirchlichen Beratungsstellen, Sektenbeauftragten und Elterninitiativen. Aber mehr als Verständnis und Solidarität haben sie meist nicht anzubieten.
Menschen, die sich religiös verbrämten totalitären Gruppen anschließen, tun dies in den meisten Fällen freiwillig, häufig werden sie durch einen Freund oder Partner angeworben. Die Werte und den Glauben der Sekte lernen sie erst nach und nach kennen.
Die "wahre Identität" werde im Laufe der Zeit von der "Kultidentität" überlagert, sagen Psychologen - eine Form des "psychologischen Totalitarismus".
Gegen die Psycho-Sekten und ihre Methoden gibt es keinerlei rechtliche Handhabe, solange dem Mitglied nicht Gefahr für Leib und Leben droht. Versuche von Angehörigen bei Gericht, die Bewußtseinskontrolle als Körperverletzung zu brandmarken, blieben erfolglos.
Der Amerikaner Ted Patrick, dessen Sohn in den siebziger Jahren in den christlichen Kult "Kinder Gottes" geraten war, griff als einer der ersten zur Selbstjustiz: Er entführte den jungen Mann und "deprogrammierte" ihn. Patrick und seine Mitarbeiter haben nach eigenen Angaben auch andere Leute im Auftrag ihrer Eltern mit Gewalt aus solchen Gemeinschaften herausgeholt, insgesamt mehrere tausend.
Die Methode, im Fachjargon als "Deprogramming" geläufig, ist brutal. Die Adepten werden an einen bestimmten Ort gelockt oder auf offener Straße gekidnappt, ins Auto gezerrt und fortgebracht.
In einem entlegenen Motel oder Landhaus ist alles bestens vorbereitet: Die Türklinken sind abmontiert, Steckdosen, Glasfenster und Spiegel verklebt, um Selbstmordversuche zu verhindern: Fanatische Kultmitglieder ziehen es mitunter vor, sich eher umzubringen als vom Glauben abzufallen.
Die Entführten werden tagelang mit Informationen bombardiert. Chuck, ein ehemaliger Mitarbeiter Patricks, bringt die Taktik auf den Punkt: "Es ist, wie wenn ein Topf Bohnen auf dem Herd steht und wir die Hitze hochdrehen: Irgendwann explodiert der Topf, und der ganze Mist ist raus."
Die Methode hat eine Erfolgsquote von über 80 Prozent, aber sie bringt die Deprogrammierer mit der Justiz in Konflikt. Ein dutzendmal stand Patrick deshalb schon vor Gericht, mehrmals wanderte er hinter Gitter. Er war auch der erste, der aus der Hilfe ein Geschäft machte. Sein Einsatz kostet, je nach Schwere des Falles, mehrere 10.000 Dollar.
Die Schweizer Krankenschwester Petra, 31, die von Bern als eine von drei illegalen Deprogrammierern in Europa arbeitet, ist überzeugt, daß bei "bestimmten Härtefällen" nur Brutalität zum Erfolg führe. Sieben Fälle übernahm die Frau, die fast fünf Jahre lang der Mun-Sekte angehörte, in den letzten vier Jahren. Alle sieben Ex-Mitglieder hätten wieder "sicheren Boden" unter den Füßen, sagt sie stolz. '"Wenn einer gesund ist, dann schafft er das. Mir geht es ja heute auch wieder gut."
Nach dem Ausstieg wohnen Petras Schützlinge mit ihr und ihrer Familie in einem Bauernhaus. Dort sollen sie sich über ihre Vergangenheit und Zukunft klarwerden. Für ihre Dienste nimmt Petra 500 Franken täglich während der Deprogrammierung und eine Monatspauschale von 3.000 Franken für die Nachbetreuung.
Gelingt der Absprung, fangen die Probleme richtig an
Andere Ausstiegsberater lehnen Gewalt strikt ab. Er weise Ratsuchenden zwar diesen "letzten Ausweg", sagt der Münchener Psychologiestudent Dieter, 35, der sich imposant "Counselor" nennt. Entscheide ein Klient sich aber für die illegale Variante, "bin ich raus". Dieter betreibt sein Gewerbe schon seit elf Jahren.
Die "sanfte" Ausstiegsberatung ist meist langwierig. Den Eltern empfehlen die Berater, sie sollten Streit mit ihren fremd gewordenen Kindern vermeiden, ihnen Verständnis und Interesse entgegenbringen. Damit könne zerstörtes Vertrauen wiederhergestellt werden.
In einer zweiten Phase, "offene Intervention" genannt, ist das von den Eltern umworbene Kind im Idealfall bereit, mit einem Experten zu sprechen. Der versucht dann, dem Sektenmitglied die Widersprüche zwischen Idee und Wirklichkeit seiner Gemeinschaft beizubringen.
Ein zweiter Weg, die "verdeckte Intervention", erfordert mehr Raffinesse" Die Eltern sorgen dafür, daß alte Freunde, Verwandte und Geschwister Kontakt mit dem Sektenmitglied aufnehmen und sich mit ihm treffen. Irgendwannn wird der Ausstiegsberater als neuer Freund vorgestellt, der sich scheinbar zufällig mit Religionen und Kulten auskennt..
Aber selbst wenn der Ausstieg gelingt - für viele Aussteiger fangen die Probleme erst danach richtig an. Fast alle kämpfen mit Depressionen, Einsamkeit, Schuld- und Angstgefühlen, mit psychosomatischen Störungen.
Am schwersten zu verarbeiten ist die Erkenntnis, daß sie zweimal die Kontrolle über ihr Leben verloren haben. Erst wurden sie von der Sekte betrogen und ausgebeutet. Dann, bei der Rückkehr ins bürgerliche Leben, ließen sie sich von Eltern und Ausstiegsprofis manipulieren.
Herbert Knack zum Beispiel hat mit seinen Eltern nie wieder über jenen Silvesterabend in der Schweiz gesprochen. "Es ist so peinlich", sagt der Frankfurter heute, eineinhalb Jahre später. "Man denkt, man ist selbständig, und dann wird man auf den Stand eines Halbwüchsigen zurückgeworfen."
Spiegel: Herr Hassan, Sie leben davon, Menschen zum Ausstieg aus Sekten zu bewegen. Was kostet es, Sie anzuheuern?
Hassan: Mein Tagessatz sind 1.500 Dollar, plus Flüge, Hotels und Verpflegung. Ich bringe auch ein ehemaliges Mitglied der Gemeinschaft mit, in der sich das Sektenmitglied aufhält. Das macht noch mal 200 bis 500 Dollar am Tag. Am Ende kommen sie auf gut 10.000 Dollar für einen Fall in Deutschland.
Spiegel: Kein schlechtes Geschäft.
Hassan: Ich kann Ihnen versichern: Reich wird dabei keiner. Wenn die Leute kein Geld haben, arbeite ich in dringenden Fällen auch ohne Bezahlung. Und ich übernehme nur einen, höchstens zwei Fälle im Monat, danach brauche ich mehrere Tage Erholung. Das ist irre anstrengend.
Spiegel: Wer engagiert Sie ?
Hassan: Angehörige oder Freunde von Kultmitgliedern. Wenn sich die Sprachprobleme bewältigen lassen, arbeite ich überall auf der Welt. Die meisten Klienten kommen aus den USA, Deutschland, England, Luxemburg und Frankreich..
Spiegel: Können Sie Erfolg garantieren ?
Hassan: In den letzten fünf Jahren gab es nur zwei Fälle, bei denen es trotz tagelanger Gespräche nicht geklappt hat.
Spiegel: Wie vielen Sektenmitgliedern haben Sie geholfen ?
Hassan: In 18 Jahren habe ich vielleicht 400 Fälle bearbeitet, weniger als ein Dutzend sind in der Sekte geblieben.
Spiegel: Wie arbeiten Sie ?
Hassan: Ich bin kein Deprogrammierer. Das sind Leute, die Sektenmitglieder gewaltsam entführen und sie in einem demütigenden Psycho-Marathon so lange bearbeiten, bis sie dem Kult abschwören. Ich lehne das strikt ab. Ich bereite die Intervention lange vor, ich schule die Eltern, wie sie überhaupt wieder mit ihrem Sohn oder ihrer Tochter kommunizieren können. Wenn es dann zu einem Treffen kommt, stelle ich mich als Ausstiegsberater vor. Ist es eine verdeckte Intervention, bin ich ein Nachbar oder Freund, der sich viel mit Religion beschäftigt hat. Der Rest ist Erfahrung und psychologisches Geschick.
Spiegel: Wie weit reicht die Abhängigkeit von Menschen, die einer Psycho-Sekte verfallen sind ?
Hassan: Überzeugte Mitglieder totalitärer Gemeinschaften tun alles für ihre Gruppe - sie töten sogar. Ein Giftgasanschlag, wie ihn die Aum-Sekte in Japan verübte, kann überall passieren, wenn die Organisationsspitze es befiehlt. Ich war als Munie zu Dingen bereit, die mir heute vollkommen absurd erscheinen. Mun sagte zum Beispiel, nach unserer Machtübernahme würden wir alle Menschen umbringen, die Sex mit Personen haben, die ihnen nicht zugewiesen wurden. Und ich sagte: "Selbstverständlich, Vater."
Spiegel: Wie bringen Sie derart umgepolte Menschen dazu, Ihnen überhaupt zuzuhören ?
Hassan: Das Sektenmitglied ist zwar ein Gefangener der Indoktrination - aber die ist nie ganz perfekt. Ein kleines Stück der ursprünglichen Persönlichkeit ist immer übrig, und dieses wahre ich will frei und selbstbestimmt sein. Die eigentliche Identität anzusprechen und zu unterstützen, das ist die Kunst. Der oder die Betroffene muß wieder Kontakt zu seinem eigentlichen Denken und Fühlen bekommen. Dabei helfen Begegnungen mit Schlüsselfiguren aus der Vergangenheit, zum Beispiel mit alten Freunden und Vorbildern, sowie Erinnerungen an die Kindheit.
Spiegel: Und dann schaltet das Kultmitglied irgendwann wieder um ?
Hassan: Das ist natürlich ein Prozeß. Man muß dem Menschen vor allem die Angst nehmen, daß etwas Schreckliches passiert, wenn er seine Gruppe verläßt. Diese Phobien impfen alle Sekten ihren Mitgliedern ein, um sie an sich zu ketten. Sie sagen, daß sie einen Unfall haben oder Krebs kriegen werden, daß Satan sie unglücklich machen wird und sie ohne die Gruppe gar nicht existieren können. Da hilft dann ein ehemaliges Mitglied, das ihm gesund gegenübersteht und sagt: "Ich bin seit fünf Jahren raus, es geht mir gut."
Spiegel: Gibt es aussichtslose Fälle ?
Hassan: Nein, nur schwierige. Zu denen zählen etwa die Scientologen, eine der gefährlichsten Sekten überhaupt. Die trainieren systematisch Verhaltensformen, um Kritiker einzuschüchtern.
Spiegel: Sie machen den Sekten Mitglieder abspenstig. Lassen die sich das einfach so gefallen ?
Hassan: Sie tun alles mögliche, um es zu verhindern. Sie verleumden mich, etwa im Fernsehen. Sie gehen zu meinen Nachbarn und sagen: "Wissen Sie, daß Sie mit einem Kriminellen in einem Haus wohnen?" Und sie schreiben mir Briefe, daß ich bald sterben werde.
Spiegel: Wer ist besonders anfällig, Opfer totalitärer Sekten zu werden ?
Hassan: Leute, die viel Streß haben, zum Beispiel viel reisen, sich scheiden lassen, den Job wechseln. Die Anwerber sind psychologisch so geschult, daß jeder, der sich in so einer Lage befindet und nichts über Bewußtseinskontrolle weiß, in den Bann einer solchen Gruppe geraten kann. Am leichtesten zu manipulieren sind jene, die denken, ihnen könne sowas nie passieren, und glauben, das ist nur was für Labile und Doofe.
Spiegel: Woran läßt sich erkennen, daß eine Gruppe totalitär ist ? Hassan: Testen Sie die Grenzen: Können die Mitglieder kommen und gehen, wann sie wollen ? Dürfen alle alles wissen oder nur ein paar Auserwählte ? Liegen die Bilanzen wirklich offen ?
Spiegel: Was können Eltern tun, die sich keinen teuren Ausstiegsberater leisten können ?
Hassan: Sie sollten eine neugierige, aber kritische Haltung zeigen und sagen: "Wir sind Deine Eltern, wir lieben Dich, laß uns uns gemeinsam mit Deinem Glauben beschäftigen." Sie müssen eine Beziehung aufbauen. Dann haben sie eine Chance.
Auszug aus: DER SPIEGEL-28/95-10-07.95-
Ein religiöser Mutterersatz
* Kinder in Psychogruppen *
Sekten sind die besseren Familien, sagen die Sekten. Deshalb versuchen sie auch, das Bewußtsein der Jüngsten zu kontrollieren. (Von Xaver Ringler)
Das traurigste Kapitel im Sektenwesen betrifft Kinder, Kinder jeden Alters. "Sekten suchen immer jüngere Anhänger", beschreibt die Stuttgarter Kultgruppenforscherin Helga Lerchenmüller einen neuen Trend. "Die Werber kommen jetzt schon als Puppen- und Teddybärenvertreter getarnt in Kindergärten."
Der Trick: Die angeblichen Vertreter organisieren Kinderpartys und Gesprächsabende über Erziehungsfragen. Dann flattert den Eltern Post ins Haus. Inhalt: Das Kind sei überaktiv, brauche psychologische Hilfe. Die Sektenforscherin: Absender ist die Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte - eine bekannte Tarnorganisation der Scientology-Sekte."
Das allertraurigste Kapitel betrifft jene Kinder, die in Kulte und totalitäre Gruppen hineingeboren wurden. Die früheren "Jugendsekten" befinden sich in der zweiten Generation. Die sorgt zunehmend für sozialpolitische Spannungen: Sektenkinder aus der Elterngeneration der siebziger Jahre werden erwachsen. Ihre Zahl nimmt zu. Vor allem die Kinder Gottes (heute: Die Familie), Scientology, Ananda Marga, Hare Krishna und Transzendentale Meditation (TM) sind immer stärker mit dem Problem der wachsenden Kinderschar konfrontiert. Deren Betreuung kostet mehr Zeit, Energie und Geld, als den Sektenoldies bei all ihrem sonstigen Engagement bleibt. Aber auch Staat und Gesellschaft dürfte das Problem der "zweiten Generation" schon in naher Zukunft auf den Nägeln brennen. "Trotz Bewußtseinskontrolle springen Sektenanhänger, die in einem Kult aufgewachsen sind, als Erwachsene häufiger ab, als man auf Grund der umfassenden Indoktrination erwarten würde"; schreibt Hugo Stamm in seinem Buch "Sekten - Im Bann von Sucht und Macht".
Denn Heilslehre und Leben in der Sekte sind für sie Alltag, die "normale" Realität. Die Faszination ist wesentlich geringer als bei Leuten, die aus der angestammten Welt in eine totalitäre Gruppe geflüchtet sind. Die Versuchung, an der verbotenen Frucht der "bösen Umwelt" zu naschen, ist für viele groß. Falls sie aber den Ausstieg schaffen sollten, laufen sie Gefahr, sozial und psychisch auffällig zu werden. Jahrzehntelang lebten die Sektierer in einem geschlossenen sozialen System. Nun sind sie auf sich selbst gestellt. Was tun mit den heimatlos gewordenen Nachkömmlingen der Sektenoldies ?
Wie drängend das Problem wird, zeigt die hohe Mitgliederzahl der vielen bundesdeutschen Sekten, unter denen es zahlreiche, in den vergangenen Jahrzehnten entstandene "neureligiöse Kulte" gibt. Schätzungen des Bundesverbandes Deutscher Psychologen zufolge sind es über zwei Millionen Menschen - Tendenz steigend. So hoch ist die Zahl der Mitglieder von religiösen Gruppierungen, die theologische Absolutheitsansprüche äussern, also unter Einschluß der Neuapostolischen Kirche. Allein die Zeugen Jehovas konnten die Zahl ihrer aktiven Propheten seit 1975 auf 166.500 mehr als verdoppeln, davon 35.000 in den neuen Bundesländern.
Der Begriff Sekte leitet sich vom lateinischen Secta - Schule, Lehre, Partei - ab. Religion, religio, heißt im ursprünglichen Sinn Rückbesinnung auf das Göttliche. Wieso laufen manche Sektenanhänger bei ihrer religiösen Suche derart in die Irre, daß sie Kinder so perfide mißbrauchen, wie es allenthalben geschieht: daß sie Sektenkinder malträtieren, mißbrauchen, foltern und umbringen ? "Kinder werden in Kulten als Wegwerfartikel betrachtet", diagnostiziert der international renommierteste Erforscher von "destuctive cults" - "(selbst-)zerstörerischen Kulten", der amerikanische Forscher Arnold Markowitz, Leiter der Cult Hotline ans Clinik in New York. "Es herrscht eine Primat der Ideologie über die Biologie." Markowitz hat in den vergangenen zwölf Jahren über 4.000 Sektenopfer und ihre Angehörigen betreut.
Wieso machen Mütter und Väter aus ihrer Seele eine Mördergrube ? Daß Psychologen, Priester und Mediziner eine Antwort suchen, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß "es praktisch keinerlei wissenschaftliche Literatur über Kindesmißbrauch in Sekten gibt. Offizielle Untersuchungen", so schreibt Michael D. Langone, Direktor der "American Family Foundation", "werfen nur ein Licht auf einige Aufsehen erregende Einzelfälle."
Schlagzeilen gab es zum Beispiel, als in der Sekte Kinder Gottes auch kleine Kinder an Sexualpraktiken der Erwachsenen beteiligt wurden. Gründer David Berg hatte im Kapitel 58 des Briefes "My little fish" seine Jünger dazu aufgefordert. Weltweites Entsetzen gab es bei der Tragödie von Jonestown in Guyana im Jahr 1978. Fast 300 Kinder wurden getötet, teilweise sicherlich von ihren eigenen Eltern. Das Drama der David-Sekte des David Koresh in Waco, Texas, lief am 19. April 1993 nach dem gleichen Muster ab. Damals wurden 17 Kinder unter zehn Jahren in den Massenselbstmord durch Verbrennung getrieben.
Aufsehen erregte es auch, als zahlreiche Mitglieder der Züricher Schule, einer Vorgängerorganisation des "Vereins zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis (VPM)" sich operativ die Samenleiter durchtrennen ließen. "Der junge Mann, der sich vasektomieren läßt", schrieb Friedrich Liebling, geistiger Vater der Züricher Schule, "will einen Beitrag leisten zum allgemeinen Wohl der Menschheit" - ein Zitat, das in der eigenen Zeitschrift "Psychologische Menschenkenntnis" veröffentlicht wurde. Von dieser Praxis ist der VPM vor fünf Jahren abgerückt, doch haben VPM-Paare weithin keine Kinder.
Großes Medienecho provozierte die Psychotragödie von Anhängern des indischen Gurus Sant Thakar Singh. "Neugeborenen wurden die Augen verbunden und die Ohren verklebt", enthüllte die Starnberger Hebamme Christin Graba nach Hausbesuchen im süddeutschen Sektenzentrum. "Auf diese Weise mußte ein 16 Monate alter Junge bis zu 18 Stunden in einem eiskalten Raum meditieren." Dazu noch wurden die Kinder mit kultischen Videomarathons malträtiert. Diese Psychofolter verhindere, daß "böse Außenwelteinflüsse" das Erreichen "innerer Vollkommenheit und Gottverwirklichung" stören, heißt es in des Meisters "Anleitungen zur spirituellen Erziehung".
Was diese "Blind-und-taub-Meditation" in Wahrheit erreicht, sind "Schwerhörigkeit, Augenleiden und psychische Störungen". Diese Symptome dianostizierte jedenfalls ein Facharzt bei einem Sektenkind, das ein halbes Jahr lang zum Meditieren mit Augenbinde und Ohrstöpseln gezwungen worden war. Die Mutter versteht heute selber nicht mehr, wie sie die Psychofolter an ihrem Kind zulassen konnte.
Sie ist geradezu ein Paradebeispiel dafür, wie es dazu kommen kann, daß die Fixierung auf die Gruppe stärker wird als die Mutterliebe. Als es die 25jährige Kathrin Hänel und ihren Mann aus der Ex-DDR ins "Meditationszentrum Buchendorf" in Gauting bei München verschlug, "bot uns die Gruppe das Gefühl der Geborgenheit. Und außerdem fühlte ich mich erhaben im Bewußtsein, zum inneren Kreis einer ausgewählten Elite zu gehören, die angeblich die Menschheit auf den richtigen Weg führen kann." Bei allen Sekten ist der Preis für die Einbindung die Verdrängung der Identität. "Mir wurde eingeredet", sagt Kathrin Hänel, "daß ich mich ziellos vom Schicksal habe treiben lassen, ohne meinem Dasein einen höheren Sinn zu verleihen." Der Sektenkader erklärte, die Überwindung von falschen Werten und Gefühlen sei ein schmerzhafter Prozeß, der manchmal unerwartete Reaktionen auslöse. Novizen seien von selbstzerstörerischen Kräften dominiert, die sich nicht widerstandslos vertreiben ließen.
'"Als bei einem meiner berufsbedingten Besuche ein markerschütternder Schrei durch das Haus hallte", erinnert sich Hebamme Christin Graba, "und ich fragte, was denn das los sei, antwortete mir Kathrin, daß ihr Sohn immer wieder stundenlange Schreianfälle habe. Aber das sei nur sein Gemüt." Dem couragierten Eingreifen der Hebamme ist es zu verdanken, daß Kathrin Hänel den Ausstieg aus der Sekte schaffte und der Führungskader inzwischen wegen Kindesmißhandlung auf Bewährung verurteilt wurde.
Die Gottesvisionen und Heilsvorstellungen von Sektierern erscheinen "normalen" Menschen unerklärlich. Wieso lassen sich Sektenanhänger zu wahnhaften Handlungen zwingen ? Wie kommt es zur ganz besonders perfiden Form von Bewußtseinskontrolle: daß Kinder den Eltern schon im Babyalter entfremdet und in speziellen Kindergemeinschaften aufgezogen werden ?
"Das Interesse der Scientologen am Menschen beginnt bereits vor der Geburt", erklärt Renate Hartwig in ihrem Bestseller "Scientology - Ich klage an!". In seinem "Handbuch für den ehrenamtlichen Geistlichen" erteilt Scientologen-Guru L.Ron Hubbard medizinisch fragwürdige Ratschläge für die angeblich günstige Beeinflussung der pränatalen Phase und der Geburt. Und er fordert sogar Schwangere zum "Auditing" auf. Bei dieser Methode unterwirft man sich völlig dem Therapeuten, dem "Auditor". Ziel ist der Zustand des "Clear". Dazu führen eine Psychoreinigung mit drei bis fünf Stunden Sauna und ein hynoseähnliches Frage- und Antwortspiel.
"Vom Stillen sollte man absehen"
Die Techniken dieser seelisch und körperlich anstrengenden Tortur erinnern manche Kritiker an eine "Gehirnwäsche bei Kriegsgefangenen" (Hugo Stamm in seinem Buch "Sekten - im Bann von Sucht und Macht"). Solche Parallelen hat auch Professor Hans Kind, Direktor der Psychiatrischen Poliklinik in Zürich, in einem Gutachten aufgezeigt und dokumentiert. Dabei bezog er sich auf Originalliteratur von Scientology und auf eigene Untersuchungen der psychischen Reaktionen von ehemaligen Scientologen.
Seine Erkenntnis: Die Therapietechnik des Auditing versetzt die Klienten in hypnoseähnliche Zustände. In ihrem Buch "Scientology - Ich klage an!" zitiert Renate Hartwig aus dem Gutachten vom März 1989: "Obwohl Ron L. Hubbard immer wieder behauptet, Dianetik habe nicht mit Suggestion oder Hypnose zu tun, benutzt er doch die gleichen Techniken der Einleitung und auch der Beendigung, indem ausdrücklich alle möglichen Suggestionen des Auditors wieder gelöscht werden sollen. " Auch für die ersten Monate nach der Geburt hält Hubbard Anleitungen bereit: "Vom Stillen sollte man absehen." An Stelle der Muttermilch - deren positive Bedeutung medizinisch unumstritten ist - empfiehlt er eine Art Trank aus der Römerzeit, den er aus Gerstenwasser, pasteurisierter Milch und Maissirup herstellt.
Für ältere Kinder gibt es spezielle "Theta-Junior-Packs" für das Auditing. Sie werden den Eltern für immense Summen verkauft - damit auch die Jüngsten rasch dem erwünschten Zustand des "Clear" näherkommen. Nur so könne erreicht werden, was Hubbard verspricht: Unsterblichkeit. Ein Stück Weg zu diesem Ziel führt über scientologische Kinderfreizeiten wie das "Kreativ-College" in Wien. "Kinder ab dem zweiten Lebensjahr", so die Scientology-Werbung, "sollen dort die Möglichkeit haben, das Beste aus ihren Fähigkeiten zu machen und Dinge zu lernen". Indoktriniert wird auch in scientologischen Kindergärten, die in Hamburg unter "Happy Kids" und in Baden-Württemberg als "Nursery" firmieren. Dort liefern die Scientologen ihren Nachwuchs morgens ab und holen ihn - teils spät in der Nacht - wieder ab. Erzogen werden die kleinen nach einer speziellen "Kinder-Dianetik"-Methode. "Das grundlegende Dianetik-Bilderbuch" führt in die Ideologie ein.
Mit der "Dianetik"-Methode kann man sich auf der scientologischen Karriereleiter hocharbeiten, um dereinst zu jener Elite zu gehören, die nicht nur die ideologische, sondern auch die reale Herrschaft über die Menschheit ausüben will. Wie dieser Machtanspruch durchgesetzt werden kann, erklärt den Kindern die "Deutsche Zeitschrift für besseres Lernen". Herausgeber ist die Scientology-Institution "Applied Scholastics", die auch Studiergruppen anbietet - in Niederlassungen in Köln, Eisingen, Euskirchen, Leverkusen, München, Starnberg, Velbert und Wiehl.
Scientology betreibt auch eigene Schulen. Zwar wurde es in Deutschland nicht genehmigt, solche "internen Kadettenanstalten" (Exscientologen) einzurichten. Doch schicken viele Scientology-Eltern ihre Kinder nach Dänemark, in die USA oder nach England an die Saint-Hill-Schule in Sussex, wo die scientologische Elite von morgen ausgebildet wird. Als "Musterschülerin" wird eine Zwölfjährige gefeiert. Sie ist das jüngste Scientology-Mitglied, das spezielle "Psycho-Kurse" (Auditing) leiten darf.
Weil geschulte Mitglieder hohes Ansehen genießen, stufen die Eltern die Sektenerziehung höher ein als die Familienbande. Viele Sekten versuchen mit der Trennung der Kinder die emotionalen Bindungen zu den Eltern zu lockern. Denn familiäre Gefühle können für eine Sekte gefährlich werden, weil sie Gemeinschaftsgefühl außerhalb der Glaubensgemeinschaft vermitteln. Ausserdem können die Eltern durch die Erziehung ihrer Kinder ihre Zeit nicht mehr voll und ganz der Gruppe widmen. Bei Scientology sind es immerhin bis zu 70 Wochenstunden.
Scientology scheint eine besonders raffinierte, rabiate und reiche Sekte zu sein. Geschätzter Gewinn 1994 in Deutschland: eine Milliarde Mark; geschätzte Mitgliederzahl: 35.000 (Scientology hat keine formale Mitgliedschaft wie zum Beispiel die Kirchen). Experten zufolge hat diese schlagkräftige Organisation das vermutlich ausgefeilteste System zur Anwerbung entwickelt. Sie zieht alle Register modernster Marketing- und PR-Methoden. Selbst das Sponsoring nutzen die Scientologen geschickt. So warben lange Zeit ein bekannter Motorrad- und ein Autorennfahrer mit der Aufschrift "Dianetik": eine Disziplin der scientologischen Sektenlehre. Zudem fehlt es nicht an bekennenden "Promis", die Kindern und Jugendlichen gefallen. Tom Cruise, John Travolta, Julia Migenes, Kirstie Alley und vor allem Chick Corea sind fest mit Scientology verbunden und diesen der Sekte als Aushängeschilder.
Auch die Zeugen Jehovas - die jetzt die offizielle juristische Anerkennung als Religionsgemeinschaft erwirken wollen - sind keine harmlosen Propheten. Sie ziehen zwar lächelnd von Haus zu Haus, um neue Mitglieder zu werben. Doch üben sie Tugendterror aus und bespitzeln ihre Mitglieder. Die Gemeinschaft, zu der sich weltweit 4,7 Millionen Menschen bekennen, weist dem Oberverwaltungsgericht Berlin zufolge "Merkmale einer totalitären Sekte" auf.
Trennungsschmerzen als "notwendige Prüfung"
Wie aktiv die Zeugen Jehovas sind, zeigt eine Zahl: Sie gaben allein für ihre reisenden Vollzeitprediger im letzten Jahr 48.857.112,38 Dollar aus. Nur diese Zahl wurde vom "Watchtower Bible and Tract Society of Pensylvania/USA" preisgegeben. Die Bilanzen des Konzerns sind geheim. Doch nach Schätzungen verschiedener Sektenkenner setzt der Multi jährlich weltweit etwa vier Milliarden Mark um.
Die enormen Bemühungen der Seelenfänger um Kinder und Jugendliche zeigen: Die Indoktrination in Kinderkolonien ist die rationellste und effizienteste Art, Menschen in den Sektenmilieus zu beheimaten. Der Sektengründer, Guru oder Messias wird letztlich zum göttlichen Übervater, zu dem die Gruppenmitglieder eine reine Beziehung aufbauen können, die nie von Konflikten getrübt wird, erklärt Experte Stamm. "Dieser Übervater dient auch als Mutterersatz, erlaubt eine symbiotische Beziehung und befriedigt den Wunsch nach mystischer Verschmelzung." die Gruppe erscheint als die ideale Gesellschaft von Brüdern und Schwestern, die alle von der gleichen Idee beseelt sind und gleiche Ziele anstreben. Die Sekte ist in den Augen ihrer Mitglieder eine geradezu perfekte "Familie", wie sie nur in der Phantasie einer kindlichen Seele existiert und existieren kann.
In dieser Scheinwelt können Eltern selbst die grausamsten Anordnungen noch als spirituelle Notwendigkeit schmackhaft gemacht werden.
Schließlich sollen die Nachkömmlinge in einer "reinen" Umgebung aufwachsen. Die Leiden der Kinder und die Trennungsschmerzen der Eltern werden als notwendige Prüfung gepriesen. Ist die Fixierung auf die Gruppe stärker als die Mutterliebe, dann können die Eltern ihre Gefühle scheinbar problemlos unterdrücken - ohne Schuldgefühle ihren Kindern gegenüber.
Jedes seelische Vakuum zieht die "Retter" an
Die Sekten verstehen es meisterlich, Ängste und seelische Defizite auszunutzen. Zielsicher legen sie mit ihren Indoktrinationsmethoden den Finger auf die seelischen und sozialen Wunden. Geradezu beispielhaft kann man das gegenwärtig in den neuen Bundesländern beobachten.
"Auf die Angebote der neuen Jugendreligionen reagieren junge Menschen in den neuen Ländern oft wie ein trockener Schwamm", sagt Pater Klaus Funke vom Dominikanerkloster St. Paulus, bischöflicher Beauftragter für Jugendreligionen in Berlin und Ostdeutschland. "Angeworben werden vor allem Menschen, die durch den Verlust von Wohnung, Arbeit oder Ehepartner die Orientierung verloren haben."
"Seelenretter" scheinen jede Art von psychischem Vakuum ausfüllen zu können. Sie legen ihre Saat in das weite Feld der Sehnsucht des Menschen nach Transzendenz. In unserem Unterbewußtsein schlummern Paradiesvisionen, die vor allem in Krisensituationen zum Vorschein kommen. Dann sind wir anfällig für Heilspropheten, dann gibt es für jeden von uns die richtige Sekte... Wie sieht die Zukunft der Sektenkinder aus ? Wenn Ihnen der Ausstieg gelingt, dann sind sie auf Fürsorgeeinrichtungen und spezielle Rehabilitationseinrichtungen angewiesen. Solche aber fehlen weithin. Wenn die Sektenkinder nicht auszusteigen vermögen, erleben sie wohl bald ein "goldenes Zeitalter".
Die Jahrtausendwende steht vor der Tür. Sie wird viele Menschen in irrationale und unkontrollierbare Ängste stürzen, aus denen Sekten und totalitäre Gruppen Kapital zu schlagen suchen. Und dabei möchten die Propheten der "zweiten Generation" eine neue Führungsrolle übernehmen.
Aus: -Das Sonntagsblatt-Hamburg-03-02-95-