UFOlogie

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Hallo Erdling

Der Prophet eines neuen Zeitalters betritt in gebeugter Haltung die Bühne, als trüge er die ganze Last des Universums auf seinen schmalen Schultern. Mit Lesebrille und zerfurchter Gelehrtenmiene nimmt der US-Psychiater John E. Mack, 65, den stehenden Applaus der mehr als 500 Teilnehmer des "Internationalen UFO-Kongresses" in Kaarst bei Düsseldorf (Teilnahmegebühr 480 Mark) entgegen. Sodann verkündet er eine unbescheidene Weissagung in den abgedunkelten Konferenzraum: "Ich glaube, daß meine Arbeit die westliche Realitätssicht in Frage stellt."

Starker Tobak

Schuld an diesem Jahrtausend-Zweifel haben mehr als 100 hilfsbedürftige Nordamerikaner, die dem Professor an der Medical School der renommierten Harvard-Universität in hynoseunterstützten Therapiesitzungen von Entführungen durch Außerirdische erzählten. Sensationsstoff genug für einen Bestseller, den der Ordinarius im vergangenen Jahr vorlegte und der nun auch in Deutschland reißenden Absatz findet. Über 25.000 Exemplare wurden hierzulande binnen zweier Monate verkauft; während einer einzigen Autogrammstunde schlägt der Verlag leicht weitere 100 Stück los.

Im Zentrum der Berichte steht ein rätselhafter Vorgang. Den Erdlingen werden in krankenhausähnlich eingerichteten spaceships ambulant Sperma bzw. Eizellen entnommen - offenbar für Zwecke eines ebenso unbekannten wie unerhörten Züchtungsprogramms.

Die berichteten Vorfälle, versichert der Professor immer wieder, ließen sich nicht mit bloßen Phantasien oder gar schweren seelischen Störungen der Patienten erklären. Mack: "Da draußen passiert etwas Gewaltiges."

Zwar muß auch er einräumen, daß "wir nicht wissen, worum es geht" - was ihn jedoch nicht hindert, von der modernen Wissenschaft zu verlangen, sie möge "endlich wieder die menschliche Erfahrung als echte Daten akzeptieren".

Der Aberwitz des Mackschen Buchs ist freilich kein Unikum. 1995 wird als großes Durchbruchsjahr der internationalen UFOlogie in die Geschichte eingehen. Weltweit steigt die Zahl angeblicher UFO-"Sichtungen", häufen sich die Fernsehauftritte selbsterklärter "Kontaktierter", boomt das Geschäft mit den "Aliens", die - in welcher Mission auch immer - den Planeten Erde heimsuchen.

Auch die Deutschen haben sich nun dem Thema geöffnet - in früher unvorstellbarer Weise. 1993 gaben schon knapp 20 Prozent der Deutschen offen ihren Glauben an extraterristische Vielflieger zu Protokoll.

Der Grund dafür ist strittig. In der Szene selbst macht man "gesteigerte Akzeptanz" des einst verrufenen Sujets für den Siegeszug der grünen Männchen verantwortlich. Genüßlich konstatiert der Rottenburger Verleger Jochen Kopp, der mit seinem monatlichen "UFO-Kurier" munter im Markt mitmischt: "Der Widerstand in Medien und Wissenschaft schwindet, das Publikum ist offener geworden."

Urkirche im Internet

Dabei hatten sich die UFOlogen bequem im gesellschaftlichen Untergrund eingerichtet. Ihre Botschaften verbreiteten sie am liebsten über hektographierte "Geheim"-Zeitschriften oder tauschten sich in geschlossenen Zirkeln aus.Durch die zunehmende Computerisierung erlangt die UFOlogie indes eine völlig neue Qualität: Im Internet, der weltweit benutzten Datenautobahn, tauschen Zigtausende aktiv ihre Meinungen, Erkenntnisse und Visionen aus. Die digitale Ästhetik paßt perfekt. Schließlich dürften auch die Astronauten-Götter nicht ohne Computertechnologie ausgekommen sein....

Talk of the world

Als Schlager haben sich vor allem die "unheimlichen Begegnungen der dritten Art" herausgestellt. UFOlogen verstanden unter dieser Chiffre schon immer eine Art Qualitätssteigerung. Das Gütesiegel bezieht sich darauf, daß Außerirdische bei uns auf Erden nicht nur gesehen und gesprochen werden, sondern immer mehr Zeugen jetzt obendrein auch noch oft an Bord ihrer Raumschiffe dürfen (bzw. meist gezwungen werden). Was den Helden von Hollywood-Regisseur Steven Spielbergs gleichnamigem Film von 1977 nur als erklärtes "Scienefiction"-Abenteuer zustoßen konnte, soll heute jedermann real passieren können.

Heilige Untertasse

Entsprechend entwirft Mack das Szenario einer operativen Intelligenz, von den Entführten instinktiv als "Abgesandte Gottes" identifiziert, "der mit uns in Kontakt tritt". Das überirdische Kidnapping nennt sich euphorisch "Wiederanbindung an die göttliche Quelle". Das Ziel ist gleichsam auf die Seelenlage von Grünen und Greenpeace zugeschnitten: Insgesamt nämlich geht es um eine gänzlich "erneuerte Einstellung" zum Planeten Erde, den die karitativen Besucher aus dem All für ökologisch gefährdet und atomar bedroht halten.

Macks akademischen Beistand hat die ufosüchtige Kundschaft lange entbehren müssen. Fast fünf Jahrzehnte lang wurden die glaubensstarken Anhänger dubioser Himmelserscheinungen als Narrenzirkel verlacht, die jeden Schatten am Firmament naiv als Fähre extraterrestischer Zivilisationen identifizierten oder gar skandalös gutgläubig auf die allerkümmerlichsten Fotomanipulationen hereinfallen.

Dabei schließen auch seriöse Naturwissenschaftler die Möglichkeit extraterristischen Lebens grundsätzlich nicht aus. Wie sollte dies angesichts unserer so geringfügigen Kenntnisse von einem schier unendlichen Kosmos auch anders sein? Der Psysik-Nobelpreisträger Murray Gell-Mann ist sich "sicher, daß fremde Intelligenzen auf anderen Planeten gewiß existieren", und auch der Chefastronom des Heidelberger Max-Plack-Instituts, Steven Beckwith, steht dafür.

Fraglich hingegen bleibt der Beweis für UFOs. Das kleine Wortungetüm machte bekanntlich als lakonisch-militärisches Kürzel für "Unidentifizierte fliegende Objekte" eine steile Karriere, seit in den USA erstmals die Kunde von unerklärlichen Himmelserscheinungen zu kursieren begann. 1947 gilt als Geburtsjahr moderner UFO-Erscheinungen. Damals wurden im Süden Amerikas die ersten "fliegenden Untertassen" gesichtet. In Roswell, einer ländlichen Gemeinde von New Mexiko, soll es gar zu einem Crash gekommen sein. Soll - denn ein erstes Militärkommunique wurde blitzartig wieder dementiert. Ein Wetterballon sei niedergegangen, hieß es in der zweiten Meldung. Danach verschwanden alle Details unter Aktendeckeln. Verständlich, war doch der zweite Weltkrieg gerade zu Ende gegangen und der Kalte Krieg soeben eröffnet. Damit war für die Militärs jegliches fremde Flug-Zeug potentiell vom weltlichen Feind.

Die Geheimniskrämerei bewirkte umgekehrt schnell den Verdacht bei vielen, eine Weltsensation würde vertuscht: die Landung Alliens. Seither kommen alle Jahre wieder regelmäßig Sichtungswellen. Besonders oft besucht werden demnach die Vereinigten Staaten. In den Siebzigern wurde verstärkt Europa heimgesucht, Ende der 80er Jahre lag der Sichtungsschwerpunkt in Belgien. Nachdem auch jenseits des einstigen Eisernen Vorhangs gesagt werden darf, was gesagt werden will, steuern auch Ost-UFOlogen ihre Geheimnisse bei. Und in der letzten Woche meldete sogar die "Bagkok Post" UFOs in Asien.

Sehnsucht nach Sinn

Wie andere Mysterien der Geschichte, die sich bisher hartnäckig dem wissenschaftlichen Konsens entziehen konnten, wird auch das eigentlich säkulare Problem unbekannter Flugobjekte mit reichlich religiöser Sehnsucht überladen. Vor allem die sogenannten "Grenzwissenschaften" haben sich mit Wonne auf das Thema gestürzt. Da verschmelzen die Geheimnisse der problematischen Untertasse mit der Suche nach dem Heiligen Gral, das Rätsel fremder Raumschiffe wahlweise mit dem der Sphinx, der Bedeutung von Stonehenge oder dem Verbleib des Sagen-Kontinents Atlantis. Motiv: In einem Aufwasch sollen endlich Sinn und Herkunft menschlicher Existenz ergründet werden.

Entsprechend weiträumig erweist sich das Terrain für Spekulationen rund um UFOs. Gerade auf dem Buchmarkt boomen Sachtitel, die sich mit unerklärlichen Phänomenen befassen. Großverlage wie Bertelsmann, Langen Müller, Goldmann oder Ullstein überziehen die Sortimente mit Literatur über außerirdisch inspirierte Hochkulturen der Vorzeit, zerstörte High-Tech-Zivilisationen auf dem Mars oder UFO-Götter, die das Volk Israel seinerzeit per Funkgerät durch die Wüste geleitet haben sollen. Sechsstellige Auflagenzahlen sind keine Ausnahmen.

"Momentan schwappt diese Welle nach oben", bestätigt Bertelsmann-Lektor Johannes Jacob den Trend. "Die Leser suchen nach Lösungsvorschlägen in Bereichen, wo die herkömmliche Wissenschaft nichts erklären kann." Hinzu käme bei derlei Themen ein "Unterhaltungskitzel: Lauert da draußen Gutes oder Böses? Die Leute lesen so was wie Belletristik."

Ein ähnlich phantasiewütiger Jahrmarkt von New-Age-Devotionalien bepflastert die Gänge auslastungsbedürftiger Kongreßhotels, wenn sich die weltweite UFO-Community dort regelmäßig zu Tagungen trifft. Pfiffige Sachbuchautoren, die sich zu Meisterdenkern der Szene emporgeschwungen haben, referieren über Transwelten" oder "Paralleluniversen" - und kaschieren mangelnde empirische Evidenzen am liebsten mit dem Stereotyp "militärischer Geheimhaltung" oder anderem Arkanwissen. Dutzende von sektiererischen Kleinverlagen offerieren Offenbarungsschriftgut von "Weltenlehrern", "Sternenbrüdern" und "Generalsbevollmächtigten außerirdischer Raumfahrtflotten" - Cäpt'n Kirk läßt grüßen. Zwischendrin gedeihen luftschwängernde Aromatherapeuten, computergestützte Karmaanalytiker, Aurafotografen, Reinkarnationstrainer oder Schmuckkollektionen des dritten Jahrtausends.

Höhepunkt des ganzen Zirkus ist in diesem Jahr das mystische Zelluloid des englischen Musikfilmers Ray Santilli. Der vielbeschriene Streifen gibt vor, die Sezierung eines 1947 über dem amerikanischen Ort Roswell abgestürzten außerirdischen Lebewesens zu dokumentieren. Obwohl Santilli die Öffentlichkeit über die Produktion absichtsvoll im unklaren läßt, avancierte der 18-Minuten-Film per Ausstrahlung in Großbritannien, USA, Japan, Deutschland und Italien Ende August zum Kultobjekt der internationalen UFO-Gemeinde.

Der Kongreßveranstalter und selbsternannte UFO-Experte Michael Hesemann, 31, kündigte den Roswell-Film als "sensationellen Durchbruch in der UFO-Forschung" an, dessen Authenzität außer Frage stehe. Hesemanns Einsatz hat auch Marketingmotive: Der bullige UFO-Promoter vertreibt den Roswell-Film hierzulande exklusiv auf Video.

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Götter zum Anfassen

Die übermächtige Faszination gründet auf dem pseudoreligiösen Überbau, den die UFOlogie mittlerweile angespeckt hat. Seit die Aufklärung sämtliche Gottesvorstellungen verworfen hat, probiert der Mensch andere Erklärungsweisen, sich die eigene Geschichte begreiflich zu machen. Von solcher Sehnsucht nach fliegenden Übermenschen lebt der SChweizer E.T.-Propagandist Erich von Däniken, 60, bekanntlich seit fast 30 Jahren. Über 20 Bücher mit einer Weltauflage von mehr als 51 Millionen Exemplaren füllte er mit seiner These, daß außerirdische Wesen in prähistorischer Zeit die Erde besuchten, um menschliche Geschichte maßgeblich zu beeinflussen.

Seine Visionen beschreiben die Menschheit auf dem Weg zur Vollmitgliedschaft in der galaktischen Familie, weil wir nach außerirdischem Vorbild "das Universum besiedeln und uns ausbreiten". Technisch sei das ein Kinderspiel: "Wir müssen uns von unserer Vorstellung von Zeit freimachen. Durch Geschwindigkeit und Energie läßt sich Zeit manipulieren."

Erfreut registriert der Schweizer, daß seine Zeitphantasien jüngst allerhöchsten Zuspruch erhielten. Seit der Physik-Guru Stephen Hawking, eine Art moderner Einstein, ebenfalls Zeitreisen für durchführbar hält, scheint kein Halten mehr. Däniken: "Menschlicher Geist findet seine Vervollkommnung in der Maschine".

Solcherlei Ingenieur-Theologie meditieren spirituell geneigte UFO-Sucher entschlossen nieder. So vermutet der gelernte Atronom Johannes von Buttlar, daß "Außerirdische den Kontakt zum Menschen über dessen Unterbewußtsein aufnehmen werden. Das würde als Traum stattfinden, um das Bewußtsein des Menschen positiv zu beeinflussen." Buttlar meint sogar, daß "der Kontakt in dieser Form längst stattfindet".

Immerhin fällt auf, daß die Quintessenz all dieser "Extraterresmen" den überlieferten Weisheiten der Weltreligionen - und vieler Philosophien - erstaunlich ähnelt. Da die Naturwissenschaften gegenwärtig einen Paradigmenwechsel von einer eher mechanistischen zu einer mehr holistischen Weltansicht erleben, gewinnen die Anschauungen uralter Mythen ungeahnte Aktualität. Dem französischen Philosophen Rene Descartes (1596-1650) galt das Universum als gigantisches Maschinenwerk, er trennte Materie strikt vom Geist. Doch solcher Dualismus ist heute nicht mehr en vogue.

Denn die Forscher-Avantgarde beschreibt den Kosmos inzwischen als zusammenhängenden, lebendigen Organismus. Die moderne Physik erkennt nicht länger einen Unterschied zwischen stofflicher Substanz und Bewußtsein.

Dieser Paradigmenwechsel hat nicht nur wissenschaftliche, sondern auch soziale Konsequenzen. Das technische Zeitalter, das uns in eine ökologische Krise geführt hat, scheint den Menschen emotional zu entwurzeln, gar in tiefgreifende Ängste zu stürzen. Als rettender Ausweg bleiben so nur die Bilder der Mythologie.

Der Schweizer Tiefenpsychologe Carl Gustav Jung (1875-1961) sah daher in der Ankunft "fliegender Untertassen" eine Rückkehr verdrängter Symbole des kollektiven Unbewußten ins Leben der Moderne.

Ähnlich argumentiert der UFO-Forscher Ulrich Magin. "In einer säkularisierten, industrialisierten Gesellschaft muß die visionäre Erfahrung im Gewand der technischen Sage auftreten (Entführung durch Außerirdische), so wie sie im Mittelalter im ländlichen Gewand der Koboldbewegung erlebt wurde." die nötige Erfahrung werde "jeweils in der Terminologie der betreffenden Zeit berichtet und dem herrschenden Weltbild angeglichen. (H.Fuss/R.Thiede/S.Paetow/I.Böck/U.Wolff) Aus: -Focus 45/95-06-11-95-

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