Das Leben e.V. ("Norweger", "Smithianer")

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Wer nicht mitmacht, lebt in Sünde und muß schließlich in die Hölle

Hilferuf an Stadtverwaltung und Fraktionsvorsitzende: Psychoterror im Verein "Das Leben". - In einem sechsseitigen Brief schildert ein langjähriges Mitglied des Maubacher Vereins "Das Leben", wie innerhalb der skurillen Glaubensgemeinschaft Psychoterror betrieben wird. Das Schreiben, das Oberbürgermeister Jürgen Schmidt und den Fraktionsvorsitzenden des Gemeinderates zuging, geht auf eine Radikalisierung im Verein und auf Vorgänge ein, wie sie von gefürchteten Sekten bekannt geworden sind. Gegenüber der Backnanger Kreiszeitung erläutert der Beschwerdeführer, der seinen Namen aus verständlichen Gründen nicht veröffentlicht haben will, was quertreibenden Brüdern suggeriert wird: "Wer nicht mitmacht, lebt in Sünde und muß schließlich in die Hölle." der Verein ist Sektenspezialist Hans-Werner Carlhoff vom Stuttgarter Kultusministerium wohl bekannt. Dahinter verbirgt sich die Norweger-Bewegung, eine strenge Heiligungsgruppe.

"Mit wachsender Sorge beobachte ich ein Phänomen, das ich nicht mehr mit gutem Gewissen akzeptieren kann und als Ausfluß religiöser Verirrung und Fehlleitung ansehen muß", heißt es in dem Schreiben des Mitglieds. Bis Ende 1991 sei der Verein eine christliche Gemeinschaft mit bibelkonformer und praxisorientierter Lehre gewesen. Seit drei Jahren allerdings habe eine "neue Lehre" Einzug gehalten, die der Informant auf den Wechsel an der Spitze des ideologischen Zentrums im norwegischen Brunstad zurückführt.

Der Arm zum Gruß

Der Wandel freilich läßt Unsägliches erkennen. Den Schilderungen zufolge halten bisher unbekannte Rituale Einzug: "Beim Singen stehen die Erweckten spontan auf und erheben einen Arm ähnlich dem deutschen Gruß". Die Gläubigen knieten im Saal des neuen Vereinshauses nieder, um laut schreiend Gottes Fürsorge zu erbitten. Ferner würden mitunter Liedtexte gesungen, die an Aggressivität ihresgleichen suchten. Eine Kostprobe aus dem Repertoire: "...hau rein, hau rein und hasse...."

Gemäßigte Zeitgenossen, die dem Treiben kritisch begegneten, würden hinausgeekelt, Abtrünnige, die ihre Stimme zu erheben suchten, kollektiv niedergesungen. Die aus Norwegen ferngesteuerte Vereinsführung versuche, die individuelle Eigenständigkeit der Mitglieder zu untergraben. "Der menschliche Verstand ist aufzugeben, dagegen ist den leitenden Brüdern blind zu gehorchen", schreibt der Kritiker.

Er weiß von Mitgliedern, die sich ob des ausgeübten Kollektivdrucks in psychiatrische Behandlung begaben. Die meisten Gläubigen seien jedoch um Anpassung bemüht, "obwohl sie Tabletten nach den Versammlungen nehmen müssen." Sie gingen darob auch nicht gegen die angestrebte Satzungsänderung vor, mit der sich eine vorsorglich verkleinerte Vorstandsriege weitergehende Rechte zubillingen wolle. quot;Das Leben e.V." indes besteht nicht nur aus der Maubacher Gruppierung, die annähernd 80 feste Mitglieder zählt. Das deutsche Zentrum befindet sich in dem bei Blaubeuren gelegenen Weiler Hesselhöfe. Dort ist auch der Sitz des Verlages "Das Leben" und des gleichnamigen Verbandes. In Blaubeuren finden die regionalen Konferenzen statt, zu denen manches Nordlicht anreist. 1985 wurde hierfür eine neue Versammlungshalle mit annähernd 1.800 Sitzplätzen und moderner Übersetzungsanlage erstellt. Der Dachverband ist zuständig für zehn Dependancen, zu ihnen gehören neben Backnang-Maubach die Ableger in Laichingen, Lorch, Eisingen, Weinheim, Cölbe, Waltrop, Hannover, Hamburg, Bötzingen und Lindenfels.

Wie der Informant sagt, gibt es Bestrebungen, das Vermögen der Basis auf das Konto des norwegischen Familienclans - Erben des Gründers J.O. Smith - zu transferieren. In Backnang liegt da offenbar gutes Geld auf der hohen Kante. Von mehr als 150.000 Mark ist die Rede. An einem monatlichen Sammelabend sollen schon mal an die 5.000 Mark von jenen Mitgliedern zusammenkommen, denen fürsorglich beigebracht worden ist, "alles Materielle sei satanisch". Nach Angaben der Vereinsführung kostete das neue Vereinshaus an der B 14, vor gut drei Jahren fertiggestellt, über eine Million Mark. Bedingt durch die große Eigenleistung der Mitglieder dürfte sich der Wert des vereinseigenen Besitzes aber auf das Doppelte belaufen.

In Backnang ist die Norweger-Bewegung und der mit ihr einhergehende Verein bislang in der Öffentlichkeit kaum aufgefallen. Gleichwohl wird das Gebaren der Gruppe genau beobachtet. Der kirchliche Weltanschauungsbeauftragte Walter Schmidt hat sich mit ihr befaßt, Hans-Werner Carlhoff, Vorsitzender der interministeriellen Arbeitsgruppe zu Fragen sogenannter Jugendsekten und Psychogruppen, kennt sie. Dr. Helga Lerchenmüller, in Sachen Sekten für die Aktion Bildungsinformation in Stuttgart tätig, hat von ihr gehört. In Österreich war die Norweger-Bewegung durch zwei vor Gericht behandelte Fälle aus ihrem Schattendasein gerissen worden. Eine Mutter kämpfte verzweifelt um ihre Tochter, die sich in der Bewegung vorgeblich zu einem manipulierten und unfreien Menschen wandelte. Ein Katholik aus Wien, der sich um seine 25jährige Tochter sorgte, verteilte Flugblätter "gegen eine der gefährlichsten Sekten."

Vorsitzender kontert

Zu jenen, die die Vorgänge in Österreich als "hervorgezogen" erachten, zählt der erste Vorsitzende des Maubacher Vereins, Thomas Bäuerle. Er räumte gestern auf Anfrage ein, es sei zu Unstimmigkeiten innerhalb der Bewegung gekommen. In Backnang hätten sich einige wenige Mitglieder an den neuen Formen "gestoßen". Sein durchaus redlich erscheinender Erklärungsversuch: "Wir haben eine Erweckung unter der Jugend gehabt." Der Nachwuchs im Verein sei begeistert und bestrebt, in Anlehnung an Jesus Christus die Sünde zu besiegen. "Deshalb schreien sie zu Gott, damit sie Kraft bekommen."

Bäuerle, seit drei Jahren an der Spitze des Vereins "Das Leben", bestreitet, daß psychischer Druck ausgeübt wird. Auf die Vorwürfe angesprochen, die die Bewegung ins Zwielicht und in die Nähe verblendeter Glaubensgemeinschaften rücken, führt er die Sekte der Nazarener an, von der im neuen Testament die Rede sei. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, sagt der Mann, sind wir auch eine Sekte." (moh)

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Kommentar

Ständiger Kampf um die Sünde

Die Norweger-Bewegung, deren Gedankengut in Backnang in dem Verein "Das Leben" Verbreitung findet, ist nach Ansicht von Experten auf dem Vormarsch. Im Lexikon der Sekten, Sondergruppen und Weltanschauungen ist der Gemeinschaft ein langer Abschnitt gewidmet. Zitat: Wachsende Beachtung findet eine Gruppe, die im deutschsprachigen Raum "Norwegische Brüder", in ihrer Heimat aber "Smith's venner" (Freunde) genannt wird. Damit weist man auf ihren Gründer, Johann Oskar Smith, hin. Ihre Selbstbezeichnung ist eine "Heiligungsbewegung in Bereitschaft auf Christi Kommen".

Dienst als Offizier

J.O. Smith (1871-1943), in Fredrikstad geboren, ursprünglich Methodist, lernte auch andere Heiligungsbewegungen kennen. Sein Leben war vom Dienst als Marine-Unteroffizier, von Ehe und Familie erfüllt. Wegweisend wurde ein religiöses Erlebnis 1898 während einer nächtlichen Bordwache. Die "Geistestaufe" hätte ihm dann "die Schrift lebendig gemacht und den Weg zum Sieg über die Sünde gezeigt". Er trennte sich schließlich vom Methodismus und teilte seine Erfahrungen anderen mit, um zur Sammlung der "Brautgemeinde" beizutragen. Das wurde sein eigentliches Lebenswerk.

Mancherorts entstanden Freundeskreise, die sich zu freiem Gebet, Glaubenszeugnis und Schriftauslegung trafen. Eine Organisation sollte die Bewegung nicht werden, alle Kreise wählen den Vorstand selbst. Einigendes Band sind die regelmäßigen Konferenzen und die im eigenen Verlag herausgegebene Zeitschrift "Skulte Skatter". Nach dem Tod des Gründers wurde das Werk von seinem sprachlich prägnanten, durch Bücher der Mme. Guyon angeregten Freund Elias Aslaksen, nach 1976 von seinem Schwiegersohn S. Brattlie weitergeführt. Seit 1954 verbreitet sich die Bewegung unter anderem auch in der Bundesrepublik Deutschland.

Eine Publikation der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen mit Sitz in Stuttgart hat sich der wachsenden Norweger-Bewegung in einer Untersuchung angenommen. Zitat aus der Studie: Die Bewegung wurde in einige württembergische Gemeinschaften hineingetragen, wobei es auch zu Spaltungen kam, unter anderem bei den Pregilzern in Backnang. Doch haben sich die Norweger bald mehr und mehr von der Philadelphia-Bewegung gelöst und eigene Gruppen gebildet...

Fanatismus

Kritiker werfen dem Verein "Das Leben" vor, zunehmend radikaler zu werden. In dem Hilferuf eines Mitglieds, den es der Stadt Backnang zugeleitet hat, heißt es vielsagend: "Ob eine Steigerung des zu konstatierenden Fanatismus möglich ist und ob dieses gegebenendfalls zu Vorkommnissen führen könnte, ähnlich jener, die im Sommer 1994 in der Schweiz zu beobachten war, vermögen wir nicht zu beurteilen. (moh)

Aus: -Backnanger Kreiszeitung-21-01-95-

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