Scientology
- Sekte wirbt in Kindergärten der Kirche
- "Die richtigen Leute am richtigen Platz": Personalberatung von Scientology
- Scientologe muß zahlen
- Fischer verklagt die Scientologen
- Schwerer Schlag gegen Scientology
- "Wirtschaftliche Zwecke"
- "Nicht akzeptieren"
- Nationale Offensive gegen Scientology
- Makler fordern Kampf gegen Sekte
- taz darf Scientology-Liste weiter verbreiten
- Scientology bläst zum Angriff auf Bonn
- Warnung vor der Sekte
- Scientology kein Kündigungsgrund
- Verschiebt Scientology Millionen in die USA ?
- Länder wollen gegen Scientology vorgehen
- Schlankheits-Shake 'a la Hubbard
- Kindesentführer gestellt
- Die geheime Strategie der Sekte
- Rechtsfähigkeit in Bremen und Karlsruhe aberkannt
- Scientology muß Gewerbe anmelden
- Friseurinnung warnt vor Scientology-Sekte
- Prozeß gegen Scientology
Sekte wirbt in Kindergärten der Kirche Pfarrer: Vorsicht, Scientologen. - Vor der Werbung der Scientologen sind selbst die Kindergärten nicht sicher: Seit August verschickt die "Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte" Werbebriefe an evangelische Kindergärten. Inhalt: Der vermeintlich unverantwortliche Umgang von Ärzten mit Psychopharmaka für Kinder. Dagegen setzt der Sekten-Ableger seine "Aufklärungsvorträge". Joachim Keden, Pfarrer und evangelischer Sektenbeauftragter, warnt eindringlich: "Mit dieser Kampagne sollen offensichtlich neue Adressen gesammelt werden".
Der erneute Vorstoß der Scientologen, die Bundesarbeitsminister Norbert Blüm als "verbrecherische Geldwäschorganisation bezeichnet, empört auch Sozialdezernent Paul Saatkamp: "Wer die Briefe bekommt, soll sich ans Jugendamt wenden."
Wie Ralf Mucha gegenüber der NRZ erklärte, komme die Agitation der Sekte in Düsseldorfer Kindergärten nicht überraschend. "Diese Praktik ist bereits aus Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg bekannt." Seit August dieses Jahres tauchten die Werbebriefe der Kommission mehrfach in evangelischen Kindergärten auf. Im Brieftitel wird die "Scientology Kirche, Vereinssitz Düsseldorf, VR 7439" angeführt. Überschrift: "Psychodrogen für Kinder". Die Kommission bietet zudem Kurse an - und gibt vor, so seelische Probleme lösen zu können: "Oft enden die extrem teuren Seminare für den Hilfesuchenden mit dem seelischen und finanziellen Ruin. Ein wirkliches Engagement für psychisch Kranke ist nicht vorhanden," schätzt Experte Pfarrer Keden dieses Angebot ein.
1974 gründeten Scientologen den Verein mit dem ehrenwerten (aber grammatikalisch unkorrekten) Namen "Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte". In fachwissenschaftlichen Kreisen gelten ihre Theorien als "medizinischer Quatsch", so Uwe Steinkrüger von Landschaftsverband Rheinland (LRV). Aus: - Neue Rhein-Zeitung-24-09-94-
"Die richtigen Leute am richtigen Platz": Personalberatung von Scientology
Beispiel eines Laupheimer Unternehmens zeigt: Choice International auch bei kleineren Firmen aktiv. - Beinahe hätte eine Scientologin für uns unser Personal ausgesucht." bei dem Gedanken schaudert es Monika Rayher noch heute. Daß es nicht soweit gekommen ist, verdankt sie einem Vortrag bei der Industrie und Handelskammer in Ulm über das Thema Scientology, bei dem der Name Choice International, Management- und Personalberatung, gefallen ist. Genau diese Firma mit der Geschäftsführerin Doris Heinzel-Rodenhauser aus Kirchheim-Jesingen hatte der Firma Rayher ihre Dienste angeboten, und eine Zusammenarbeit war bereits beschlossene Sache.
"Ich hatte von Scientology keine Ahnung", sagt die Firmenchefin Monika Rayher, Leiterin der Personalabteilung des rund 100 Arbeitnehmer zählenden Betriebs. Die Laupheimer Firma ist Grossist für Bastelbedarf. Frau Rayher hatte bei ein paar Einstellungen danebengegriffen. Da kam der Anruf von Doris Heinzel-Rodenhauser genau zur richtigen Zeit. Sie verstand es, die Schwierigkeiten auf den Punkt zu bringen. Die Geschäftsführerin des Beratungsbüros für mittelständische Unternehmen ist in ganz Deutschland aktiv: In Frankfurt, Düsseldorf, Münster, Hamburg, Hannover, Darmstadt, Stuttgart, Karlsruhe, Heilbronn, Augsburg, München, Nürnberg, Berlin, Köln, Wiesbaden, Ulm, Saarbrücken und Ludwigshafen hat sie Büroräume angemietet. Im europäischen Ausland gibt es Niederlassungen in Villach, Bern und Helsinki.
Monika Rayher wundert sich noch heute, wie Frau Heinzel-Rodenhauser ausgerechnet auf ihre Firma kam. Sie hatte sich bei anderen mittelständischen Firmen in Laupheim umgehört, aber eine Personalberatung war anscheinend niemandem von Choice International angeboten worden. Alles sei sehr zügig gegangen, erinnert sich die Firmenchefin. Im Februar rief Frau Heinzel-Rodenhauser an, kurz danach besuchte sie die Laupheimer Firma. man wurde schnell handelseinig. Die Management- und Personalberatung aus Jesingen sollte die Einstellung einer neuen Mitarbeiterin vorbereiten und ausschreiben. Nach dem Motto: "Die richtigen Leute am richtigen Platz" wollte Frau Heinzel-Rodenhauser für den Vertriebsleiter eine Sekretärin suchen. "Sie sind für eine Firmenchefin viel zu gutmütig", hatte die Beraterin zu Frau Rayher gesagt.
Monika Rayher erinnert sich noch genau. Anfang März erhielt sie von der Beratungsfirma das Fax mit dem Vorschlag für eine Annonce, die ursprünglich drei Tage später erscheinen sollte, von ihr dann aber auf einen späteren Termin verschoben wurde. In der Zwischenzeit fand der Vortrag bei der IHK statt, bei dem Monika Rayher aufgeklärt wurde, daß sie einen Vertrag mit einer Scientologin abgeschlossen hatte. Sie kündigte sofort die Zusammenarbeit mit der Management- und Personalberatung. Mit einem freundlichen Brief verabschiedete sich die Beraterin von Frau Rayher.
"Wir sind noch mit einem blauen Auge davongekommen", ist die Firmenchefin heute sicher. Zwar mußte sie einen Teil des Honorars zahlen, aber ihr Personal sucht Monika Rayher wieder selber. Aus Angst, daß sich bereits Scientologen in ihre Firma eingeschlichen haben könnten, ließen sie und ihr Mann alle leitenden Angestellten unterschreiben, daß sie nicht zur Scientology-Church gehören.
Inzwischen sind Monika Rayher und ihr Mann hellhörig, wenn es um Scientology geht. "Zuvor dachte ich, Scientology ist halt eine Sekte, die man gewähren lassen sollte." Erst nach diesem Zwischenfall informierte sie sich über die Machenschaften von Scientology. Kurz bevor die Firma Rayher die Zusammenarbeit mit Doris Heinzel-Rodenhauser aufkündigte, erhielt Monika Rayher noch ein Angebot über ein Managerseminar von ihr mit der kurzen Notiz: "Das möchte ich Ihnen baldmöglichst ans Herz legen." Aus: -Schwäbische Zeitung-05-10-94-
Scientologe muß zahlen Das Amtsgericht am Sievekingplatz bot gestern eine zweistündige Verhandlung mit hohem Unterhaltungswert und erquicklichen Bibelzitaten. Franz Riedl (41), Vizepräsident der Scientology-Kirche Hamburg, saß in seinem dunkelblauen Anzug mit gefalteten Händen sehr gerade auf der Anklagebank. Der schlanke Mann, der als Beruf Diplom-Psychologe angab, stand wegen Beleidigung vor Gericht.
In einem Schreiben vom 14. September 1993 hatte der Angeklagte Pastor Gert Glaser (37) vorgeworfen, sein pastorales Amt zu mißbrauchen und ihn mit Denunzianten im Dritten Reich verglichen. Sein Schreiben sei eine Reaktion auf einen Briefwechsel zwischen Glaser und dem Deutschen Naturheilbund gewesen, die Beleidigungen der Scientology Kirche enthielten. "Wenn Scientology diffamiert wird, fällt das in mein Aufgabengebiet", erklärte der für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständige Vizepräsident. Bei den "Lügen und Drohungen" in den Briefen des Pastors sei ihm "der Kragen geplatzt". "Durch den Scientology-Briefkopf bekommt die Beleidigung aber ein besonderes Gewicht", erklärte Richter Henning Haage, der neben den anderen Schreiben auch die Entschuldigung Riedls an Pastor Glaser vom 21. Januar 1994 verlas. "Ich sehe die Entschuldigung als taktische Handlung und akzeptiere sie nicht", meine der Sektenbeauftragte der hannoverschen Landeskirche Glaser und bekam vom Münchner Verteidiger Wilhelm Blümel den Bibelhinweis, "auch die andere Wange hinzuhalten".
Auf seine Bezugnahme zum Dritten Reich befragt, antwortete Riedl: "Diese Typen habe ich damals kennengelernt." Zum Einwand des Richters, er sei doch Jahrgang '53: "Ich spreche von anderen Leben."
Zur Frage des Einkommens erklärte der Angeklagte, seine Eltern unterstützen ihn beim Einkleiden. 1993 habe er "aus wöchentlichen Zuwendungen zum Lebensunterhalt" insgesamt 18.000 Mark erhalten. "Als Vizepräsident einer großen Organisation, die ihren Anwalt aus München einfliegen läßt - das nehme ich Ihnen nicht ab", gab Richter Haage zurück. Sein Urteil unter Beifall aus dem Zuhörerraum: 18.000 Mark Geldstrafe. "Der Angeklagte wurde nicht direkt angegriffen und ist in nahezu unverständlicher Weise entgleist. Aus: -Die Welt-08-10-94-
Fischer verklagt die Scientologen
Wegen Verleumdung und Beleidigung will der Vorsitzende des Rechtsausschusses der Bürgerschaft, Ralf-Dieter Fischer (CDU), die Scientologen verklagen. Die Scientologen hatten Fischer und weitere Bürgerschaftsabgeordnete zuvor auf einem Flugblatt der Lüge bezichtigt.
Fischer hat den Senat aufgefordert, den Scientologen endlich die Rechtsfähigkeit zu entziehen, damit ihnen der vereinsrechtliche Status gestrichen werden kann. "Nur auf diese Weise kann der gefährlichen Sekte die Existenzgrundlage weggenommen werden", sagte Fischer. Ferner müssen der Senat der Bürgerschaft endlich den Scientology-Tätig-keitsbericht vorlegen.
Unter der Überschrift "Nachrichten aus Hamburg" hatten die Scientologen auf einem Flugblatt erklärt, am 17. Juni habe die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen sie eingestellt. Ferner habe das Hamburger Oberverwaltungsgericht am 24. August dieses Jahres der Scientology Church den Schutz des Grundgesetzes, Artikel 4 (Religionsfreiheit) zugebilligt. Diese und weitere Entscheidungen hätten klargestellt, daß die Scientologen eine Religions- und Weltanschauungsgemeinschaft seien, heißt es auf dem Flugblatt. Ferner steht darauf: Wer Gegenteiliges behaupte, der lüge. Nach einem Doppelpunkt folgt eine Aufzählung "der Lügner" in alphabetischer Reihenfolge. Darunter befanden sich die Namen der CDU-Bürgerschaftsabgeordneten Antje Blumenthal, Ralf-Dieter Fischer und der CDU-Bundestagsabgeordneten Susanne Rahardt-Vahldieck. Die SPD ist mit den Bürgerschaftsabgeordneten Elisabeth Kiausch, Werner Hackmann sowie Ursula Caberta vertreten.
Wie berichtet laufen seit Jahren Bestrebungen, den Scientologen das Handwerk zu legen. Die Bürgerschaft hatte bereits eine große Anhörung im Rechtsausschuß zum Thema "Scientologen" ausgerichtet. Einstimmig hatten sie die Fraktionen für einen Maßnahmenkatalog gegen den Verein ausgesprochen. Die Anhörung hatte zuvor ergeben, daß es sich um ein Unternehmen handele, das fragwürdige Leistungen teuer verkaufe. Aus: -Pinneberger Tageblatt-11-10-94-
Schwerer Schlag gegen Scientology Innenbehörde entzieht dem Verein die Rechtsfähigkeit. - Die umstrittene Scientology-Mission Bremen" darf sich nicht mehr als gemeinnütziger Verein nach außen darstellen. Nach längerer Vorbereitung hat die Innenbehörde der Organisation mit Sitz am Osterdeich jetzt die Rechtsfähigkeit entzogen. Der Bremer Missionschef Heinz Vogel sprach gestern von einer "Schweinerei" und "Methoden wie im Dritten Reich")
Dies ist nun der dritte Schlag seit 1993 gegen die Bremer Filiale der weltweit agierenden Organisation. Im Sommer vergangenen Jahres hatte das Stadtamt den Scientologen untersagt, weiter mit Info-Ständen aggressiv um Kunden zu werben. Im September wurde die Scientology-Mission aufgefordert, wie jedes kommerzielle Unternehmen ein Gewerbe anzumelden. Den Widerspruch gegen diese Aufforderung wies das Stadtamt zurück, die Klage liegt beim Verwaltungsgericht.
"Wirtschaftliche Zwecke" In einem dritten Schritt wurde dem bislang als gemeinnützig eingetragenen Verein nun die Rechtsfähigkeit entzogen. Die Sprecherin der Innenbehörde, Merve Pagenhardt, zu den Gründen: "Wir sind der Überzeugung, daß der Verein entgegen seinem in der Satzung dargestellten ideellen Zweck tatsächlich in erster Linie wirtschaftliche Zwecke verfolgt. Es wird ihm nicht mehr erlaubt sein, sich als gemeinnütziger Verein nach außen darzustellen und tätig zu werden, seine Produkte anzubieten und Mitglieder zu werben." Ein schärferes Vorgehen gegen die Scientologen hatten in der Vergangenheit sowohl die Bremische Bürgerschaft als auch die Bremer Sektenberatung gefordert. Scientology selbst gab sich dagegen als eine Kirchengemeinde aus. Das ist allerdings in den Augen des Sprechers der Bremer Sektenberatung, Bernhard Brünjes, barer Unsinn. "Nachdem Bremen jetzt auch wie andere deutsche Städte gegen diesen Verein vorgeht, beobachten wir zunehmende Aktivitäten im Umland, etwa in Bremerhaven oder in Delmenhorst." Brünjes untermauert seine Kritik an dem Verein, der neue Mitglieder zuerst mit kostenlosen Persönlichkeitstests lockt und dann die Kurse teuer bezahlen läßt mit Ermittlungsergebnissen deutscher Strafverfolgungsbehörden.
Danach handele es sich bei Scientology um eine "Ideologie mit ausgeprägten totalitären Grundprinzipien, deren Ziel die wirtschaftliche Ausbeutung hörig gewordener Kunden" sei. Ideen, Ziele und Praxis seien nicht mit der Wertordnung des Grundgesetzes vereinbar. Dennoch - die Bremer Sektenberatung hat festgestellt, daß die Scientologen in jüngster Zeit offensiv mit ihrer "reinen Weste" werben. Tatsächlich ist in Hamburg ein Verfahren gegen die Organisation wegen des Verdachtes einer kriminellen Vereinigung eingestellt worden. Brünjes: "Was Scientology aber tunlichst verschweigt - Verfahren wegen Nötigung und anderer schwerwiegender Delikte laufen weiter."
"Nicht akzeptieren" Der Bremer Scientology-Chef Heinz Vogel erklärte gestern, in der Zentrale am Osterdeich sei der schriftliche Entzug der Rechtsfähigkeit noch nicht angekommen. Akzeptieren werde man diese Anordnung nicht. Aus gutem Grund: Wenn Scientology hier zu einem normalen Unternehmen wird, muß man sich in die Bücher gucken lassen. Aus: - Weser Kurier - 11-10-94-
Nationale Offensive gegen Scientology Regierungen und Behörden von Bund und Ländern wollen den Kampf gegen die weitere Ausdehnung der Scientology-Sekte in Deutschland konzentrieren und verschärfen.
Kommenden Monat beraten sowohl die Innenminister als auch die Ministerpräsidenten der Länder sowie eine vom Jugendministerium geführte Arbeitsgruppe der Bundesregierung über eine engere Kooperation und weitere Schritte. Diese neue Offensive wurde unter anderem durch eine internationale Kampagne ausgelöst, mit der die Scientology-Sekte das Ansehen Deutschlands in der Welt beschädigen will. In ganzseitigen Anzeigen in großen amerikanischen Zeitungen, darunter die "New York Times" und die "Washington Post", wird deutschen Behörden vorgeworfen, religiöse Minderheiten - dazu rechnen sich auch Mitglieder der Scientology-Sekte - zu diskriminieren und brutal zu verfolgen, wie einst im Nazi-Reich. Die Bundesregierung, so heißt es, begegne dem zunehmenden Faschismus "mit Nachsicht und Ermutigung".
Spätestens jetzt, so hofft die Hamburger Sekten-Beauftragte Ursula Caberta, würden sich Politiker aller Parteien und Behörden "zusammenraufen und gemeinsam den Kampf gegen Scientology aufnehmen". Die in der SPD für das Thema Sekten zuständige Bundestagsabgeordnete Renate Rennebach hält die Scientologen für "ein nationales Problem", dem nur mit einem Verbot begegnet werden könne.
Ähnliche Forderungen erheben führende CDU-Politiker: Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU) plädiert dafür, gegen die "Menschen-Manipulations-Maschine" Scientology den Verfassungsschutz einzusetzen. Und der CDU-Innenexperte Johannes Gerster sprach sich diese Woche dafür aus, gefährliche Sekten mit verdeckten Ermittlern auszuforschen.
Welche Gefahren vor allem von den Scientologen ausgehen, ist seit Jahren vor allem aus Berichten von "Aussteigern" bekannt. Sie unterzieht, so die weitgehend übereinstimmenden Schilderungen, neue Mitglieder Gehirnwäschen, um ihnen die menschenverachtenden Lehren ihres Gründers L. Ron Hubbard einzutrichtern und ihr Vermögen zu kassieren; sie infiltriert große Wirtschaftsunternehmen - darunter die bedeutendsten deutschen Banken; sie veranstaltet Fortbildungen für Manager, Umschulungen für Arbeitslose und Therapien für Süchtige - stets mit dem Ziel, diese Personen von sich abhängig zu machen und als Multiplikatoren ihrer Lehre einzusetzen; sie betreibt Psychoterror gegen Abtrünnige.
Expertenschätzungen zufolge zählt die Scientology-Sekte allein in Deutschland mehrere Zehntausend Mitglieder. Anhänger und Sympathisanten. Die Beträge, die von Einzelpersonen und Sekteneigenen Tarnfirmen jährlich an die Deutschland-Zentrale in München abgeführt werden, gehen in die Hunderte von Millionen Mark.
Bislang ist es aber nur selten gelungen, erfolgreich gegen die Aktivitäten vorzugehen. Ein Grund: Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichte wissen zu wenig über Scientology und deren Strategien. Bei vielen Ermittlungen und Prozessen wegen Wirtschaftskriminalität ist nicht bekannt - oder bleibt unberücksichtigt -, daß die Täter Scientologen sind und im Auftrag einer gigantischen Organisation handeln.
Auch die föderale Gliederung Deutschlands erschwert die Bekämpfung der Sekte. Wenn beispielsweise - wie 1993 geschehen - ein Hamburger Gericht feststellt, Scientology könne keinen Vereins-Status beanspruchen, sondern sei eine materiellen Gewinn anstrebende Organisation, gilt das zunächst nur für Hamburg. in jedem anderen Bundesland und jeder Kommune, wo die Scientologen Vereine gründen, muß gesondert dagegen geklagt werden.
Mitunter werden Behörden in ihrem Kampf gegen das Sekten-Unwesen auch von Gerichten gestoppt. So kann beispielsweise das Bundesjugendministerium eine seit einem Jahr vorliegende Dokumentation "Sogenannte Jugendsekten und Psychogruppen" nicht veröffentlichen, weil eine Klage dagegen beim Oberverwaltungsgericht Münster anhängig ist. Und das Bundesverwaltungsgericht hat dem Ministerium untersagt, eine Eltern-Initiative zur Wahrung Jugendlicher vor Sekten zu fördern.
Immerhin wurde beim Bundesverwaltungsamt in Köln unlängst ein Dokumentationszentrum eingerichtet, eine zentrale Anlaufstelle, bei der sich jedwede Behörde - vor allem Kriminalämter, Staatsanwaltschaften, Gerichte - informieren kann. Überdies gab die Länderinnenministerkonferenz auf ihrer jüngsten Tagung zumindest eine grobe strategische Richtung vor: Der Schwerpunkt der staatlichen Abwehrmaßnahmen gegen Scientology müsse im Bereich des organisierten Verbrechens und der Wirtschaftskriminalität liegen.
Aber nicht allein in Deutschland konnte sich die Scientology-Organisation bislang weitgehend unbehelligt entwickeln. Auch die Regierungen und Behörden anderer Staaten gingen bislang nur zögerlich gegen die Sekte vor - teils aus Unkenntnis, teils aus Gründen der Toleranz.
Letzteres gilt insbesondere für Dänemark, weshalb die Scientologen dort ihr Hauptquartier für Europa und Afrika aufschlugen. Nebenher betreibt die Sekte unter Tarnnamen Schulen für behinderte Kinder, eine Entzugsklinik für Drogensüchtige und in der Kleinstadt Bjernstrup, wenige Kilometer nördlich der deutschen Grenze, ein Internat. Auf eine Scientology-Tarnfirma, die Persönlichkeitstests für Unternehmen anbietet, fiel kürzlich sogar die schwedische Polizei herein: Sie orderte einen solchen Test, um Bewerber auf ihre Tauglichkeit zu prüfen.
In Frankreich zählt die Sekte nach Schätzungen von Behörden 30.000 bis 40.000 Mitglieder, Das Zentrum befindet sich in der Rue des Dunkerque im 9. Bezirk von Paris; es ist eines der größten in Europa.
Zwar werden die Scientologen vom französischen Geheimdienst überwacht, gleichwohl soll es ihnen gelungen sein, höchste Stellen des Staatsapparates zu infiltrieren, wie der Journalist Serge Faubert kürzlich in einem Buch enthüllte. Überdies veranstaltet die Sekte nach wie vor "psychologische Seminare" für Firmen, die ihre Mitarbeiter fortbilden lassen wollen. Sie sind als Berufsakademien getarnt.
In Großbritannien ist es Scientology zwar noch nicht gelungen, als Kirche oder Wohlfahrtsorganisation anerkannt zu werden; die Sekte muß Steuern zahlen. Über die Aktivitäten ist den Behörden allerdings kaum etwas bekannt. Dabei hatte schon 1984 ein Richter des High Court in London die Sekte als korrupt, unmoralisch, unheilvoll und gefährlich beschrieben. Im übrigen gilt ihre Zentrale in East Grinstead (Sussex) als aufwendigste in ganz Europa: Es handelt sich um ein mittelalterliches Schloß, einst Landsitz eines indischen Maharadschas, das in den 80er Jahren im Stile Disneylands ausgebaut wurde.
Selbst in ihrem Stammland USA (die Weltzentrale sitzt in Los Angeles) können die Scientologen offenbar weitgehend unbehelligt wirken. Vor nicht einmal einem Jahr erhielt die Sekte durch die nationale Steuerbehörde IRS den steuerlich vorteilhaften Status einer Kirche. "Die Kirche und ihre 150 Organisationen und Unternehmen operieren ausschließlich für religiöse und wohltätige Zwecke" hieß es in der Entscheidung. Und vergangenen Monat befand der amerikanische Supreme Court, das höchste Gericht, daß eine Verordnung der Gemeinde Clearwater (Florida) verfassungswidrig sei: Darin waren religiöse Gruppen gezwungen worden, über ihre Spenden Buch zu führen.
Diese Beschlüsse fielen trotz eindringlicher Warnungen vor Scientology: Beispielsweise ist der ehemalige FBI-Chef von Los Angeles, Ted Gunnarson, überzeugt, "daß die Sekte eines der ausgefeiltesten Spionagenetze hat, die man sich ausmalen kann". Und das "Cult Awareness Network", eine in Chicago ansässige Behörde für die Beobachtung von mehr als 200 KultOrganisationen und Sekten, hält Scientology für die "skrupelloseste, terroristischste, prozeßhungrigste und lukrativste Sekte, die Amerika je gesehen hat". Aus: -Welt am Sonntag-16-10-94-
Makler fordern Kampf gegen Sekte Verband fürchtet Rufschädigung durch Scientology. - Kampf gegen Scientologen auf dem Wohnungsmarkt: "Es muß zu einer konzertierten Aktion all jener kommen, die mit der Wohnungswirtschaft etwas zu tun haben", forderte Peter Landmann, Sprecher des Ring Deutscher Makler (RDM) in einem Gespräch mit der MORGENPOST. Die Mietervereine schätzen, daß gerade im Umwandlungsgeschäft von Mietwohnungen Scientologen oder Firmen, die mit Sekten-Mitgliedern zusammenarbeiten, zur Hälfte den Ton angeben. Landmann: "Das Verhalten dieser Firmen läuft auf eine Rufschädigung es Maklerberufs hinaus.
Neuester Fall von Umwandlungs-Terror: Heußweg 103/105 in Eimsbüttel, der zum 1. August 1994 an die "Hamburger Immobilien Consult" (HIC) verkauft wurde. Der Mieterverein zu Hamburg spricht von einem rechtsfreien Raum: Ohne Genehmigung aller Mieter wurden die Bodenräume in dem 1906 erbauten Haus abgerissen, Wohnungen sollen entstehen. Die Baustelle ist mangelhaft abgesichert. Steine fielen aus dem Lastenfahrstuhl auf die Straße. Die Staatsanwaltschaft ist eingeschaltet. "Was dort passiert ist kriminell", sagt Willi Lehmpfuhl vom Mieterverein. Er bringt die Hauseigentümer mit der US-Sekte Scientology in Verbindung.
Obwohl der Anwalt der Dachausbau-Firma schriftlich erklärte, daß bis zu einer Einigung mit den Mietern "keine Arbeiten" durchgeführt werden, war davon fünf Tage später keine Rede mehr: Die HIC beauftragte eine Firma "die Haupttrennwände sowie die Reetputzwände abzureißen". Kurz danach konnte Vollzug gemeldet werden: Die störenden Böden waren komplett mit verschwunden - und mit ihnen fehlt auch die Spur von einigem BewohnerEigentum, sagt der Mieterverein. Bis 28. November hat die HIC nun Zeit, die Böden wieder aufzubauen - sonst drohen Klagen. Bei der HIC meldete sich gestern nur der Anrufbeantworter. Für Jurist Lehmpfuhl ist die "Mißachtung der Mieter-Interessen" nicht neu. Er hat die HIC in einer Liste von 32 "Umwandlungs- und Entmietungsprofis" aufgeführt. Mit einem undurchsichtigen Firmen-Wirrwarr beherrschen sie den Immobilienmarkt. Angeboten wurden die Wohnungen (z.B. 62,1 Quadratmeter ab Mai 1995 beziehbar für 239.000 Mark) von CKS und Hansen-Immobilien.
"Wir können bisher nur immer wieder die Staatsanwaltschaft und die Ordnungsämter animieren einzuschreiten", sagt Landmann. "Wir ziehen alle an einem Strang. Politik, Verbände der Makler und Mieter sollten sich zusammentun und versuchen, die Leute zu bekämpfen." Die Mietervereine begrüßen den Vorschlag: "Die Umwandlung läuft äußerst brutal ab. Da muß man mit harten Bandagen gegensteuern", sagt Jurist Lehmpfuhl. "Die Banken müssen aber mit an den Tisch, denn die finanzieren schließlich alles."
Jürgen Twisselmann von "Mieter helfen Mietern": "Der RDM-Vorschlag kann dazu führen, daß die Bereitschaft sinkt, mit Scientologen Geschäfte zu machen." Kernproblem sei, daß die Wohnungen Spekulationsobjekte seien. "Hinzu kommt, daß die Scientologen die Angst der Mieter ausnutzen", so Twisselmann. Lehmpfuhl: "Was von Seiten der Politik läuft ist völlig unzureichend. Die Umwandlung gehört verboten." Aus: - Hamburger Morgenpost-19-10-94-
taz darf Scientology-Liste weiter verbreiten Erster Prozeßerfolg: Über Recherche eines Mietervereins darf berichtet werden. - Schon schien es, als dürften die Medien über Unternehmen mit personellen Verbindungen zur Scientologenorganisation gar nicht mehr berichten. Ob gegen Bild, taz oder das Stadtmagazin HH 19 - ein Gericht nach dem anderen verbot in den letzten Monaten per einstweiliger Verfügung die Nennung solcher Firmen. Gestern errang die taz den ersten Prozeßerfolg in einem Hauptverfahren. Nach der Entscheidung des Landgerichts Berlin darf sie weiterhin Recherchen des Mietervereins Hamburg verbreiten, nach denen unter anderem die Immobilienfirmen Breitling und Partner sowie HG Harlaching in Verbindung zur Organisation der Scientologen stehen.
Die Interessenvertretung der Mieter hatte berichtet, nahezu jede zweite Hamburger Mietwohnung, die in eine Eigentumswohnung umgewandelt und verkauft wird, gehe durch die Hände von "Scientology-Firmen". Diese versuchten "mit teilweise rüden Methoden" die Mieter aus ihren Wohnungen zu vertreiben.
Zunächst können sich die beiden Hamburger Firmen - darunter eine, deren Geschäftsführer bei den Scientologen immerhin den Rang eines "operierenden Thetans der fünften Stufe" (und damit der dritthöchsten) bekleidet - mit einer einstweiligen Verfügung gegen die taz durchsetzen. Begründung: Ihre "Religion" habe mit ihrer jeweiligen Firma nichts zu tun. Auch die bisherigen Gerichtsurteile folgen dieser Linie. Bleibe es dabei, dann würde es der Presse unmöglich, überhaupt noch über Verflechtung und Managementmethoden von Scientologen zu berichten. Ein wichtiger Bereich, in dem sich wirtschaftliche und auch politische Macht zusammenballt, wäre damit der Kontrolle durch die Presse entzogen.
So war es im vergangenen Jahr zum Beispiel der taz verboten worden, über einen Scientologen zu schreiben, der Stahlbetriebe von der Treuhand kaufen wollte. Er und seine Ehefrau hatten immerhin nachweislich 250.000 US-Dollar in die sogenannte "Kriegskasse" der Scientologen gezahlt. Die von der taz angestrengte Verfassungsbeschwerde liegt seit einem geschlagenen Jahr unerledigt in Karlsruhe.
Mittlerweile machen nicht nur die Interessenvertreter der Mieter, sondern auch die der Makler gegen die Scientologen mobil. Wie am Mittwoch die Hamburger Morgenpost berichtete, fordert der "Ring Deutscher Makler" eine konzertierte Aktion gegen Sektenmitglieder auf dem Immobilienmarkt. Auch hier werden die beiden Firmen, die jetzt im Prozeß gegen die taz unterlegen sind, wieder genannt. Maklersprecher Peter Landmann befürchtet - wohl zu Recht - die Art des Vorgehens der Scientologen zerstöre das Vertrauen des Publikums in die gesamte Branche. (Michael Rediske) Aus: - taz -/Ausgabe Berlin-21-10-94-
Scientology bläst zum Angriff auf Bonn US-Anzeigenkampagne soll die Bundesregierung zum Einlenken zwingen. - BM Washington, 24. Oktober. Seit sechs Wochen stoßen die rund zwei Millionen Leser der renommierten amerikanischen Washington Post und New York Times an jedem Donnerstag auf eine ungewöhnliche, ganzseitige Anzeige. Inhalt: Abhandlungen zum "neuerwachten Nationalsozialismus" in Deutschland.
Blickfang ist jeweils ein Foto mit einer eindrucksvollen Schlagzeile: Über das Konterfei der schwarzen und weißen Mitglieder einer Musikband ist der deutsche Schriftzug "VERBOTEN" montiert, dazu fragt die Überschrift: "Religiöse 'Apartheid'?". 14 Tage später titelt über dem Foto des versammelten hitlergrüßenden NSDAP-Reichstages der Slogan: "Deutscher Widerstand - ein Widerspruch in sich selbst." Der Fuß des Inserates (Kostenpunkt pro Anzeige laut Washington Post rund 100.000 Mark) nennt den Inserenten: Die "International Association of Scientologists", die Scientology Sekte.
Aufgelistet werden hier die jüngsten rechtsradikalen Straftaten in der Bundesrepublik, die deutsche Regierung wird dafür unumwunden verantwortlich gemacht. Denn, so hebt Scientology von Woche zu Woche deutlicher hervor: Auch die Angriffe der deutschen Regierung auf die Scientology-Kirche sind Beweis dafür, daß von Regierungsseite ebenso wie auf den Straßen Andersdenkende und -gläubige heute in Deutschland wieder so verfolgt werden wie im Dritten Reich.
Mit der Aufforderung an den Leser, sich in dieser Angelegenheit zu engagieren und Protestbriefe zu verschicken, wird am Fuß jeder Anzeige eine hochkarätige Adressatenliste angegeben: Dr. Helmut Kohl, Dr. Klaus Kinkel, US-Präsident Bill Clinton und John Shattuck, der U.S.-Vize-Außenminister.
Wenn auch wenig aufsehenerregend, hat die Anzeigenkampagne in der deutschen Politik inzwischen einige Unruhe gestiftet. "An die 7.000 Zuschriften sind in den letzten beiden Monaten wegen Scientology bei Bundeskanzler und Außenminister eingegangen", schätzt Gertrud Sahler, Pressesprecherin des mit Sekten-Angelegenheiten beauftragten Frauen- und Jugendministeriums.
In einer kurzfristig einberufenen Ressortsitzung im Bundeskanzleramt am 6. Oktober entschieden sich einhellig die Vertreter mehrerer Ministerien, gestützt auf Bundeskanzler- und Bundespresseamt, keine Gegenkampagne zu starten. "Mit Scientology in eine offene Auseinandersetzung zu treten, das wäre zuviel der Ehre für sie", faßt Sahler die Auffassung der Regierung zusammen. Und weiter: "Deren Anschuldigungen sind so absurd und infam, daß man sie am besten ins Leere laufen läßt."
Ähnlich ist die Reaktion seitens des deutschen Zentralrates der Juden. Als "ungeheuerliche Anmaßung und ein geschmackloses PR-Instrument" bezeichnet Michel Friedmann (CDU), Mitglied des Zentralrat-Direktoriums, gegenüber der Berliner Morgenpost die Strategie der Scientology-Sekte, deren eigene Situation mit dem Schicksal des jüdischen Volkes im Nationalsozialismus gleichzusetzen: einzig und allein, um damit im Ausland gegen die Bundesrepublik Stimmung zu machen: "Mit einer Geschichtsklitterung dieses Ausmaßes hat sich die Scientology-Sekte einmal mehr ins Abseits katapultiert."
Bei aller Empörung will aber auch die jüdische Gemeinde den Scientologen nicht die Ehre einer offiziellen Stellungnahme zuteil werden lassen: "Ich verhalte mich hierzu ebenso ruhig wie zum Deckert-Urteil und anderen Vorfällen dieser Art: Eine Stellungnahme würde die Sekte nur aufwerten, "erklärt auch Ignaz Bubis seine Zurückhaltung.
Währenddessen distanziert sich sein enger Kollege in den USA, Abraham H. Foxman, in einem Brief an die Washington Post und die New York Times von dem Inhalt der Anzeigen. Er beschuldigt die Sekte, offenbar vor nichts zurückzuschrecken, um sich an der deutschen Regierung zu rächen.
Seit auf dem Dresdener Parteitag der CDU 1991 dem "Unvereinbarkeitsbeschluß" zugestimmt wurde, der die gleichzeitige Mitgliedschaft in Partei und Scientology-Sekte unmöglich macht, ist die Bundesregierung ins Zentrum der Schußlinie der Scientologen geraten.
Mit einem Sekteninternen Pamphlet, Absender "Germany Task Force" (Einsatzeinheit Deutschland") wurden im
Mai dieses Jahres von den USA aus alle Organisationseinheiten von Scientology auf den Plan gerufen: Unter der Überschrift "Einberufung für Deutschland" ("Call-To-Arms Germany") wird dazu angehalten, sich gegen die "neonazistischen Attacken der deutschen Regierung auf Scientology" zu wehren, "damit wir verhindern können, was ganz klar der Beginn eines neuen Holocaust ist. Wir können ihnen jeden Zweifel belegen, daß dies exakt das gleiche Muster ist, nach dem 1935 die Haßkampagne gegen das jüdische Volk gestartet wurde".
Seit diesem Aufruf hagelt es in Bonn Briefe, hinter deren Absender größtenteils Scientologen vermutet werden. Mit der Anzeigenkampagne versucht die Sekte nun, mit Hilfe der internationalen Öffentlichkeit den Druck auf die deutsche Politik zu vergrößern.
Der Erfolg, den sich die "Glaubensgemeinschaft" von der inzwischen rund eine Million Mark teuren Kampagne verspricht, ist nach Ansicht der deutschen Botschaft in Washington - zumindest in Amerika - ausgeblieben: "Nach unserer Einschätzung wird hier der Scientology-Aufruf im Wust der Anzeigen schlicht überlesen", meint ein Botschaftssprecher. Ziel der Sekte sei es, in Deutschland als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt und damit steuerbefreit zu werden. Entsprechende Anträge liegen deutschen Gerichten vor. Aus: -Berliner Morgenpost-24-10-94-
Warnung vor der Sekte Julis brandmarken die Strategien von Scientology. - Die Justiz soll verstärkt
prüfen, ob die Sektenorganisation Scientology gegen die Menschenwürde verstößt. Diese Forderung wurde bei einer Informationsveranstaltung der Jungen Liberalen laut. Als Referentin warnte Susanne Eisenmann vor einer arglosen Sichtweise. "Das Problem betrifft nicht nur labile Menschen, Opfer kann jeder werden", betonte die CDU-Neustadträtin und persönliche Referentin von Landtagsfraktionschef Günther Oettinger. Falsch sei außerdem die Definition von Scientology als Jugendsekte: Besonders anfällig seien 35- bis 40jährige.
Verdeckt werbe die Sektenorganisation auf sehr vielen Sektoren: unter anderem bei Kommunikations- und Rhetorikkursen. Immobilienmaklern oder bei Farb- und Stilberatungen. Mit Nachdruck betonte Susanne Eisenmann, daß das sogenannte Auditing, das mit gewonnenen Mitgliedern als "Aufbautraining" betrieben wird, psychisch abhängig mache: "Wer bei Scientology ist, hat keine Fähigkeit mehr, eigenständig zu denken." Gleichzeitig gebe es Hinweise auf eine Vernetzung im Sektenbereich: Ethik-Offiziere von Scientology, eine Art Geheimdienst, haben der Sekten "Universelles Leben" Nachhilfe gegeben. Wie Susanne Eisenmann sprachen sich auch Zuhörer dafür aus, daß die Justiz Scientology auf Verstöße gegen die Menschenwürde und damit gegen Paragraph 1 des Grundgesetzes prüfen soll.
Unterdessen verfolgt die Sektenorganisation ihre Strategie, sich als "Verfolgte" darzustellen, mit einer neuen Masche: Scientology Stuttgart schickte jetzt an dezidierte Kritiker und zahlreiche Politiker eine vorformulierte "Verpflichtungserklärung". Darin sollen diese erklären, daß sie "diskriminierende Äußerungen über die Scientology Kirche und deren Mitglieder unterlassen". Aus: - Fellbacher Zeitung-24-10-94-
Scientology kein Kündigungsgrund Berufungsurteil gegen Heilpraktiker-Schule des Scientologen Hermann Keppler. - Allein die Tatsache, das der Betreiber eines Heilpraktiker-Institutes Scientologe ist, rechtfertigt noch keine Kündigung.
Gleich mehrere Gerichte in Baden-Württemberg müssen sich derzeit mit dem in verschiedenen Städten aktiven Keppler-Institut auseinandersetzen. Der Grund ist immer der gleiche. Angehende Heilpraktikerinnen wollten sofort aus dem Vertrag aussteigen, seit sie gehört hatten, das Institutsgründer und Geschäftsführer Hermann Keppler Scientologe ist.
Erst kürzlich hatte das Landgericht Stuttgart einen solchen Kündigungsgrund mit der Begründung verneint, daß nicht einzusehen sei, warum eine Ausbildung zur Heilpraktikerin im Keppler-Institut das weitere Berufsleben behindern soll. Völlig anders hatte das Amtsgericht Maulbronn entschieden. Innerhalb einer Probezeit von drei Monaten müsse ein solcher Vertrag sofort und stets kündbar sein.
Die 3. Zivilkammer des Heilbronner Landgerichts, die sich als Berufungsinstanz mit dem Maulbronner Urteil auseinanderzusetzen hatte, kam nun wiederum zu einem ganz anderen Ergebnis:
Das Urteil erster Instanz wurde aufgehoben, weil keinem Instituts-Betreiber eine solche kurzfristige Kündigungsmöglichkeit zumutbar sei, da er längerfristig Räume anmieten und Lehrkräfte an sich binden müsse. In ähnlichen Fällen hielten Gerichte daher Kündigungsfristen von rund einem Jahr für korrekt.
Im konkreten Fall hielten die Heilbronner Richter allerdings die sofortige Kündigung gleichwohl für begründet. Denn bei einer ersten Rückfrage der angehenden Heilpraktikerin hatte Hermann Keppler zunächst jede Zugehörigkeit bestritten, danach erst - dann aber relativ schnell - hatte er die Wahrheit eingeräumt.
Wenn jemand, so argumentierten die Heilbronner Richter, seine Zugehörigkeit zu einer Sekte wie Scientology, vor der übereinstimmend alle etablierten Kirchen und Politiker warnen, abstreitet, dann dürfen böse Absichten vermutet werden. Dann bestehe Anlaß zu der Befürchtung, bei der Ausbildung indoktriniert zu werden.
Nur dieser subjektiven Seite wegen hat die Kammer die Kündigung für Rechtens erklärt. Vorsitzender Richter Michael Bast: "Ein absoluter Einzelfall."
Nach Auffassung der Heilbronner Zivilkammer war daher weder die Frage zu untersuchen, ob sich Keppler zu Recht oder Unrecht auf die Religionsfreiheit berufe. Noch war die Frage zu klären, ob sein privates Engagement für Scientology sich im Unterricht bemerkbar mache.
Grundsätzlich stelle die Zivilkammer mit ihrem Einzelfall-Urteil dennoch klar, daß die Scientology-Mitgliedschaft von Keppler allein noch keine Kündigung rechtfertige. Künftig erst recht nicht mehr, seit Keppler diese Zugehörigkeit auch nicht mehr verheimliche. Aus: -Heilbronner Stimme-25-10-94-
Verschiebt Scientology Millionen in die USA ? Sektenbeauftragter vermutet Steuerhinterziehung. - Die umstrittene Scientology-Organisation hinterzieht nach Erkenntnissen des badenwürttembergischen Sektenbeauftragten Hans-Werner Carlhoff möglicherweise Steuern in Millionenhöhe. Neue Scientology-interne Dokumente deuteten darauf hin, daß die Organisation versuche, im großen Stil Gelder in die USA zu verschieben, um sie dort als Einnahmen aus gemeinnütziger Tätigkeit zu deklarieren, sagte Carlhoff am Wochenende in Stuttgart.
In den Vereinigten Staaten ist Scientology, anders als in Deutschland, als Kirche anerkannt. In Baden-Württemberg müssen die Organisation und ihre zahlreichen Untergruppierungen auf Anordnung des Wirtschaftsministeriums seit November 1993 ihre Einnahmen aus dem Verkauf von Büchern, Broschüren und aus dem Angebot von Kursen bei den Behörden angeben und dafür Gewerbesteuer zahlen.
In einem mittlerweile bekannt gewordenen Rundschreiben der Zentrale für die weltweiten organisatorischen und wirtschaftlichen Aktivitäten von Scientology in Florida, intern "Flag" genannt, werden alle Mitarbeiter der Organisation außerhalb der USA aufgefordert, ein Formular für die amerikanische Steuerbehörde auszufüllen und an "Flag" zurückzusenden. Darin soll der jeweilige Mitarbeiter die Höhe seiner "Kommissionen" angeben. Das sind nach Carlhoffs Worten zu versteuernde geldwerte Leistungen, die - im Scientology-Jargon "field staff members (fsm)" genannte - Mitarbeiter beispielsweise in Form verbilligter Kurse oder Bücher bei der eigenen Organisation erhalten. Aus dem Schreiben geht ferner hervor, daß die "fsm" ihre Kommissionen regelmäßig per Steuerformular bei der US-Zentrale von Scientology melden sollen.
Den Brief stuft Carlhoff, der in Baden-Württemberg die "Interministerielle Arbeitsgruppe für sogenannte Jugendsekten und Psychogruppen" leitet, als "sehr heißes Papier" ein, weil er erstmals klare Hinweise auf derartige finanzielle Transaktionen liefere. Der geschätzte Jahresumsatz von etwa 150 Millionen Mark allein bei Scientology in Deutschland mache ihre Größenordnung deutlich. Auf Baden-Württemberg müsse besonderes Augenmerk gelegt werden, weil hier Scientology mit zwölf Niederlassungen die bundesweit höchste organisatorische Präsenz aufweise.
Nach Carlhoffs Worten haben die "field staff members" als "Fußtruppe" unter anderem die Aufgabe, neue Mitglieder für Scientology zu werben und die Kampagne "free germany" umzusetzen. Die Organisation habe sich dabei zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2000 in Deutschland alle wichtigen Positionen des öffentlichen Lebens zu besetzen. Aus: - Badische Zeitung - 31-10-94-
Länder wollen gegen Scientology vorgehen Die Jugendminister der Länder wollen gemeinsam gegen Jugendsekten in Kindergärten vorgehen. Ein entsprechender Beschluß wurde gestern von der Jugendministerkonferenz in Bremen angenommen. Dabei geht es vor allem daum, das Vorgehen von Scientology in Kindergärten abzuwehren. So soll die zur Scientology gehörende Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte ij Kindergärten versuchen, Kinder und Eltern für die Organisation zu gewinnen. Aus: - Leipziger Volkszeitung-12/13-11-94-
Kindesentführer gestellt Das Autobahnpolizeirevier Ditzingen wurde am vergangenen Montag gegen 19.30 Uhr von Kollegen aus Karlsruhe um Unterstüzung gebeten. Die Karlsruher Polizeibeamten verfolgten zunächst auf der Autobahn 8 einen roten VW, dessen Fahrer wegen Kindesentführung gesucht wurde. Der 39jährige aus Ispingen hatte das Kind, das er seiner leiblichen Mutter am Nachmittag entführt hatte, bei sich im Fahrzeug. Auf Haltezeichen reagierte der VW-Fahrer nicht, sondern fuhr sogar über den Grünstreifen der Autobahn. Ab dem Autobahndreieck Leonberg hefteten sich die Ditzinger Beamten an das Fahrzeug. Ein Abdrängen oder Rammen des Autos war nicht möglich, da Kind und Fahrer nicht angeschnallt waren und somit ein hohes Verletzungsrisiko gegeben war.
Der 39jährige, der von der Polizei als Anhänger der Scientology-Church angesehen wird, bog dann auf die Autobahn 81 in Fahrtrichtung Heilbronn ab. An der Anschlußstelle Feuerbach verließ der Fahrer die Autobahn und fuhr in Richtung Stuttgart weiter. Auch hier kümmerte sich der Mann nicht um rote Ampeln oder andere Fahrzeuge, sondern fuhr rücksichtslos weiter. In Stuttgart-Weilimdorf, in der Leonberger Straße, konnten zwei Fahrzeuge der Autobahnpolizei endlich den VW überholen und den Fahrer gefahrlos bis zum Anhalten herunterbremsen. Vorherigen Überholversuchen war der Mann durch Ausweichen und Ausbremsen begegnet.
Nachdem der VW zum Stillstand gekommen war, verriegelte der Mann sofort alle Türen seines Fahrzeugs und begann das Kind zu würgen. Die Polizeibeamten schlugen die Seitenscheiben des Personenwagens ein und brachten das Kind in Sicherheit. Der Mann wurde festgenommen. Aus: -Leonberger Kreiszeitung-03-11-94-
Die geheime Strategie der Sekte Scientologen bieten Management-Kurse an und transportieren so ihre Ideologie in immer mehr mittelständische Betriebe. - Mit raffiniert aufgebauten Managementkursen schleichen sich Scientologen zunehmend in mittelständische Betriebe ein. Die Kursusteilnehmer ahnen meistens nicht, daß sie sich mit den Kursen die auf Beherrschung und Expansion ausgerichtete Ideologie der Scientologen ins Haus holen. Ein renommiertes Hamburger Dienstleistungsunternehmen konnte im letzten Augenblick die Notbremse ziehen.
Der Mann, der die Firma Ende Oktober besuchte, war von der Gesellschaft für Management-Training (GMT) aus Ahrensburg. Er wirkte seriös und hatte etwas anzubieten, daß auf Interesse stieß: ein Seminar mit dem Ziel, eine "einwandfreie Kommunikations-Atmosphäre" zu schaffen. Versprochen wurde auch mehr Sicherheit im Umgang mit anderen Menschen und ein größeres Maß an Führungskompetenz.
Die Firma war angetan und buchte für einige Mitarbeiter ein zweitägiges Kommunikations- und Führungsseminar I im Hotel Intermar in Bad Oldesloe. Preis 1.700 Mark pro Person, einschließlich Verpflegung, exklusive Übernachtung.
Dafür gab es unter anderem einen Vortrag sowie Übungen mit deren Hilfe die Kommunikation mit anderen Menschen verbessert werden sollte. Kursusteilnehmer mußten sich anfangs im Abstand von einem Meter mit geschlossenen Augen gegenüber sitzen, um "bequem da zu Sein", wie es in Seminarunterlagen heißt. Daran anschließend das gleiche mit offenen Augen, um zu "konfrontieren" und um zu lernen, Problemen nicht auszuweichen.
"Wir waren begeistert", so ein Teilnehmer zum Abendblatt, "es herrschte eine lockere Stimmung". Nachdem allerdings klar war, wer hinter GMT steckt, schlug die Freude in Ernüchterung und Angst um. Angst vor sich selbst, wegen der offenbar gewordenen eigenen Manipulierbarkeit.
Daß die Sache aufflog, verdanken die Mitarbeiter, sowohl dem FDP-Landesvorstandsmitglied und Sprecher für Scientologen-Fragen Rainer Lettow. als auch ihrem Chef, der sich ebenfalls mit Scientology und den Lehren des Gründers L.Ron Hubbard beschäftigt hatte. Ihm war die Hartnäckigkeit aufgefallen, mit der die GMT-Leute um die Buchung weiterer Kurse warben. "Das war fast schon aggressiv und geschah ganz gezielt unter Ausnutzung einer Art Euphorie nach dem Kurs", erinnert er sich.
Sein Verdacht, daß Scientologen ihre Ideologie über Mitarbeiter-Schulung in seine Firma einzuschleusen versuchten, im zweiten Schritt womöglich Mitarbeiter als Mitglieder der Organisation werben würden, wurde bestätigt. GMT-Trainer und Geschäftsführer Dirk Braun gab nämlich nach einigem Zögern zu, nicht nur nach den Lehren (Technologie) von Hubbard vorzugehen, sondern auch selbst Scientologe zu sein.
Und was für einer. Nach Auskunft von Ursula Caberta, Chefin der bei der Innenbehörde angesiedelten Arbeitsgruppe Scientology, gehört Braun als Chief Executive Officer (CEO) zum Führungskader des World Institute of Scientology Enterprises (WISE), dem Zusammenschluß aller Wirtschaftsunternehmen der Scientology-Organisation (ORG). WISE-Unternehmen müssen nicht nur wöchentlich Lizenzgebühren an die ORG zahlen (für Kurse 13 bis 15 Prozent der Honorareinnahmen), sie verpflichten sich auch, ausschließlich nach der Hubbard-Technik zu verfahren und bei internen Streitigkeiten keine ordentlichen Gerichte anzurufen, sondern den "endgültigen" Schiedsspruch der WISE-Oberen zu akzeptieren.
Nicht zuletzt versteht sich WISE als eine "gemeinnützige Organisation in Form einer Glaubensgemeinschaft ..., um die religiösen Lehren von LRH in der Gesellschaft zu unterstützen und zu fördern". Wie konsequent Scientologen ihren Einflußbereich auszuweiten gedenken, geht aus der "AufgabenBeschreibung" hervor, die für das CEO-Mitglied Dirk Braun gilt: "Diese Mitgliedschaft ist für diejenigen zweckmäßig, die strategisch daran arbeiten, die Verwaltungs-Technologie von LRH in Spitzenunternehmen ihres Landes, anderen Vereinigungen, Gemeinden, Ländern und Regierungen einzuführen."
Für Caberta gibt es keinen Zweifel: "WISE hat den Auftrag, die Scientology-Ideologie in die Wirtschaft einzuführen." Kurse, wie sie Braun früher unter dem Kürzel AMK (Private Akademie für Management und Kommunikation) veranstaltete und heute unter GMT (Gesellschaft für Management-Training) anbietet, seien die gleichen wie die in der Sekten-Zentrale am Steindamm, wo sie die Grundlage aller weiteren Schritte auf dem Weg zu einem "Clear Germany" bilden.
Allergrößte Zweifel erfaßten auch eine Geschäftsmann aus Lübeck, der bei GMT einen Kurs belegte und zuerst meinte, das gebotene sei seinen Preis wert gewesen. Als er erfuhr, wem er seinen "freieren Kopf" und die "bessere Zeiteinteilung" zu verdanken habe, wurde er nachdenklich: "Wenn das so ist, will ich damit nichts mehr zu tun haben. Ich weiß doch gar nicht, was mit meinem Geld passiert."
Wie sich die Scientologen die Entwicklung der Welt vorstellen, hat ihr Obervater Hubbard recht klar formuliert. Es ist - gelinde gesagt - eine elitäre Welt, in der es auf unabsehbare Zeit keine Rücksicht auf die Schwachen gibt. Zuerst einmal müßten "die Fähigen fähiger gemacht werden, während die Unfähigen vorerst strikt sich selbst überlassen bleiben. Wenn wir das machen, wachsen wir. Wenn wir - wie das einige unkluge Leute tun - uns die Unfähigen, die Hilflosen und die Zurückgebliebenen aufhalsen, werden wir nicht in der Lage sein, schnell genug hoch genug voranzuschreiten." Erst danach könne man es sich leisten, auch den Hilflosen zu helfen. Aus: -Hamburger Abendblatt-12-01-95-
Rechtsfähigkeit in Bremen und Karlsruhe aberkannt Zunehmend wird jetzt in Deutschland Scientology-Vereinen der Charakter eines Idealvereins aberkannt. Nach dem Entzug des "e.V." für den Scientology-Verein "Dianetik Stuttgart" Ende August 1994 widerfuhr dasselbe Ende September der Scientology-Mission Bremen durch den Bremer Senator für Inneres. Und Mitte November entzog das Regierungspräsidium Karlsruhe dem dortigen Verein "Mission Scientology Kirche" die Rechtsfähigkeit.
Entsprechend den Vorgängen in Hamburg und Stuttgart war man in Karlsruhe zu der Auffassung gelangt, daß die Aktivitäten des Vereins weit über die Aufgaben einer angeblichen "Religionsgemeinschaft hinausgingen und er - statt ausschließlich gemeinnützige Zwecke zu verfolgen - eigentlich einen gewerblich ausgerichteten Geschäftsbetrieb mit erheblichen Umsätzen unterhalte. Letzteres bestätigte die Stuttgarter Scientology-Pressesprecherin Maja Nüesch indirekt, indem sie mit der Pressemitteilung an die Öffentlichkeit ging, derzufolge die Karlsruher Mission "Zulauf wie noch nie" zu verzeichnen hat: "Das Interesse an Scientology in Karlsruhe hat inzwischen unfaßbare Ausmaße angenommen!"
Derlei Behauptungen entsprechen durchaus scientologischen Werbeformeln wie etwa der von der "am schnellsten wachsenden Religion der Erde". Sie dürften allerdings dahingehend ernstzunehmen sein, daß die breite und oft scharfe Kritik an Scientology in den öffentlichen Medien nicht nur abschreckende Wirkung hat, sondern für mancherlei Gemüter auch Neugierde und sogar Sympathie erweckt - insbesondere dort, wo das scientologisch angepeilte Image einer "verfolgten religiösen Minderheit" aufgenommen wird. Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: - "Materialdienst 2/ Februar 1954" der EZW (Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Stuttgart-
Scientology muß Gewerbe anmelden Die umstrittene Scientology-Organisation muß in Hamburg ihre geschäftlichen Aktivitäten als Gewerbe anmelden. Das Bundesverwaltungsgericht (BVG) in Berlin bestätigte entsprechende Urteile des Oberverwaltungsgerichts Hamburg. Damit wies das BVG eine Beschwerde der Organisation gegen die Nichtzulassung von Revisionsanträgen als nicht zulässig zurück, mit denen die beiden Hamburger Urteile aufgehoben werden sollten. Das Berliner Urteil beendete den elf Jahre dauernden Rechtsstreit zwischen dem Verein Scientology-Kirche Hamburg und zwei Bezirksämtern der Hansestadt. (AZ 1 B 205 und 206.93) Aus: -Westfalen-Blatt-03-03-95-
Friseurinnung warnt vor Scientology-Sekte Auf einer Herbstversammlung der Gmünder Friseurinnung hat Oberbürgermeister Günter Schwedas vor Versuchen der Scientology-Sekte gewarnt, die sich bemühe, gerade Handwerksberufe zu unterwandern. Schwedas zitierte einen Brief der Industrie- und Handwerkskammer Ulm, wonach die umstrittene Sekte vor allem die Augenoptiker und Friseure im Visier habe. Aus: - Schorndorfer Nachrichten-07-11-94-
Prozeß gegen Scientology Psychische Schäden. - In einem Schadenersatzprozeß gegen die umstrittene Scientology-Sekte, der gestern vor dem Ulmer Landgericht begann, fordert ein Bauarbeiter 100.000 Mark Schmerzensgeld von den Scientologen: Er habe nach einem "Auditing", einer Art intensiver Befragung, schwere psychische Schäden erlitten, die ihn bis heute arbeitsunfähig machen. Dies habe der Nervenarzt des Klägers festgestellt. Bei der Beweisaufnahme berichteten mehrere Zeugen von psychischen Störungen nach dem "Auditing", das Betroffene auch als Verhör und Kritiker als Gehirnwäsche bezeichnen. Der Prozeß wird im Januar fortgesetzt. Aus: -Frankenpost-09-11-94-
Transzendentale Meditation (TM)
"Psychosekte" lebt jetzt auf Schwäbischer Alb Fürstin Gloria warf die Großfamilie aus dem T & T-Schloß Duttenstein.- Spanien-Träume geplatzt/ Heimat im Wirtshaus gefunden/ Pfarrer gewarnt/ Glück in Ex-Jugoslawien ?
Nach dem, Rausschmiß aus dem T & T-Schloß Duttenstein in Baden-Württemberg sind die Anhänger der Transzendentalen Meditation (TM) im Dorf Renquishausen nahe Albstadt gelandet. Wie Dr. Thomas Herb der MZ sagte, sei aus dem geplanten Umzug nach Spanien nichts geworden. Herb ist Sprecher der Großfamilie mit inzwischen 40 Personen. "Wir haben drei neue Babys bekommen", so der Sprecher froh.
Daß die "Psychosekte" um Herb, so die Bezeichnung der Kritiker, auf dem Schloß des Fürstenhauses Thurn und Taxis vorübergehend Heimat finden durfte, hatte im deutschsprachigen Raum lange für Schlagzeilen gesorgt. Auf Grund des öffentlichen Drucks sah sich die Großfamilie gezwungen, das wunderschön gelegene, aber dringend sanierungsbedürftige Schloß Duttenstein zu verlassen (die MZ berichtete). Die TM-Freunde planten zunächst, nach Spanien zu ziehen und hier ein Leben nach ihren Vorstellungen zu führen. "Aber Spanien ist tot und noch kaputter als Deutschland", sagte Herb im MZ-Gespräch. "Spanien kam nicht mehr in Frage."
Nach einer langen Suche fand die Großfamilie im 700-Seelen Dorf Renquishausen auf der Schwäbischen Alb ein neues Domizil. "Wir leben in einer ehemaligen Gaststätte mit Scheune und renovieren das Objekt", informierte Herb. Miete muß die Gruppe nicht zahlen. Anfang nächsten Jahres will sie die Immobilie kaufen. Ob sich die Pläne realisieren lassen, ist aber fraglich. Ähnlich wie in der "Ära Duttenstein" hat die katholische Kirche bereits vor den Anhängern des indischen Gurus Maharishi Mahesh Yogi und dessen Heilslehre, die angeblich "kosmisches Bewußtsein" vermittelt, gewarnt. Der örtliche Pfarrer, so Herb verärgert zur MZ, habe am letzten Sonntag auf der Kanzel wenig Freundliches über die TMler gesagt.
"Duttenstein verkommt jetzt zur Edelruine!" Herb war sich sicher, daß das Fürstenhaus in Regensburg kein Interesse an der Erhaltung des Schlosses habe. Jede Woche schicke Ihre Durchlaucht einen Aufpasser nach Duttenstein. Dieser Diener müsse kontrollieren, ob die neuen Ketten noch am Tor hingen. Ferner habe der Abgesandte zu prüfen, ob sich nicht jemand aus der Großfamilie heimlich ins Schloß schleiche. Ein T & T-Sprecher in Regensburg wies Herbs Aussagen auf MZ-Nachfrage als völlig unsinnig zurück. Bei den Besuchen in Schloß Duttenstein gehe es um reine "Versicherungsmaßnahme".
"Wir leben weiter". Herb zog einen Schlußstrich unter die Affäre Duttenstein und all das, was der Großfamilie Irritationen bescherte. Man lebe wieder vom Verkauf der gesunden Dinkelspreukissen, veranstalte Vorträge zum Thema "Hunger ist der beste Koch", besuche Öko-Messen und plane demnächst die Herausgabe eines Kochbuches. Man biete auch weiterhin kostenlose TM-Kurse an, um das "Umdenken" in Deutschland voranzutreiben. Glaubt man den Entspannungstechniken um Herb (und der neuen Naturgesetzpartei bzw. TM Deutschland), dann lassen sich mit TM alle Probleme dieser Erde beseitigen. Sektenbeauftragte indes warnen vor TM, weil sie für "Menschen mit labiler Ich-Struktur" gefährlich sei. Der mit 92 Jahren in Regensburg verstorbene Pater Emmeram, geborener Prinz Max Emmanuel von Thurn und Taxis, hatte die TM-Botschaft als "unchristlich "bezeichnet.
Wird sich der Traum vom glücklichen Leben nach TM-Art auf Dauer in Renquishausen verwirklichen lassen? Laut Herb möchte die Großfamilie am Tag X in die Krajina (Ex-Jugoslawien) auswandern, um dort ein "ökologisches Modellprojekt" zu verwirklichen. "Wir haben schon mehrere hundert Hektar in Besitz", gab sich Herb zuversichtlich. Vielleicht werde es in der Krajina gelingen, all das umzusetzen, was in der Großfamilie noch an Arbeitskraft, Kreativität und Idealismus schlummere. Bis zum Tag X, so Herb, werde die Gruppe wohl in Deutschland leben und sich trotz aller Widerstände tapfer durchschlagen getreu dem Motto: Streß raus, Glück rein. Aus: -Mittelbayerische Zeitung-15/16-10-94-
- Die Illusionsfabrik der Lichtsucher
- Tausende von Engeln
- Warten auf Ufos
- Dunkle Wolken über Lichtgestalt
Die Illusionsfabrik der Lichtsucher Hochkonjunktur der Sekten : 48 Stunden bei "Fiat Lux". - Mit der Angst vor der Apokalypse macht im Schwarzwald die Geistheilerin Uriella ihr Geschäft - die Riten sind grotesk, die Abhängigkeit der Jünger beängstigend.
Ibach, im November - An einer Offen-barung kann natürlich nicht jeder Normalsterbliche einfach so teilnehmen. Vor eine Audienz bei Gott haben die Menschen eine Prüfung gesetzt: "Essen Sie Fleisch? Trinken Sie gelegentlich Alkohol? Rauchen Sie? insistiert die sanfte Männerstimme Icordos am Telefon. Unser etwas zögerliches Nein-Ja-Nein läßt bei Icordo noch Zweifel offen: "Darf ich Sie bitten, mit meiner Frau Uriella selbst zu telefonieren, damit sie anhand Ihrer Stimme Ihre Aura feststellt?" Vor dem feinen Gehör seiner Frau finden wir endlich Gnade: "Sie können kommen", sagt Uriella und eröffnet die Spielregeln: "Bitte kleiden Sie sich in hellen Farben, am besten ganz in Weiß. Sonst stören Sie die Schwingung. Und übrigens", setzt sie in einem Ton hinzu, der keinen Widerspruch duldet: "Der Heiland sieht es nicht gern, wenn Frauen Hosen tragen."
Es sind die Touristen des nächsten Jahrtausends, die sich in Ibach im Schwarzwald treffen. Seelenwanderer auf dem Weg in die kommenden Äonen. Die etwa 800 Menschen, die dem Orden Fiat Lux angehören, leben in der festen Überzeugung, daß sie schon mindestens einmal gelebt haben (und das als Zeitgenossen von Jesus Christus) und noch einmal mindestens tausend Jahre alt werden. Dazwischen wird freilich die Apokalypse liegen - wie fast alle Sekten, zuletzt die Sonnentempler in der Schweiz, schürt auch Fiat Lux die Angst vor dem Untergang der Welt. Grob gesagt, lassen sich hunderte von weißgekleideten Menschen, die an diesem nebligen Sonntag in Ibach aus Bussen und weißen Autos steigen, in drei Kategorien einteilen. Da gibt es die Unsterblichen, die Sinnsucher und die Sünder. Die Unsterblichen, wie der junge Iwan aus Wien, wissen, daß sie sich das Entree in die Ewigkeit erkämpfen müssen. Die Sünder haben Angst, die Chance aufs Himmelreich schon vertan zu haben. Deshalb wollen sie noch ein wenig ihr Sündenregister abarbeiten, bevor die Lichter ausgehen. Die Sinnsucher sind bei weitem in der Überzahl. Sie haben zuvor - meist vergeblich - schon in mehreren Karma-Therapien, Rebirthings oder in Poona nach dem Sinn des Lebens gesucht. "Die anderen Gruppen beantworteten immer nur Teilfragen", hat der 35jährige Betriebswirt Paulo festgestellt. "Erst bei Uriella habe ich Antwort auf alle Fragen des Lebens gefunden."
Tausende von Engeln Wir gehören zu den Suchenden; wir suchen Antwort auf die Frage, was passiert, wenn scheinbar ganz normale junge Menschen von einem Tag auf den anderen ihren Job, ihre Wohnung und ihre Familie aufgeben, um sich den Seelenfängern anzuschließen? Schließlich haben wir für 48 Stunden Zutritt bekommen in dieses künstliche Paradies am Ende der Welt, wie zu einem surrealen Film, der aber im wirklichen Leben spielt: ein Wochenende bei der Sekte Fiat Lux.
"Tausende von Engeln" würden am Offenbarungstag die Sektenzentrale, das Ibacher "Heiligtum", bevölkern, hat Icordo versprochen. Wir sehen nichts, nur elegante, weißgekleidete Menschen an den Einfallstoren zur Glückseligkeit, die sich mit überschwenglicher Freude gegenseitig den Sektengruß "Fiat Lux" auf die Wangen hauchen, "es werde Licht". Einzig der 54 Jahre alte Icordo sieht mit seinen dauergewellten strohblonden Löckchen, dem cremefarbenen Anzug, der Krawatte, auf der zartrosa Lilien wachsen, und einer goldenen Harfe am Revers selbst wie ein Engel aus. Früher war Eberhard Bertschinger-Eicke alias Icordo Marketingleiter für Haarkosmetik. Ganz früher war er Johann Strauß, weswegen er auch heute noch recht passabel Klavier spielt.
Gegenwärtig ist er vor allem Uriellas Mann und bei der Offenbarung, so sagt er, "bringe ich dem Heiland die Schwitztüchlein". Wem? Mit der unverbindlichen Freundlichkeit eines ehemaligen Verkäufers führt er uns in den weiß ausgeschlagenen Kellersaal und damit in die Geheimnisse der Offenbarung ein. Zu Auftakt der Offenbarung skandieren die Jünger geschlossen "Sieg dem Heil!", um damit das "neue tausendjährige Reich" herbeizubeten - die Nähe zum Vokabular der Urmenschen scheint niemanden zu irritieren. Pünktlich um 15 Uhr tritt Uriella durch eine Tapetentür vor die erwartungsvolle Menge, nimmt auf einem mit Plastiklilien geschmückten Sessel Platz und winkt. Langsam geht ein Ruck durch ihren Körper, die schwarze Kunstperücke bebt ein wenig, die Hände beginnen heftig zu zittern, und mit einem tiefen Atemzug, der klingt, als würde aus einem Reifen Luft entweichen, ergreift Jesus Christus von ihr Besitz - so jedenfalls wird sie später erklären. Doch aus der Optik des Allmächtigen ist nichts Neues zu berichten: "Meine lieben Kinder, die Untreue mir gegenüber kann nicht mit himmlischen Ewigkeitsschätzen belohnt werden. Es gibt nur einen Kampf - mit dem geistigen Schild und langen Schwert", prophezeit sie mit düsterer Stimme. Originalton Gott? Die etwas 300 Männer und Frauen in weißen Zwangsjacken sind schon bei den ersten Worten auf die Knie gesunken, jetzt werfen sich einige zu Boden. Davon, daß der Heiland mit Schweizer Dialekt spricht, darf man sich nicht irritieren lassen. Zum Schluß, nach fünf Stunden, zeigt Uriella, daß sie mit der Mediengeneration umzugehen weiß: "Ich zähle auf euch."
Nicht sie selbst spreche da, erklärt die 65jährige Uriella am späten Abend, sondern Jesus Christus. "Ich bin nur der Kanal, das Sprachrohr Gottes", sagt die stark geschminkte Frau mit dem kindlich anmutigen Rüschenkleid und dem ewig starren Lächeln. Seit einem Reitunfall vor mehr als 20 Jahren, bei dem ihr Kleinhirn verletzt wurde, höre sie Stimmen. Als sie aus dem Koma erwachte, sei zum erstenmal ein Engel neben ihrem Bett gestanden. In ihrer bürgerlichen Existenz war Erika Bertschinger- Eicke Fremdsprachenkorrespondentin, seit Kontakten mit der Zürcher Neuoffenbarungsgruppe "Geistige Loge" dolmetscht sie als Uriella exklusiv für Gott. Damit konkurriert sie hart mit einem Dutzend weiterer selbsternannter Propheten um die Exklusivität der himmlischen Eingaben. Gabriele Wittek vom Würzburger "Universellen Leben", die sich als "Mundstück Gottes" apostrophiert, bringt es immerhin auf 40.000 Jünger.
Seit dem Massen(selbst)mord der Sonnentempler hat man in den Zeitungen viel über verbrecherische Sekten lesen können, die mit Waffen handeln oder Kleinkinder zu Dauermeditationen zwingen. Die meist kleineren sektiererischen Gruppierungen aber werden nicht beachtet, bis sie einen Skandal produzieren oder eben ein Vernichtungsdrama. Ihr einziges Verbrechen ist, daß sie Menschen psychisch, seelisch oder materiell von sich abhängig machen - und das fällt unter Glaubensfreiheit. Bei Fiat Lux ist die Abgabe des Ich ritualisiert: "Ich schenke dir, Heiland, meinen freien Willen", mit dieser Formel kniet Rosemarie vor Uriella nieder und gibt sich an diesem Offenbarungsnachmittag in die Hände des Ordens Fiat Lux. Fortan wird sie um Rat fragen, bevor sie einen Partner wählt, den Beruf oder die Wohnung wechselt. Der "Heiland" ist der jederzeit abrufbare TÜV, der Gehorsam subventioniert und den Rest tabuisiert. Die "Geistgeschwister" begreifen sich als Scharniere an den losen Türen der Moral, sie haben starre Ordensregeln unterschrieben und sich zum Verzicht auf weltliche Vergnügungen verpflichtet: keine Zeitungen, Radio oder Fernsehen, keine Popmusik ("Rockmusiker kommen ohne Ausnahme in die Hölle), keine dunkle Kleidung, kein Fleisch, kein Alkohol oder Nikotin, keine konservierten Lebensmittel - und kein Sex, auch nicht in der Ehe. "Das hat der Heiland gesagt." Isolierung, "dieses abgeschiedene Leben der ganzen Gruppe, die uniforme Kleidung, der Gruppendruck ist enorm". Vor allen Dingen werde den Kindern Angst gemacht. "Uriella behauptet, daß sie alle Krankheiten sehen kann. Wenn du nicht das und das machst, kriegst du Krebs oder Leukämie." Das gehe, so hat Peters beobachtet, ins "Psychotische". Doch die Gerichte sind relativ hilflos.
Die Staatsanwaltschaft Waldshut hat Uriella und Icordo unter anderem wegen Waffenbesitz, Bestechung und antisemitischer Hetze Strafbefehle geschickt. Wegen dreifacher fahrlässiger Tötung wird noch ermittelt. Der traurigste Fall: Eine junge Literaturwissenschaftlerin, im neunten Monat schwanger, bekam plötzlich Fieber. Wie viele Fiat-Lux-Mit-glieder vertraute sie auf Uriellas "Apotheke Gottes" und deren Geistheilungskräfte, die Schulmedizin sei "des Teufels". Die junge Frau starb schließlich, nachdem sie am Tag zuvor noch ein gesundes Baby entbunden hatte. Diagnose: Hirnhautentzündung. Wäre sie rechtzeitig ins Krankenhaus eingeliefert worden, könnte sie nach Einschätzung der Ärzte noch leben. Auf ihrem Grabstein steht in großen goldenen Lettern : FIAT LUX.
Die todsichere Heilung verspricht Uriella für jede Krankheit, auch für Krebs und Aids. Als sie in der Schweiz die Heilpraktikerlizenz verlor, verlagerte sie ihren Schwerpunkt nach Ibach, seitdem ihr in Deutschland die Lizenz zum Heilen entzogen wurde, weicht sie in ihre Schweizer und österreichischen Filialen aus. Für "kosmische Ätherenergie-Ampullen" und "Spagyrische Tinkturen" nahm Uriella täglich bis zu 50.000 Mark ein", rechnet Wolfgang Behnk vor, der evangelische Sektenbeauftragte in München. Dabei handle es sich bei den teuer verkauften Allheilmitteln um wert- und wirklose Wässerchen. Nicht folgenlos sei das "Athrumwasser", das Uriella badewannenweise herstellt, indem sie es 21 Minuten lang mit der linken Hand im Linksdrall quirlt, um es mit göttlicher Energie aufzuladen. Urteil des Sektenbeauftragten nach einer wissenschaftlichen Analyse: "Bakteriell verseucht!"
Warten auf Ufos Diese Kritik am Orden hält Icordo für Teufelswerk, für eine Verschwörung des Bösen. Der Geheimdienst "Illuminati", der schon die Sonnentempler ermordet habe, bedrohe auch Fiat Lux. "Doch es werden", sagt Icordo triumphierend, "ferngesteuerte kugelförmige Ufos landen. Über Lautsprecher werden die Menschen aufgefordert, einzusteigen, aber nur die Guten" Und die sehen dann von oben aus den Fenstern, wie die Erde durch Überschwemmungen gereinigt wird." die apokalyptische Zeitenwende (bei der leider zwei Drittel der Menschheit vernichtet würde), stehe unmittelbar bevor - "auf jeden Fall vor dem Jahr 2.000". Anschließend werden die Fiat-Lux-Jünger wieder auf dem Erdboden landen, um fortan Führungsaufgaben in der geläuterten Welt zu übernehmen. Woher er denn über diese geradezu unglaublichen Zusammenhänge so genau Bescheid weiß? "Wir wußten das alles längst über den heißen Draht", verrät Icordo und hebt den Blick nach oben.
Die Lichtsucher sind bereit, wenn die angekündigten drei Tage Finsternis einbrechen, Uriella hat ihren Jüngern geraten, ihr Geld von der Bank zu holen und das zu deponieren, wo es sicher ist, zum Beispiel bei ihr oder in Strittmatt, einem von vielen Fiat-Lux-Anhängern bewohntes Dorf nahe Ibach, das schon durch die fünf Kreuze im Namen Sicherheit verspreche. In den Strittmatter Garagen, in denen auch das Sektenblatt "Der heiße Draht" gedruckt wird, lagern Schlafsäcke,kanisterweise Athrumwasser und geweihte Kerzen, bereits jetzt trainiert die Elitetruppe im Kampf gegen den Widersacher durch 120 Tage Fasten im Jahr für die kommenden Hungersnöte. Sie haben sich längst aus der Gesellschaft der Normalsterblichen abgemeldet.
Während wir uns verabschieden, knien die Jünger, wie fast jeden Abend, mit weit ausgebreiteten Armen im Keller zur "Lichtsendung". "Es werde Licht!" klingt es vielstimmig beschwörend von da unten. "Sieg dem Orden Fiat Lux!" Die Illusionsfabrik der Erleuchteten legt wieder eine Nachtschicht ein. Aus: -Süddeutsche Zeitung-15/16-11-94-
Dunkle Wolken über Lichtgestalt Weil ihre "Behandlung" zwei Anhänger der Sekte das leben gekostet haben soll, wurde Fiat-Lux-Chefin wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. - Den direkten Draht zur göttlichen Allmacht verdankt die ehemalige Fremdsprachenkorrespondentin Erika Bertschinger-Eicke einem Sturz vom Pferd. "Ich bin auf den Kopf gefallen, dann habe ich Engel gesehen", sagt sie. Seit jenem Tage werden ihr angeblich göttliche Offenbarungen zuteil. "Der Heiland persönlich spricht zu mir. Ich bin sein Kanal, sein Sprachrohr, sein Faktotum."
Das allein wäre ja nicht so schlimm. Doch die 65jährige Schweizerin, die stets eine pechschwarze Langhaarperücke trägt und sich den "Geistnamen" Uriella verliehen hat, ist überzeugt, daß Jesus Christus ihr "heilende Hände" geschenkt hat. Die Chefin der Neuoffenbarergruppe Fiat Lux ("Es werde Licht") im Schwarzwalddörfchen Strittmatt bei Waldshut läßt keinen Zweifel: "Ich kann die Musik der Körperzellen hören, jede Krankheit erkennen und heilen." Sogar Krebs und Aids sei für sie kein Problem. "Ich kann auch Menschen helfen, die von der Schulmedizin als hoffnungslos aufgegeben wurden." und ihre rund 5.000 Anhänger sind sicher, daß durch Uriella der Heiland spricht, ihre Diagnosen "unfehlbar" sind und die Schulmedizin "vom Teufel sei".
Der leitende Oberstaatsanwalt Gerhard Wehmeier aus Waldshut-Tiengen hingegen ist überzeugt, daß ernsthaft Kranke hoffnungslos verloren sind, wenn sie in die Hände der Geistheilerin fallen. Er hat jetzt gegen Uriella Anklage wegen fahrlässiger Tötung in zwei Fällen erhoben, weil ihre "Heilbehandlung" die Patienten das Leben gekostet habe. "Wäre ärztliche Hilfe in Anspruch genommen worden, wäre der katastophale Ausgang in beiden Fällen leicht zu vermeiden gewesen", sagt Wehmeier.
Recherchen eines WDR-Fernsehteams hatten die Ermittlungen ins Rollen gebracht. In einjähriger Arbeit für die Sendung "Gesucht wird.... das Sprachrohr Gottes" waren die Autoren auf den Fall der Literaturwissenschaftlerin Claudia Poglayen-Zweig gestoßen. Das Sektenmitglied, gerade 24 Jahre alt und hochschwanger, litt an einer eitrigen Mittelohrentzündung. Uriella verordnete fernmündlich Heilmaßnahmen. Man solle Wattestäbchen in Schwedenkräuter-Extrakt tränken und damit die Ohrmuscheln der Kranken austupfen, war eine davon.
Von besonderem Nutzen sei auch "Athrum-Wasser", so die Sektenchefin. Sie selbst rührt dieses Wunderwasser mit einem Silberlöffel in der Badewanne an, 21 Minuten lang, mit der linken Hand und Linksdrall.
Claudia Poglayen-Zweig vertraute auch auf die Tinkturen aus Uriellas "Apotheke Gottes". Da gibt es Viola-Salbe aus Usambara-Veilchen, Kaktus-Extrakt und Muskat-Pulvermischungen, die das Sektenmitglied Ara in einem heruntergekommenen Schuppen am Stadtrand von Zürich zusammenbraute. Uriella vertrieb die Mittelchen weltweit und machte Millionenumsätze, ohne entsprechend Steuern zu zahlen, weshalb jetzt ebenfalls gegen sie ermittelt wird.
Im Fall der erkrankten Literaturwissenschaftlerin blieben Erfolge aus, der Infekt wuchs sich zu einer Hirnhautentzündung aus. Doch das Vertrauen der jungen Frau in Uriellas göttliche Gaben blieb unerschütterlich. Selbst nach dem ersten Ohnmachtsanfall wurde kein Schulmediziner hinzugezogen. Erst als Claudia in tiefe Bewußtlosigkeit verfiel, brachte ihr Mann sie ins Krankenhaus nach Waldshut, von wo sie in die Uni-Klinik geflogen wurde. Eine Notoperation kam zu spät, Claudia starb am 6. März 1988.
Wenig später nahm der "Heiland" während eines Sektengottesdienstes angeblich persönlich über Uriella Stellung zu diesem Todesfall: Die pflegenden Glaubensgenossen seien schuld am "Heimgang", hätten Uriellas Anweisungen nicht richtig befolgt. Schließlich sei die Patientin im Krankenhaus vergiftet worden.
Ihre Anhänger glauben heute noch daran. "Viele Menschen kommen gesund ins Krankenhaus und müssen dort sterben", sagt zum Beispiel Bruno Neuhäußler, dessen Frau Rotraut Uriellas Roßkur nicht überlebte. Sie hatte sich am Ringfinger der linken Hand verletzt, vermutlich an einem Holzspan. Die Wunde entzündete sich und führte zu einer Blutvergiftung.
Uriella, am Telefon um Hilfe gebeten, fiel auf die Knie und weinte. "Dann riß sie die Arme weit auseinander", berichtet ein inzwischen ausgestiegener Glaubensbruder, der dabei war, "und sandte Licht."Als das nichts half, verordnete sie Umschläge mit Schwedenkräutern. In kurzen Zeitabständen wurden Entgiftungs- und Kreislaufampullen verabreicht, "Dr. Bach Notfalltropfen" sowie Tartarus, Engelwurz und Ringelblumen. Die Kranke, ohnehin von exzessiven Fastenkuren geschwächt, fiel immer mehr in Apathie. Bis zu acht Glaubensgenossen knieten bei Kerzenschein um ihr Bett; aus Zeigefinder und Daumen bildeten sie ein Dreieck, das heilende Lichtstrahlen bündeln sollte.
Zehn Tage lang dauerte das Drama, bis Uriella zum ersten Mal persönlich erschien. Sie streichelte den Rücken der Patientin, die kaum noch atmete, um so "den Heilstrom" weiterzuleiten. Kurz darauf starb die Mutter von zwei Kindern.
In beiden Todesfällen, sagt Uriella heute, habe sie geraten, einen Arzt zu konsultieren. Der Staatsanwalt hält dies für eine Schutzbehauptung. Im Frühjahr soll dem "Sprachrohr Gottes" der Prozeß gemacht werden. Aus: -Stern 1/95-29-12-94-
- Kündigung nach dem Eltern-Boykott.
- "Die Sekte Universelles Leben betreibt Selbstmord-Hysterie"
- Sperrholz gegen den Weltuntergang
- Verlustreiches Engagement
- Sekte gibt 3 Millionen DM zurück
Kündigung nach dem Eltern-Boykott. Leiterin eines städtischen Kindergartens gehörte umstrittenen Universellen Leben an - Stadt wußte bei Einstellung von Nähe zur Sekte - Während der Probezeit keine Beanstandungen.
Die Atmosphäre in dem kleinen Wert-heimer Kindergarten war bis zum äußersten vergiftet. Die letzten Tage vor den Ferien hatten die Erzieherinnen nur noch vier von 20 Kindern vor sich. Der massive Eltern-Boykott richtete sich gegen die Leiterin der städtischen Einrichtung. Als bekannt wurde, daß sie der umstrittenen Sekte Universelles Leben (UL) der selbsternannten Prophetin Gabriele Wittek angehört, war die Empörung groß. jetzt sah die Stadt nur noch einen Ausweg, die erhitzten Gemüter zu beruhigen: sie kündigte der Erzieherin.
Ganz wohl ist den Verantwortlichen der Stadt Wertheim bei diesem Schritt offenbar nicht. "Wir wissen, daß wir damit mit dem Verfassungsgrundsatz der Glaubensfreiheit in Konflikt kommen", sagt Rathaussprecherin Angela Steffan. Bei der Einstellung war der Stadt die Nähe der Erzieherin zum Universellen Leben bekannt. Die UL-Zentrale sitzt in Würzburg. Im unterfränkischen Raum bewirtschaften die "Urchristen" - , so nennen sie sich selbst - Bauernhöfe, betreiben Läden und Geschäfte und leben zum Teil auch in eigenen Siedlungen zusammen.
"Hervorragende Arbeit" geleistet
Bei der Bewerbung vor eineinhalb Jahren wies die nun entlassene Erzieherin, so Steffan, die besten Qualifikationen vor und alle Beteiligten lobten zunächst ihre "hervorragende Arbeit".
"Wir sind nicht achselzuckend über die Nähe zum Universellen Leben hinweggegangen", sagt Angela Steffan. Man habe der Kindergartenleiterin ein "besonderes Augenmerk" geschenkt. So durfte sie in der eingruppigen Einrichtung auch nie alleine arbeiten, immer war eine Kollegin in ihrer Nähe. Einmal habe die Leiterin ein UL-Buch mit in den Kindergarten gebracht. Eine Mitarbeiterin hatte ihr aber mit Erfolg abgeraten, die Lektüre in der Arbeit einzusetzen.
Stimmung schlug um
Während der Probezeit und die Monate danach gab es keine Beanstandungen. Die positive Stimmung schlug erst ins Gegenteil um, als zwei Eltern erfuhren, daß die Betreuerin ihrer Kinder mit dem Universellen Leben zu tun hat.
Wegen der Aktivitäten der Sekte im nahen Unterfranken sei die Bevölkerung bereits "hellwach", so Frau Steffan. Die Gruppe hat den Ruf, im Inneren totalitäre Strukturen zu pflegen, das Leben ihrer Mitglieder streng zu kontrollieren und hinter dem Anspruch, ein urchristliches Leben zu führen und vor allem wirtschaftliche Interessen ihrer Führer zu verbergen. Kritiker werden seit Jahren mit Prozessen überzogen.
In Wertheim gab es nun hitzige Elternabende, die Elternbeiratsvorsitzende, die die Kritik für überzogen hält, trat zurück, Geistliche wurden um Rat und Informationen gebeten. Pfarrer Reinhard Hausmann erzählt, daß vielen Müttern des Wertheimer Kindergartens ein merkwürdiges Verhalten ihrer Kinder in einem ganz neuen Licht erschien, als die Verbindung zum UL bekannt wurde.
Manche der Vier- bis Sechsjährigen hätten erzählt, so der Pfarrer, daß sie keine Blumen pflücken dürfen, weil sonst "das Lichtlein erlöscht, das sie selbst in sich tragen". Andere hätten sich plötzlich geweigert, Fleisch und Wurst zu essen. Begründung der Kleinen: "Wir essen keine toten Tiere." Auch die Sektenmitglieder leben vegetarisch. Hausmann weiß auch von einer Mutter, der von der Kindergartenleiterin empfohlen worden sei, sich "mental" von ihrem Kind zu trennen, nachdem Erziehungsschwierigkeiten auftraten.
Die große Mehrheit der Eltern war am Ende dagegen, die Leiterin des Kindergartens weiterzubeschäftigen. Vermittlungsgespräche blieben ohne Erfolg. Die Stadt bot der Erzieherin eine Stelle in der Verwaltung an, "damit sie sich in aller Ruhe etwas Neues suchen kann". Das lehnte sie allerdings ab.
"Verleumderisch"
Steffan: "Wir mußten ihr schließlich kündigen, es gab keine Vertrauensbasis mehr zwischen Kindergartenleiterin und Eltern, der Betriebsfrieden war gestört. Davor konnten wir die Augen nicht verschließen. "Ob die Entlassung unter diesen Bedingungen rechtens ist, müssen jetzt die Juristen entscheiden, die die Erzieherin eingeschaltet hat.
Mit der Justiz muß sich auch Pfarrer Hausmann beschäftigen. Die Anwälte des Universellen Lebens zeigten ihn wegen Volksverhetzung an. Sein "verleumderisches Verhalten" sei die Voraussetzung dafür gewesen, daß die Eltern so entsetzt reagiert haben, und "Menschen allein wegen ihrer Religionszugehörigkeit regelrecht ausgegrenzt werden". Aus: -Nürnberger Nachrichten-03/04-10-94-
"Die Sekte Universelles Leben betreibt Selbstmord-Hysterie" Landeskirchlicher Beauftragter bei Vortrag in Hof. - Das tödliche Sektendrama in der Schweiz könnte sich in Deutschland wiederholen. "Je näher wir an die Jahrtausendwende herankommen, desto unberechenbarer werden gewisse Sekte. Einen kollektiven religiösen Wahnsinn hat es auch zur Jahrtausendwende im Mittelalter gegeben. Die Menschen bereiteten sich damals in schauerlichen Vorstellungen auf den erwarteten Weltuntergang vor." Mit diesen Worten leitete der bayerische Sektenpfarrer Dr. Wolfgang Behnk am Donnerstagabend in Hof einen Vortrag über die Sekte "Universelles Leben" ein, der teilweise turbulent verlief.
Zwei Mitglieder der Sekte waren aus dem Würzburger Stammhaus angereist. Es gelte "Die Unwahrheiten des Pfarrers gleich vor Ort zu korrigieren", erläuterte der Pressesprecher der Sekte, Matthias Holzbauer, vor dem etwa huntertköpfigen Publikum im Gemeindezentrum der Kreuzkirche. Pfarrer Behnk begrüßte Holzbauer als "mein Schatten, der bei fast jedem Vortrag dabei ist". Der Sektenbeauftragte der Lutherischen Kirche hatte einige Mühe, seine Auseinandersetzung mit der Gemeinschaft "Universelles Leben" gegen die ständigen - auch die Zuhörer nervenden- Zwischenrufe der beiden Sektenmitglieder durchzuhalten.
Der innere Führungszirkel der Sekte um die selbsternannte Prophetin Gabriele Wittek steigere sich seit Monaten in eine Verschwörungstheorie hinein, die ein schlimmes Ende nehmen könne, betonte Behnk. Nachdem viele Gerichte die waschkorbweise "wegen Verleumdungen" eingegangenen Strafanzeigen mit dem Hinweis abgewiesen hätten, die Sekte agiere und missioniere öffentlich und könne also keinen kritikfreien Raum in der Gesellschaft für sich beanspruchen, spielten die Verantwortlichen mit dem Leben der Mitglieder.
"Wir sind die Juden der Gegenwart". Wir sollen ermordet werden. Die Deutschen sind uns feind." So steht es nach Behnks Worten ständig in der sekteneigenen Zeitung "Christusstaat". Vor dem Hintergrund der Endzeit-Stimmung, in der die Sekte mit ihren etwa 30.000 Anhängern ohnehin lebe, sei dies ein unbewußtes Spiel mit dem apokalyptischen Feuer. Die Führung gerate immer tiefer in diese Sackgasse. "Und eines Tages heißt es dann, ob wir nun jetzt schon Schluß machen oder noch ein paar Jahre warten, bis der Weltuntergang kommt, ist eigentlich egal."
"Mit Gewalt"
"Dann kann entstehen", betonte Behnk, "was vor 18 Jahren mit dem Massenselbstmord von vielen hundert Mitgliedern einer Sekte in Guayana begann, was sich vor zwei Jahren mit den waffenstrotzenden "Davidianern" in Texas und jetzt mit fast 50 Anhängern des Sonnentemplerordens in der Schweiz und in Kanada fortsetzte. Und man findet dann auch schon Wege, die noch zögerlichen Mitglieder mit mehr oder weniger manifester Gewalt zu überzeugen."
Wie Behnk erläuterte, wiesen diese das Leben verachtenden Sekten identische Strukturen auf, die auch beim "Universellen Leben" erkennbar seien:
- Eine absolute Hörigkeit zur Führungs- person. Es gibt nur Befehl und Ge- horsam. Ein Wille gilt. Jeder Diskus- sionsansatz wird mit harten Sanktio- nen unterbunden. Gabriele Wittek bezeichnet sich, wie Behnk belegte, als "das absolute Gesetz", als der rein verkörperte, "kosmische Chri- stusgeist", dem zu gehorchen sei.
- Endzeit-Erwartung und regelrechte Sackgassen-Situation. "In Guayana hat es kein Zurück mehr gegeben, weil der Sektenführer Jim Jones die Mitglie- der einer Untersuchungskomission am Flugplatz erschießen ließ, die "Davidi- aner-Sekte" hat sich durch ihre Waffen- käufe und die damit verbundene Ver- schwörungs- und Verteidigungs-Ideo- logie in die Sackgasse manövriert. Für den Sonnentemplerorden wird man ein ähnliches Motiv noch herausfinden."
Das lebensverachtende Element des "Universellen Lebens" wird laut Behnk in der Lehre der Prophetin Wittek deutlich: Die Menschen seien in die rohstoffliche Welt, die Verkörperung "Sathnas", hineingefallen. Sie lebten und erlitten hier ihr Schicksal gemäß ihren Taten in vorangegangenen Leben. Ihre Aufgabe sei es, Erlösung im kosmischen Geist zu finden, indem sie ihr Menschsein vollständig abstreifen. Alles Individuelle müsse abfallen. Die Gehirnzellen müßten von alten Prägungen gereinigt werden. Es bleibe dazu aber nicht mehr viel Zeit.
Als "gnadenlos" bezeichnete der Sekten-Pfarrer die Karma-Lehre der Prophetin: "Dein Kind ist von einem Auto überfahren worden. Mache dir klar, es hat sich dieses Schicksal in einem früheren Leben selbst verdient." So rede man in Kreisen der Sekte.
Diese menschenverachtende Lehre ist laut Behnk der Grund, warum man der Sekte nicht den im Grundgesetz verankerten Schutz der religiösen Überzeugung zubilligen könne. "Auch die Religionsfreiheit ist nach Paragraph 114 des Grundgesetzes an das deutsche Gesetz gebunden. Und dieses Gesetz schließt den ersten Artikel des Grundgesetzes ein: Die Würde des Menschen ist unantastbar."
Mit dem Geist der christlichen Glaubensgemeinschaften habe die Sekte ohnehin nichts gemein. "Das Universelle Leben ist eine exotische Sekte. Das beweist schon, daß man die Bibel nicht als Grundlage der Lehre ansieht, sondern sie wie einen Steinbruch benutzt."
Über 80 Orte
Sektenmitglieder lebten in über 80 Orten in Deutschland, auch in den neuen Bundesländern, berichtet Behnk. Es gebe, besonders in der Zentrale bei Würzburg, eigene Betriebe, Krankenhäuser, Kindergärten und seit kurzem eine eigene von den bayerischen Behörden genehmigte Schule. Die heute über 50 Jahre alte Sektengründerin Gabriele Wittek wurde in Augsburg geboren. Sie ist gelernte Kontoristin und gründete die Sekte 1977 unter dem Namen '"Heimholungswerk Jesu Christi". Aus: -Frankenpost-15/16-10-94-
Sperrholz gegen den Weltuntergang Hotelbesitzerin fordert ihre Millionen vom "Universellen Leben" zurück. - Seit Wochen schreibt sich Betty Käferstein (63) alles von der Seele. Ihr 33- Betten-Hotel "Spessarttor" in Altfeld (Lkr. Main-Spessart) ist nicht übermäßig belegt. Sie hat Zeit, darüber nachzudenken, wie das alles möglich war: Zwölf Jahre lang gehörte sie zu den Anhängern der Würzburger "Prophetin" Gabriele Wittek (61), mehr als sechs Millionen Mark investierte sie nach eigenen Angaben im "Universellen Leben" (UL), dem Religions- und Wirtschaftsimperium dieser Frau. Nun hat sie einen Schlußstrich gezogen und Anwälte eingeschaltet. Ihre Geschichte und Hintergründe schilderte sie dem evangelischen Pressedienst (epd).
Die Zentrale des weltweit aktiven Glaubenskonzerns, ein viergeschossiges Gebäude am Haugerring 7 in Würzburg, wird derzeit laut epd von einem Würzburger Makler zum Verkauf angeboten. Ein erstes seriöses Angebot über mehr als sieben Millionen Mark liege vor. Betty Käferstein hat 1989 mit ihrem Mann drei Millionen Mark für den Kauf dieser Immobilie aufgebracht - die fordert sie nun zurück.
Das Geld stamme aus dem Verkauf eines Ackers 1989 in Nürnberg-Großgründlach, den "der Herr baureif hat werden lassen". So jedenfalls sei ihr das damals von einem sogenannten "Garanten" im Management des straff organisierten Glaubenswerkes erklärt worden.
Die etwa 3.000 "Urchristen", die sich als Folge sogenannter Christusoffenbarungen der "Prophetin" in Würzburg und Umgebung niedergelassen haben - im deutschsprachigen Raum wird die Anhängerschar auf 40.000 geschätzt - unterhalten neben einer Naturheilklinik, einer staatlich geförderten Grund- und Hauptschule, einem Kindergarten und einer Sozialstation mindestens 80 Unternehmen verschiedenster Branchen.
Der damals 23jährige Stefan E. war dem Handelsregister zufolge zeitweise Geschäftsführer von sechs Betrieben, die in irgendeiner Form mit dem "Universellen Leben" in Verbindung stehen. Beim Verkauf des Ackers soll er an der Maklergebühr von mindestens 100.000 Mark beteiligt gewesen sein. Anschließend half er den Käfersteins, "Steuern zu sparen" und das Geld in die Würzburger "Schaltstelle" des UL zu schleusen.
Mit einem Partner aus dem UL gründete E. eine "All-SEIN-Grundstücksverwaltungs-GmbH mit Sitz in Würzburg. Noch am selben Tag wurde, wie Urkunden belegen, im gleichen Marktheidenfelder Notariat eine "All-SEIN"-Kommanditgesellschaft gegründet. In diese KG flossen drei Millionen Mark von den Käfersteins und nominell 100.000 Mark aus der eben gegründeten GmbH ein. Als persönlich haftender Gesellschafter erhielt diese GmbH insgesamt 310 Stimmen für die Gesellschafterversammlung, Betty Käferstein und ihr Mann dagegen nur 300.
Nach ihrer Darstellung verlief die Vertragsunterzeichnung unter höchst merkwürdigen Umständen: "In aller Eile, abends nach neun, einen Tag bevor wir die Sache noch einmal mit unserem Steuerberater in Nürnberg besprechen wollten. Wir haben damals gar nicht genau verstanden, worum es ging."
Unter ähnlichen Umständen tätigte die waschechte Nürnbergerin eine weitere Drei-Millionen-Investition. gegen den Wunsch ihrer Familie kaufte Betty Käferstein das Hotel "Spessarttor" im Marktheidenfelder Ortsteil Altfeld. Ganz in der Nähe des Hotels liegen die Naturheilklinik, das Einkaufs- und Dienstleistungszentrum sowie der kirchliche Versammlungsraum der 700 Mitglieder zählenden "Bundgemeinde" im UL.
Wieder war es Stefan E., der die Immobilie vermittelte und Provision dafür erhielt, und wieder waren es die Firmen aus dem wirtschaftlichen Umfeld der Glaubensgemeinschaft, die alles weitere regelten. Eine "Schreiner für Sie-GmbH etwa organisierte "Fensterschutzmaßnahmen für Notfälle" und lieferte für 14.852 Mark Sperrholzplatten zum Verbarrikadieren der Hotelfenster. Die "Eloge Elektronik-GmbH" war mit einem Notstrom-Dieselgenerator für 18.342 Mark zu Diensten.
"Uns war bei einem Glaubensfestival in Bregenz gesagt worden, daß der große Crash bevorsteht", mein Betty Käferstein heute kopfschüttelnd. "Ich war so 350prozentig von den Offenbarungen und der Lehre im UL überzeugt, daß ich alles über den bevorstehenden Weltuntergang geglaubt habe."
Nebenbei, so schildert die Hotelbesitzerin, gewährte sie einem der Finanzjongleure im Umfeld der "Prophetin" bereits vor Jahren ein zinsloses Darlehen über 160.000 Mark.
Verlustreiches Engagement Spenden und erlassene Bewirtungskosten dürften in die Zehntausende gehen. Daß ihr - angeblich zum eigenen Schutz - eine "Gesellschaft für Betriebssicherheit" aus dem UL-Umfeld Beiträge abbuchte, hat sie inzwischen verschmerzt. Daß sie einen Lichtbild-Ausweis für die Bundgemeinde des angeblich jeder festen Organisation abholden "freien Glaubenswerks" besaß, läßt sie heute lächeln. Daß in dieser Gemeinde Leserbriefkampagnen zur Beeinflussung der Medien systematisch vorbereitet werden, macht sie nachdenklich. Ebenso, daß "Geschwister", die sich "ungesetzmäßig" verhielten, an einen Extratisch im "Speisehaus" beordert wurden. Doch worunter sie noch immer leidet, ist die Tatsache, daß sie von der Führungsspitze im UL behandelt worden sei "wie ein Mensch ohne Seele".
Betty Käferstein hatte gesundheitliche und familiäre Probleme, als sie vor zwölf Jahren in der Nürnberger Meistersingerhalle erstmals eine Offenbarungsveranstaltung mit Gabriele Wittek besuchte. Sie habe sich zunächst besser gefühlt, sagt sie, und geglaubt, "in dieser Gemeinschaft Wahrheit und Erfüllung u finden".
Heute sieht sie sich getäuscht. In ihrem Austrittsschreiben an die "Garanten" der Bundgemeinde - Juristen, Ärzte, Psychologen, Wirtschaftsmanager - beklagt sie, daß sie stets nur geben durfte und immer wieder gedemütigt wurde. "Als ich einmal während einer Feier zur Toilette ging, rief mir einer der wichtigsten Männer aus Gabis Umgebung nach: "Da geht eine ihre Notdurft verrichten und kassiert auch noch Zinsen bei uns. Ich habe mich damals furchtbar geschämt."
Die Notizen der Altfelder Hotelbesitzerin füllen inzwischen viele Seiten. Von Psychoterror um UL ist dort die Rede, subtile Unterdrückungsmechanismen werden beschrieben, die dazu führten, daß "Geschwister" darum flehten, ihr Vermögen in das "Gemeinwohl" der Organisation einbringen zu dürfen. Die nächsten Tage werden für Betty Käferstein nicht einfach werden, aber sie fühlt sich erleichtert: "Die Wahrheit muß ans Licht." Aus: -Main Post-26-10-94-
Sekte gibt 3 Millionen DM zurück Rechtsanwälte des "Universellen Lebens" (UL) haben angekündigt, der aus dem UL ausgestiegenen Hotelbesitzerin Betty Käferstein die drei Millionen Mark, die sie mit ihrem Mann in die Zentrale des UL investiert hat (wir berichteten), so schnell wie möglich zurückzugeben. Auf dem Geld liege "kein Segen", hieß es gestern bei einer Pressekonferenz der umstrittenen Glaubensgemeinschaft in Würzburg. Bei dem Termin waren auch über 100 Anhänger des UL anwesend, die gegen die 63jährige Aussteigerin Vorwürfe im Zusammenhang mit ihrer Hotelführung erhoben. Betty Käferstein hatte bisher unbekannte Interna über das wirtschaftliche Gebaren und den menschlichen Umgang im Umfeld der "Prophetin" Gabriele Wittek enthüllt. Aus: -Oberbayerisches Volksblatt-27-10-94-
Elendes Sterben aus Angst vor dem Weltuntergang Der "Orden des Sonnentempels" hat auch in Kanada von sich reden gemacht. - Fassungslos hat die Schweiz am Mittwochmorgen zur Kenntnis genommen, was nur ein Alptraum aus fernen Ländern schien. In zwei 75 Kilometern voneinander entfernten Dörfern brachten sich Dutzende von Menschen im Sektenwahn um. Weder in Cheiry noch in Les Granges hatte man die Aktivitäten des Sonnentemplerordens zuvor zur Kenntnis genommen.
Cheiry - eine freiburgische Enklave im Kanton Waadt - scheint am Ende der Welt. Das Bauerndorf in der bewaldeten Hügellandschaft oberhalb des Broyetals zählt noch knapp 280 Einwohner. Außerhalb des Dorfes liegt der Bauernhof "La Rochette", wo sich die Tragödie in der Nacht zum Mittwoch ab spielte. Einer der Nachbarn, Albert Torche, wußte, daß der Hof vor einigen Jahren von einer Gruppe gekauft wurde, die sich in Cheiry der biologischen Forschung widmen wollte. Er beobachtete auch, daß ab und zu Fremde zu Zusammenkünften eintrafen. Was sich unter dem ehemaligen Pferdestall abspielte, ahnte jedoch niemand in Cheiry.
An Seltsames erinnern sich allerdings die ehemaligen Besitzer, die heute in Toulouse in Südfrankreich leben. Sie berichteten am Mittwoch, daß sie den Hof am 8. Juni 1990 an eine Vereinigung mit dem Namen "Ferme agricole de recherche et de culture" verkauft hatten. Aufgrund einer Zeitungsannonce, in der der Hof zum Verkauf ausgeschrieben war, hätten sich zunächst drei Frauen gemeldet. Sie interessierten sich vor allem für die großen Räume unter dem Pferdestall und zeigten sich erfreut über die einsame Lage des Hofs. Später - so die ehemaligen Besitzer weiter habe ein Mann vorgesprochen, der nach einem Rundgang durch das Untergeschoß sofort einen Kaufvertrag habe unterschreiben wollen. Als der Termin beim Notar vereinbart war, tauchte ein weiterer Mann auf, der erneut die Räume unter dem Stall besichtigte und dann grünes Licht gab mit der Bemerkung, Geld spiele keine Rolle.
Auch im Dörfchen Les Granges auf gut 1000 Metern Höhe oberhalb von Martigny auf halbem Weg zur Skistation Les Marecottes war man sich bis am Mittwoch nicht bewußt, daß der Ort eine Sekte beherbergte, die den Weltuntergang vorbereitete. Die drei Chalets, von denen zwei nebeneinander lagen und die Bezeichnung "Roches de Christal" trugen, waren ebenfalls seit 1990 von den Sektenanhängern belegt. Im dritten, etwas weiter entfernt liegenden Chalet "La Fontanesse" hatte sich der mutmaßliche Sektenführer, der belgische Mediziner und Homöopath Luc Jouret, eingemietet, wie der Waadtländer Besitzer bestätigte. Dominique Fournier von der Verwaltung der Gemeinde Salvan, zu der Les Granges gehört, sagte, in letzter Zeit seien die Chaletbewohner insofern aufgefallen, als die einen neuen Zaun um die Liegenschaften gezogen hätten. Zudem habe ein reger Autoverkehr ein gewisses Unbehagen im Dorf verursacht. "Wir dachten, es könnte sich um Drogenhändler handeln", sagte Fournier.
Auf einen Schlag brach die heile Welt in den beiden Westschweizer Gemeinden am Mittwochvormittag zusammen. Zunächst sperrten Polizei und Feuerwehr die Orte des Geschehens weiträumig ab: Stunden später belegten die Medien die Örtlichkeiten mit Beschlag. In Les Granges flog ein Fernsehteam mit dem Hubschrauber ein. Lastwagen und Busse kreuzten auf und zogen Kabel durch die Dorfstraßen. Mit tragbaren Telefonen bewaffnete Medienschaffende hetzten durch die Gegend und wollten von den verdutzten Einheimischen Erklärungen zum Unfaßbaren.
Bereits im März vergangenen Jahres, als das amerikanische FBI in Texas die Kultstätte Waco belagerte, war auch die Polizei in Quebec in Alarmbereitschaft gewesen. Sie hatte einen anderen Kult im Visier, den "Orden des Sonnentempels", gegründet 1984 von dem charismatischen Homöopathen Luc Jouret aus Belgien. Die Sekte glaubte an den apokalyptischen Weltuntergang und hatte offenbar die feste Absicht, diesen zu überleben. Dazu hortete man Waffen - Revolver und Schnellfeuergewehre, was in Kanada verboten ist. Die Polizei von Quebec nahm die Gefahr ernst. Sie vermutete, daß der Kult eine Abschußliste mit den Namen einer Handvoll politischer Persönlichkeiten führte. Abhörspezialisten begannen mit elektronischer Überwachung, bis zu 30 Beamte machten tausende Überstunden und selbst das Sondereinsatzkommando hielt sich bereit, die Domäne des Ordens zu stürmen. In Morin Heights, einem malerischen Skiort in den Laurentian Hügeln, 75 Kilometer nördlich Montreals, sahen Anwohner Beamte der Surete du Quebec in den Büschen vor einem Wohnhaus liegen, das Jouret gehörte. "Es war direkt nach Waco, und wir machten uns Gedanken, ob so was auch bei uns passieren kann", erinnert sich der Nachbar jetzt.
Allein, der Aufwand brachte damals keine handfesten Ergebnisse. In mehreren Razzien in Montreal, der Region "Eastern Townships" und dem kleinen Ort Ste. Anne de la Perade stellte man lediglich drei Waffen und zwei Schalldämpfer sicher. Zwei Männer wurden festgenommen, ein 45jähriger Geschäftsmann namens Hermann Delorme, der Versicherungen verkaufte, und ein Abteilungsleiter in der staatlichen Elektrizitätsgesellschaft Hydro Quebec. Der Orden bestritt energisch, daß die zwei festgenommenen Männer Mitglieder waren. Sie wurden verurteilt und damit verlief diese Großanstrengung im Sande, denn des ebenfalls gesuchten Sektenführers, Luc Jouret, konnte die Polizei nicht habhaft werden. Er hatte sich offenbar ins Ausland abgesetzt, vermutlich in die Schweiz. In seinem Haus fand die Polizei nichts Verdächtiges.
Am Dienstag früh, fast genau 24 Stunden vor dem Massentod in der Schweiz, brannte Jourets Haus in Quebec ab. Ihm gehörte eine Doppelhaushälfte - teuer, gepflegt. Viel mehr als verkohlte Trümmer blieben von dem Treffpunkt des Ordens nicht übrig, denn offenbar hatte ein Brandstifter Feuerbeschleuniger benutzt. In einem Schlafzimmer lagen zwei Leichen, eine sofortige Identifizierung des Mannes und der Frau war nicht möglich, man brauchte am Mittwoch Zahnunterlagen dafür. Ob es Jouret war, konnte darum nicht gesagt werden. Die Polizei wurde sofort hellhörig, als der Name Jouret fiel. Aber noch am Mittwochmorgen konnten die Zeitungen schreiben, daß eine Verbindung zwischen der Sekte und dem Feuer wohl nicht existiere. Der Brand in der Schweiz war bei Drucklegung noch nicht passiert.
Seitdem jedoch rotiert die Polizei, die kanadische Öffentlichkeit verlangt Erklärungen, wer sich da in ihrer Mitte unbehelligt breitmachen konnte. Letztes Jahr verweigerte der Polizeiminister Quebecs eine ständige Überwachung der Sekte. Es betonte, trotz Waco-, es gebe keinen Grund für eine Polizeiintervention bei Sekten, solange sie keine Gewalttaten begingen oder dazu anstifteten. Das aber taten die Sonnentempler offensichtlich.
Luc Jouret Luc Jouret, der belgische Gründer und spirituelle Führer der Sekte des "Sonnentempels" wurde am 18. Oktober 1947 in Afrika geboren. Seine Sekte gehört zu einer esoterischen Bewegung von Neu-Templern, die den baldigen Weltuntergang erwarten. Der Freiburger Sektenspezialist Jean-Francois Mayer erklärt, Jouret, der in Brüssel Medizin studierte, profitiere von der Aura, die einen Arzt umgebe. Er betreibe eine "persönliche Suche" und reise in der ganzen Welt umher. er wolle eine Synthese finden, eine Medizin, die "den Menschen in seiner Ganzheit heilt". Von der Homöopathie geht Jouret bald zu anderen Plänen über: Er ist davon überzeugt, daß "die Menschheit in das Zeitalter des Wassermanns eintritt". Laut Mayer ist die Verbindung der therapeutischen und priesterlichen Dimension ein Schlüssel, um die Wirkung Jourets zu verstehen. Jouret hatte sich 1984 mit einem "erneuerten" Templerorden überworfen, der in der Linie der mystischen Rosenkreuzer-Orden stand. Er sieht sich als Vertreter "des Wiederaufkommens des Tempels in der profanen Welt". Seine Überzeugung, daß bald das Zeitalter des Wassermanns kommt, hat eine starke apokalyptische Komponente. Für die NewAge-Bewegung beginnt mit dem Wassermann-Zeitalter, das auf jenes der Fische folgt, eine Zeit des Friedens. Aus: -Stuttgarter Zeitung-06-10-94
Einweihungsschule
(Hannes Scholl - Onto-logische Trainings)Bitte nicht denken Neue Sumpfblüte unter den Psycho-Sekten: Ex-Model Hannes Scholl führt zur "Erleuchtung". - Das Spielchen begann zu nerven. Seit mehr als zwei Stunden tat eine Gruppe von etwa 30 Erwachsenen nichts anderes, als sich auf Befehl eines Übungsleiters vom Stuhl zu erheben und auf ein "Danke" wieder zu setzten. Über drei Stunden sollte es insgesamt dauern, bis die Teilnehmer eines sogenannten Trainings sich erholen durften - nicht ohne sich vorher noch ein Schweigegelöbnis bis zum nächsten Morgen auferlegen zu lassen.
Die durch Schlafentzug ermüdeten Teilnehmer hat das schon nicht mehr gewundert. Sie absolvierten an diesem Sommerwochenende in München immerhin bereits den zweiten Kurs einer Einrichtung, die sich "Hannes Scholl - Ontologische Trainings" nannte und vor einigen Wochen in "Einweihungsschule" umbenannt wurde.
Der Werbung zufolge ermöglichen diese Trainings eine "Erfahrung der Welt, wie sie ist". Als erfolgreichen Abschluß annonciert Scholl, 35, die Möglichkeit, bislang unbewältigte Probleme zu lösen, Träume zu verwirklichen, im Beruf er
folgreich zu sein und dazu noch spirituelle Erfüllung zu erlangen. Was auf den ersten Blick wie ein Gemischtwarenladen für gelangweilt sinnsuchende Wohlstandsbengel daherkommt, ist für den Sektenbeauftragten der Evangelischen Kirche Bayerns, Wolfgang Behnk, ein "sektiererischer, destruktiver Psycho-Kult" - und Anführer Scholl ein "gefährlicher Psycho-Guru mit totalitären Tendenzen".
Die Berichte von Aussteigern der erst drei Jahre bestehenden Organisation bestätigen das. Und auch die Einschätzung des Gurus durch seine Jünger weisen in diese Richtung: "Ein Mensch wie Hannes Scholl", meint etwa sein Schüler Dieter Scherer, "steht außerhalb jeglicher Norm." Und seine Gefährtin N. N. (Name der Redaktion bekannt), wie Scholl ein ehemaliges Fotomodell, sieht in dem smarten Beau "eine Herausforderung für alle denkenden Menschen." Der Mann hat Ausstrahlung. Selbst Manfred Weiß*, bis vor wenigen Wochen in führender Position bei Scholl tätig und jetzt im Streit geschieden, attestiert ihm noch immer "eine hohe spirituelle Kraft".
Vor allem aber sieht er gut aus. Scholl achtet auf exquisite Kleidung, und auch das Design der Schulungsräumlichkeiten läßt Assoziationen an räucherkerzenvernebelte Sektengrotten gar nicht erst aufkommen. Pastellfarben und zeitgeistig-zurückhaltende Möblierung erzeugen, sagt der mittlerweile aus dem Kult ausgestiegene Werbetexter Peter Gehrke*, ein angenehmes Ambiente: "Ich hatte nie das Gefühl, bei irgendwelchen dubiosen Sektierern gelandet zu sein."
Da fühlen sich denn auch besonders Leute angezogen, in deren Umfeld ohnehin oder der Schein das Bewußtsein bestimmt: Mitarbeiter von PR- und Werbeagenturen sowie Angestellte von privaten Fernsehsendern.
Nach Angaben von Kultmanagern haben schon etwa 1.500 Menschen Scholls Kurse absolviert, an die 150 überschritten bislang die sogenannte "dritte Einweihungsstufe". Allein dieses Training, "Die Entscheidung" genannt, kostet derzeit 8.500 Mark.
Auf ihrem Weg zur "Erleuchtung" sollen Scholls Kunden neben einer Stange Geld auch ihre bisherige Identität abgeben. Das fängt schon bei sogenannten "A-Training" an, das heute "Einweihungsstufe 1" heißt und 890 Mark kostet. Da wird in Gruppenübungen, die Psycho-Erfahrene an Schreitherapien erinnern, nach Schlüsselsituationen aus der Kindheit gefahndet. Die Trainer und ihre zahlreichen Assistenten sind allesamt nicht als Therapeuten ausgebildet. Um für mögliche Folgen dieses fröhlichen Dilettierens nicht verantwortlich gemacht zu werden, fordert Scholl von den Teilnehmern vor Beginn der Kurse die schriftliche Bestätigung, sich derzeit nicht in psychiatrischer Behandlung zu befinden.
Schlimmer noch: Scholl verlangt das Einverständnis, daß der Kunde im Fall auftretender Probleme "den Trainer, den Veranstalter und sämtliche Beteiligte von sämtlichen Haftungsansprüchen freistellt".
Auch andere Dinge zurrt der smarte Guru von Beginn an fest. Weil bei den Trainings niemand etwas zu "verstehen" brauche, werde auch "nicht diskutiert und es werden auch keine Meinungen ausgetauscht". Bitte nicht denken.
Für Scholl, berichtet der nach der "zweiten Einweihungsstufe" ausgestiegene PR-Agent Frank Freimann*, ist die kritische Reflexion Teufelszeug. "Was immer du denkst", bleuen die Trainer den Kursteilnehmern ein, "kommt nicht wirklich von dir." Ein "Es", das Scholl als Selbstzweifel definiert, stehe den Zöglingen bei der freien Entfaltung im Weg.
Hinderlich ist alles, was die bisherige Identität ausmacht. Deren Beseitigung lernen die Kursteilnehmer unter anderem in einem "Geld-Training". Um ein neues Verhältnis zum Mammon zu bekommen, verschenken einige auch schon mal Hundertmarkscheine an Passanten.
Überwindung kostet auch der sogenannte Feuerlauf - eine nächtliche, rituelle Handlung auf dem Land. Mit nackten Füßen laufen oder gehen die Probanden einige Meter über glühende Kohlen.
Doch die Befreiung vom alten Ego scheint nah. Noch in diesem Sommer konnten Kursteilnehmer ihr bisheriges Leben begraben. Und das ging so: Die Teilnehmer der "zweiten Einweihungsstufe" krochen durch einen Wald im Münchner Umland, gruben mit einem Teelöffel ein kleines Loch und versenkten darin einen Zettel, auf dem sie persönliche Anmerkungen zu den Stichworten "Was bin ich" und "Alles, was ich loslassen möchte" niederschrieben.
Damit, sagt Sektenexperte Behnk, "soll der Tod der bisherigen Persönlichkeit sinnenfällig dokumentiert werden". Nach Angaben von Scholls Marketingchef, habe man von diesem Ritus mittlerweile Abstand genommen. Dennoch: Schon mit Absolvieren dieser "zweiten Einweihungsstufe" (2.500 Mark) sind die Jünger nicht mehr als ein "leeres Gefäß".
Jetzt seien die Leute reif für die dritte Stufe, die Persönlichkeits "Transformation". Kritiker wie Behnk sehen darin lediglich eine Umschreibung für Gehirnwäsche. Auch Aussteiger wie Freimann oder Gehrke bezeichnen ihre im Kult verbliebenen Mitschüler heute schlicht als "brainwashed".
Die Zukunft der "Einweihungsschule" liegt im Ionischen Meer. Dort hat Scholl bereits auf einer kleinen Insel Bauland für sein "Einweihungszentrum" ausgesucht. Der Guru schwärmt: "Es werden dort nur Menschen wohnen, die die gleiche Ausrichtung teilen und in einem Milieu der Aufrichtigkeit und Integrität leben wollen.
Und er teilt seinen Jüngern mit, daß der Weg zur Einweihung etwas länger werde als geplant - er besteht fortan aus sieben Stufen. Weil das für die potentiellen Teilnehmer recht kostspielig werden dürfte, definiert Scholl in einem internen Papier auch gleich die Zielgruppe: "das Training richtet sich vor allem an Menschen, die in finanziell stabilen und gesicherten Verhältnissen leben und die beruflich etabliert und erfolgreich sind."
Marketingchef bestätigt: "Wir sind ein Wirtschaftsunternehmen."
Die Firma expandiert. In der Münchner Scholl-Zentrale hegt man keinen Zweifel, daß die Anhänger durch "angemessene Spenden" auch den Finanzierungsbedarf für die griechische Tempelanlage in Höhe von etwa 1,5 Millionen Mark aufbringen werden.
Beim Münchner Sektenpfarrer Behnk stehen hingegen die ersten Opfer, psychisch und finanziell angeschlagen, auf der Matte. Einige von ihnen bekommen unangenehme Anrufe, seit sie vom Weg der Erleuchtung abgebogen sind. "Das bist doch nicht du, die das zweifelt", bleut Scholls Partnerin N. N. (Name der Redaktion bekannt) Abtrünnigen ein, "das ist "Es".
Diesem Feind, lehrt Scholls Mitteilungsblatt "Newsletter", kann man überwinden. Zweiflern empfiehlt der Guru: Und ES plappert. Und ich laß ES plappern. Und springe. Jetzt!" * Namen von der Redaktion geändert. Aus: -Focus-07-11-94-
Zahlung einstellt
Anhängern der umstrittenen Colonia Dignidad in Chile darf die Bundesversicherungsanstalt (BfA) ihre Rente sperren. Das entschied das Bundessozialgericht in einem Musterprozeß. Es bestünden "erhebliche Verdachtsmomente, daß die Kolonie körperliche und seelische Gewalt gegen die Bewohner ausübe und deren Renten auf ihre Konten umleite, hieß es in der Urteilsbegründung. Die BfA müsse sicherstellen, daß ihre Renten auch beim Empfänger ankämen. (AZ 4 RA 44/94) Aus:-Westfalen-Blatt-23-02-95-
Bruno-Gröning-Freundeskreis
"Die gute und die böse Kraft" 265 Berliner glauben an den Geist eines verstorbenen Wunderheilers. - Die Arme liegen locker auf den Oberschenkeln, die Handflächen sind nach außen gerichtet, die Finger geöffnet und die Augen geschlossen. Arme und Beine dürfen nicht verhakelt oder verschränkt sein. Damit die Energieströme fließen können. Die Ströme, die die gute Kraft transportieren. Die Kraft, mit deren Hilfe das Böse aus dem Körper vertrieben wird.Dies ist keine moderne Form von Exorzismus. Die Prozedur nennt sich "Einstellen", gehört zum Sprachgebrauch des "Bruno-Gröning-Freundeskreises" und wir in Berlin von 265 Menschen mehrmals am Tag zelebriert. Auf diese Art nehmen sie "Kontakt" mit dem vor 35 Jahren verstorbenen Wunderheiler Bruno Gröning auf und hoffen, dadurch von allen ihren Leiden geheilt zu werden.
Grete Häusler, Vorsitzende des "Freundeskreises", kann ungeheuerliche Geschichten über die Wirkung der Heilkraft erzählen: "Lahme könnten wieder laufen, Blinde wieder sehen. Wenn es nicht klappen sollte, sagt sie, seien die Menschen selbst daran schuld. "Wer nicht geheilt wird, glaubt einfach nicht richtig." Stolz verweist sie auf die Mitgliederzahlen. 17.000 Gröning-Freunde gebe es weltweit. "Wir sind absolut im Kommen."
Das befürchtet auch Monika Schipmann, die Sektenbeauftragte von Berlin. Nicht nur der Bruno-Gröning-Freundeskreis, den sie als "sektenähnliche Organisation" einstuft, erfreue sich derzeit eines großen Zulaufes, sondern alle 400 sogenannten Psycho-Heilbewegungen, die es in der Stadt gibt. "Viele Menschen fühlen sich im Medizinsystem nicht mehr richtig aufgehoben", erklärt sie. Gegenbewegungen hätten gute Chancen. Monika Schipmann schätzt nicht alle Gruppen als gefährlich ein. "Sie sind es erst dann", sagt sie, "wenn ihre Mitglieder so an die Allmacht von Heilungskräften glauben, daß sie nicht mehr zum Arzt gehen oder sich bedingungslos den Regeln der Gruppe unterwerfen.
Auch Ellis Huber, Präsident der Berliner Ärztekammer, sieht diese Gefahr. Nicht irgendein Wunderdoktor führe die Heilungen herbei, sondern allein die "Selbstheilungskraft des Menschen". Es gebe in der Tat Fälle, in denen Menschen von Krebs oder anderen Krankheiten geheilt wurden, weil man ihnen suggerierte, sie nähmen jetzt ein Medikament, das mit Sicherheit helfen würde.
So ähnlich könnte das bei Robert Busse gewesen sein. Der 26jährige Diplomingenieur bei Siemens hatte Asthma seit seiner frühen Kindheit. Heute ist außer einer etwas verschnupft klingenden Stimme nichts mehr von seiner Krankheit zu spüren. An psychosomatische Prozesse als Ursache glaubt er jedoch nicht. Seine Heilung, ist sich Robert Busse sicher, hat er dem Geiste Bruno Grönings zu verdanken.
Er dankt es dem 53jährig verstorbenen Gelegenheitsarbeiter, der in den Nach-kriegsjahren Karriere als Wunderheiler machte, indem er überall in seiner Wohnung retuschierte Porträts von ihm aufgehängt und auch sein Vokabular übernommen hat.
Der junge Mann redet viel von der "guten und bösen Kraft", "Stellt" sich hin und wieder nicht nur für sich, sondern auch für seine Familienangehörigen "ein", um auch sie gesund zu beten, und verwendet häufig das Wort "Wahrheit". Wobei er seine eigene Definition dafür hat.
So habe Wunderheiler Gröning deshalb "einen so dicken Hals" gehabt, "weil immer, wenn er zu Tausenden sprach, eine seiner Drüsen angeschwollen sei". Und gestorben ist Bruno Gröning im Alter von 53 Jahren nach Busses Überzeugung nicht an Kehlkopfkrebs, wie die Ärzte diagnostizierten, sondern an seinem Heilverbot.
"Wahr" soll auch die Erzählung einer Frau sein, sie brauche sich nur den Bruno-Gröning-Kalender auf den Bauch zu legen, um ihre Darmkrämpfe loszuwerden.
Und übrigens: Nach Ansicht der Gröning-Freunde lindert mitunter schon das Lesen von Artikeln über sie und ihre Methoden derlei Schmerzen... Aus: - Die Welt-15/16-10-94-
Die Familie (Kinder Gottes)
David Berg ist tot Ende November 1994 ist David Berg, der amerikanische Führer der "Familie", angeblich nach kurzer Krankheit, im Alter von 75 Jahren verstorben. Seit über 20 Jahren hatte er sich nur noch an geheimgehaltenen Orten aufgehalten; auch über den Zeitpunkt und Ort seines Todes erfuhr man nichts.David Berg, von seinen Anhängern auch "Mose David" oder kurz "MO" genannt und als Endzeitprophet verehrt, wurde am 18. Februar 1919 geboren und stammte aus einer Wanderprediger-Familie. Aufgrund seines ausgeprägten apokalyptischen Selbstverständnisses gründete er im kalifornischen Umfeld der Jesus-People-Bewegung in den 68er Jahren eine rasch wachsende Gemeinschaft, die den Namen "Kinder Gottes" erhielt. Seit 1971 schickte er Missionare nach Europa. 1978 wurden die "Kinder Gottes" aufgelöst bzw. transformiert: Als "Familie der Liebe" und unter anderen Bezeichnungen lebten sie zum Teil jahrelang im Untergrund. In die Schlagzeilen war besonders die "Missionspraxis" des "Flirty Fishing" (FFing) geraten, also das Anwerben neuer Interessenten durch erotisch-sexuellen Einsatz. Seit 1987 wurde diese Betätigung mit Blick auf die Aids-Gefahr offiziell aufgegeben. Aber noch bis in die letzte Zeit war in verschiedenen Ländern der Vorwurf des sexuellen Kindesmißbrauchs laut geworden. Geblieben ist jedenfalls bis heute eine sexualliberale Grundeinstellung gemäß Bergs "Gesetz der Liebe", das er in manchen seiner annähernd 3.000 "MO-Briefe" illustriert hatte.
Helmut Obst bemerkt im Rahmen einer ausführlichen Darstellung: "Sucht man nach einem Beispiel für die Aktualisierung der urchristlichen Charakteristika eines falschen Endzeitpropheten, so drängt sich die Gestalt des David Berg geradezu auf" ("Neureligionen, Jugend-religionen, New Age", Berlin 1991, S. 356). Bergs älteste Tochter Deborah Davis hat 1984 in dem Buch "Die ungeschminkte Wahrheit" (deutsch: Aßlar 1985) mit ihrem Vater und der internationalen Gemeinschaft abgerechnet. Dessen Tod zehn Jahre später dürfte wenig Einfluß auf die Kontinuität der heutigen "Familie" haben, die sich als "Zusammenschluß unabhängiger Missionarsgemeinschaften" darstellt. Seit langem existieren stabile, insbesondere auf die Familie Berg konzentrierte Führungsstrukturen. David Bergs einstige Sekretärin Maria, die er nach der Trennung von seiner ersten Frau geheiratet hatte, hat nun als 45jährige Witwe das Sagen (bzw. Schreiben) in der hierarchisch strukturierten "Jugendreligion" mit ihren über 9.000 Vollzeit-Mitgliedern und 200 Wohngemeinschaften in über 40 Ländern. -th -Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: Materialdienst der EZW (Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Stuttgart) Nr. 1/95
Satanismus
Brennender Haß auf Gott und die Welt Bernd Harder, Augsburg"Zauberei, Blut und Satan. Trifft das Gesicht des Todes. Blut/ Folter/ Schmerz/ TÖTE! Ströme des Krieges, Ströme von Haß, Armageddon, Geschichten der Hölle, Woge der Verwüstung, Woge der Sünde. Komm und höre, Luzifer singt. Kommando Blut, Kommando Krieg, Kommando Satan, Kommando Hölle." Diesen auf den ersten Blick reichlich wirren Song-Text aus dem Repertoire der norwegischen Band "Mayhem" könnte man quasi als das Programm einer neuen musikalisch-okkulten Subkultur namens "real Black-Metal" bezeichnen, deren Anhänger sich hinter einen dicken Schallmauer aus anscheinend echter satanischer Überzeugung formieren.
"Black" und "Death"-Metal", zwei extreme Stilrichtungen des Heavy-Metal, stehen wegen ihrer morbide-brutalen Texte von Hölle, Tod und Gewalt schon seit Jahren im Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik. Doch sind Knüppel-Bands wie "Venom" oder "Slayer" bei Licht besehen wohl eher vom Götzen Mammon als vom Bösen besessen (um des Plattenverkaufs willen schrecken sie vor keinem bluttriefenden Kasperle-Theater zurück), so ist mit dem "real Underground" nun eine neue, kaum für möglich gehaltene Dimension erreicht worden. Nach dem Motto: "Die alten Bands haben nur darüber gesungen - wir tun es!" teste Gruppen wie "Burzum", "Dark Throne", "Mayhem", "Emperor", "Decide" oder "Implaned Nazarene" ihre Zerstörungs-Lyrik am lebenden Objekt.
Die Welle Wahnsinn schwappt von Norwegen herüber. Dort ist vor einigen Wochen der 22 Jahre alte Vark Vikernes (Pseudonym "Count Grishnachk"), Sänger der Gruppe "Burzum", zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Vikernes hatte am 9. August 1993 den Black-Metal-Musiker Oystein Aarseth erstochen und außerdem acht Kirchen in Norwegen niedergebrannt, um erklärtermaßen "die Wut der Christen zu verstärken. Wir können dann eventuell Krieg mit ihnen führen". Unmittelbar nach Vikernes' Verurteilung gingen drei weitere Gotteshäuser in Flammen auf. Der Schlagzeuger der Gruppe "Dark Throne", der ebenfalls zum sogenannten "Inner Circle" der Gitarren-Gurus zählt, erklärte sich mit den Tätern solidarisch: "Das Christentum hat schon viel zu lange die Macht hier", diktierte der Satanismus-Trommler einem Reporter. "Und einige Bands sind der Meinung, daß jetzt dem erst ein Ende bereitet werden muß."
Auch in Deutschland werden mittlerweile einige Verbrechen mit der "real Black-Metal"-Szene in Verbindung gebracht. So legten unbekannte Täter im Vorfeld eines "Immortal"-Konzerts Feuer in einer Kirche im sächsischen Greiz, nachdem sie Kreuze verkehrt herum und okkulte Symbole an die Wände gesprüht hatten. Auf die Bethanien-Kirche in Leipzig sind in den letzten Monaten gleich mehrfach Brandanschläge von Anhängern des Satans-Kults verübt worden. Auch in Nellingen bei Ulm ging im Sommer die evangelische Ortskirche in Flammen auf. Angeblich soll in Deutschland sogar eine "Todesliste" einer selbsternannten "Black-Metal-Mafia" kursieren. auf der die Namen von kritischen Musikjournalisten wie Vanessa Warwick ("MTV") oder Frank Albrecht ("Rock Hard") sowie von andersdenkenden Musikern wie Alex Krull von der Berliner Death-Metal-Band "Atrocity" verzeichnet sein.
In einem Interview mit der in Greiz erscheinenden Tageszeitung "Thüringenpost" bezifferte der Chef der Gruppe "Opferblut" aus Wolfshagen, der sich mit dem Pseudonym "Leichenschrei" schmückt, den harten Kern der deutschen "Black-Metal-Mafia" auf 30 bis 40 Mitglieder. Zu den Zielen der Killer-Musiker führte er aus: "Wir wollen uns einen eigenen Lebensraum schaffen und den Black-Metal als Untergrund erhalten. Wir wollen die Szene für uns alleine haben und ungehindert unser Gedankengut ausleben. Wenn uns jemand bei unseren Aktivitäten stört, stoppen wir ihn." In dem Black-Metal-Untergrund-Franzine "INFERNUS" wurde "Leichenschrei" noch deutlicher: "Ich glaube an Dinge wie Satanismus, Okkultismus, Zauberei etc. Und letztendlich ist das Verbrechen der glorreiche Weg. um Satan zu preisen." Den Mord an dem 15jährigen Sandro Beyer im thüringischen Sondershausen durch drei Jugendliche, die sich "Kinder Satans" nannten, feierte "INFERNUS" als "Mutige Tat", als "Fackel ins morsche Kirchengebälk". Auch die Anführer der "Satanskinder", der zu acht Jahren Haft verurteilte Hendrik Möbius, war Sänger einer Black-Metal-Band namens "Absurd". Der 18jährige soll sich auch heute noch im Gefängnis mit der Ideologie der norwegischen Satans-Faschisten beschäftigen (vgl. DER SPIEGEL 41/94).
Zu den neuen Entwicklungen im Bereich des Black- und Death-Metal gibt es seitens der Jugendschutzbeauftragten und der Sektenexperten bislang kaum Stellungnahmen. Anscheinend ist die Kenntnis darüber noch nicht in alle relevanten Bereiche vorgedrungen - oder aber das Genre wird als minimale Subkultur betrachtet, die man in ihren Grundzügen in den vergangenen Jahren abgehandelt geglaubt hat. Bemerkenswert ist, daß die "szene-)interne Kritik, die an "Burzum" und Konsorten geübt wird, offenbar getragen ist von Befürchtungen, daß eine extreme Minderheit wieder einmal das gesamte Heavy-Metal-Genre in Verruf bringt. Mit Musik hat "real-Black-Metal" indes nicht nur nach Auffassung des Fachblattes "Rock Hard" kaum noch etwas am Hut. Sie diene in diesem Zirkel "zum größten Teil nur noch dem Transport kranker Gedanken."
Nach Einschätzung des Sängers der gemäßigten Death-Metal-Band "Morgoth" würden die neuen radikal-satanistischen Bands und ihre Anhänger bei einer anderen persönlichen Disposition "wahrscheinlich zur rechten Szene tendieren". Somit wäre das Phänomen "Black" und "Death"-Metal nicht als Bedrohung der Gesellschaft durch eine Minderheit zu bewerten, sondern als bestimmte Ausprägung eines gesamtgesellschaftlichen Problems. Zensur und Verbot, glaubt daher der Okkult-Experte Harald Baer von der Katholischen Sozialehtischen Arbeitsstelle (KSA) in Hamm, sind vor diesem Hintergrund sicherlich "kein Allheilmittel". Allerdings gilt auch hier: Wenn immer nur "die Gesellschaft" verantwortlich gemacht wird, ist letztlich niemand mehr verantwortlich, wenn frustrierte Jugendliche mit brennenden Kirchen "Fanale" eines gewalttätigen Aufstands gegen Gott und die Welt setzen.
Doch noch immer werden besorgte Stimmen kaum ernstgenommen. "Desinteresse bis zur Ignoranz" fand etwa die Gymnasiallehrerin Christa Jenal bislang bei staatlichen Stellen vor. Die Saarbrückerin forderte im vergangenen Jahr die Stadtverwaltung von Völklingen (Saarland) auf, ein Konzert der Extremgruppe "Cannibal Corpse" zu verbieten. Vergeblich. Ihr Anliegen, so erfuhr sie, sei nicht von öffentlichem Interesse. Auch die Musikbranche sperrte sich zunächst aggressiv gegen einen Vorschlag Jenals, eine Art freiwillige Selbstkontrolle einzuführen, um eindeutig menschenverachtende Darstellungen auf Platten-Covern, in Song-Texten und auf der Bühne sowie um Gewalt als probates Mittel der Unterhaltung zu verhindern. Damals von den Plattenfirmen in die Nähe der "ehemaligen faschistischen Tugendwächter" gerückt, gewinnt der Vorschlag der Saarländerin angesichts der extremen Auswüchse im Black- und Death-Metal wieder an Aktualität. Immerhin gab der Musikvertrieb "Rough Trade Records" bekannt, daß eine geplante Solo-LP von "Dark Throne"-Drummer "Fenritz" nicht erscheinen wird. Ein Anfang. Aber Platten-Bosse wie Jugend- und Sozialpolitiker, Eltern, Lehrer, Sektenbeauftragte und Rockfans sind gleichermaßen gefordert, wenn der bizarre und gefährliche "real Balck-Metal"-Untergrund trockengelegt werden soll.
Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: Materialdienst der EZW (Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Stuttgart) 3/ 1995
- Anwaltskammer: Hilfe für Sektenopfer
- Sektenexperte fordert Schutz für die Kinder
- Das Heil in der Endzeit
- Statt Kommunismus jetzt Munismus als Staatsreligion ? von Thomas Gandow
- Mun-Bewegung Weiter Einreiseverbot für Mun in Deutschland
- Sekteninvasion, Religionsfreiheit und die Aufgaben von Kirchen
Anwaltskammer: Hilfe für Sektenopfer Immer mehr Menschen geraten in den Sog sektenähnlicher Organisationen. Vor allem Jugendliche fallen auf deren Trick herein: Geboten werden Geborgenheit und geistige Weiterentwicklung. Unter dem Deckmantel von Seminargebühren oder Spenden werden den Opfern dann mit der Zeit immer höhere Geldbeträge abverlangt. Eltern müssen eine derartige Entwicklung ihres Kindes nicht untätig hinnehmen, betont die Rechtsanwalts-kammer Stuttgart in einer Pressemittei-lung. Minderjährige können auf Anordnung des Vormundschaftsgerichtes heimgeholt werden, von ihnen gezahlte Geldbeträge können ohne weiteres zurückgefordert werden. Volljährige dagegen können im allgemeinen nur solche Beträge zurückverlangen, für die sie noch keine "Gegenleistung" erhalten haben. Dies gilt auch, wenn die Geldhingabe als Spende bezeichnet worden ist. Hier ist im Einzelfall zu prüfen, ob nicht Täuschung oder Wucher im Spiel waren. Sektenähnliche Organisationen, so die Rechtsanwaltskammer, zwingen ihre Mitglieder oft dazu, sich von ihren familiären und beruflichen Bindungen loszusagen. Der Hintergrund: Die Betroffenen können so intensiver beeinflußt werden. Hier ist Angehörigen und Freunden dringend zu empfehlen, unverdrossen jede nur denkbare Bindung aufrechtzuerhalten oder neu zu suchen. Die Isolierten müssen wissen, daß sie jederzeit ohne Vorwürfe wieder willkommen sind. Wichtig ist ferner, daß die Familie den Kranken- und Sozialversicherungsschutz aufrechterhält, da die Beiträge fast nie von den Sekten bezahlt werden. Wenn eines Tages die Loslösung gelingt, müssen die Folgen von Gehirnwäschen oder sonstigen psychischen Schädigungen meist langfristig ärztlich behandelt werden.
Wurde der Versicherungsschutz nicht aufrechterhalten, so kommen erhebliche Kosten auf die Familie zu. Häufig verlangen Sekten von ihren Mitgliedern, daß sie Erbschaften der Organisation übertragen müssen. Wer sich von der Sekte löst, steht dann trotz einer Erbschaft vor einem Nichts. Eltern können dem entgegenwirken, indem sie durch ein Testament den Erb- oder Pflichtteil des Kindes "in guter Absicht" der Verwaltung eines Testamentsvollstreckers unterstellen. Wichtig hierfür ist eine rechtzeitige Beratung durch einen Rechtsanwalt oder Notar. Aus: -Schorndorfer Nachrichten-19-10-94-
Sektenexperte fordert Schutz für die Kinder Knackstedt will Kronzeugenregelung für Aussteiger. - Babys werden die Augen verbunden, Kindern ein Ohr mit Silikon verklebt: Praktiken der indischen Satsang-Sekte auch in Deutschland. Eine Spur führt in die hannoversche Nordstadt. Wilhelm Knackstedt, Weltanschauungsbeauftragter der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, fordert einen Schutz der Kinder vor persönlichkeitszerstörenden Kulten.
Es sei nicht mit dem Grundgesetz vereinbar, wenn Kinder aus religiösen oder pseudoreligiösen Gründen zu Aussenseitern der Gesellschaft erzogen oder sogar mißbraucht würden.
Bei der Satsang-Sekte habe sich nur die Spitze eines Eisbergs gezeigt. Die Kinder der "Zeugen Jehovas" müßten sich schon in der Schule gegenüber Andersgläubigen absondern, ihre Bildungschancen würden beschnitten. Eher riskierten die Eltern ihren Tod, als eine Bluttransfusion zuzulassen. Bei den "Kindern Gottes" werde sogar zu Prostitution und Kindersex aufgefordert.
Der Experte nannte es unverständlich, daß sich staatliche Stellen angesichts der Forderungen von Betroffenen und Elterninitiativen immer wieder hinter einer vorgeschobenen religiösen Neutralität verschanzten, statt ihre Verpflichtung aus dem Grundgesetz wahrzunehmen. Die Verfassungsgarantie auf Leben und körperliche Unversehrtheit müsse um die seelische Dimension erweitert werden, forderte der Theologe. Nötig sei auch eine Kronzeugenregelung für Aussteiger, die sich im Gehorsam gegenüber ihrem Guru oder Kult an ihren Kindern schuldig gemacht hätten. Sie wagten bislang nur selten, bei staatlichen Stellen Hilfe zu suchen und die Machenschaften der Gruppen aufzudecken.
Die Anhängerzahl der Satsang-Sekte mit Guru Sant Thakar Singh an der Spitze wird in Deutschland auf 25.000 geschätzt. Aus: - Neue Presse - (Hannover)-01-11-94-
Das Heil in der Endzeit Jahr 2.000 als magisches Datum: Esoteriker, Okkultisten und Satanisten erwarten den großen Knall - Enttäuschung über Alltag: Millionen Deutsche in Sekten.
Das Ende der Welt ist gewiß. Nur das Datum steht noch nicht fest. Die Zeugen Jehovas nannten das Jahr 1914 für das große Menschengericht. Als dieses Finale ausblieb, wurde flugs ein neuer Termin anberaumt: 1975. Auch damit wurde es bekanntlich nichts. Wir leben noch.
Aber - und da wird die Sache ernst - einige Mitglieder de Gemeinschaft überlebten die verpatzte Apokalypse nur mehr als seelische Wracks. Auch soll es damals, berichten ehemalige Mitglieder der Heilsverkünder, Selbstmorde unter den Gläubigen gegeben haben: Das versprochene Paradies war wieder in weite Ferne gerückt. Statt Erlösung blieb nur Selbstaufgabe.
Das Jahr 2.000 ist jetzt das magische Jahr. In esoterischen und okkultischen Zirkeln, bei religiösen Erweckungsgruppen sowie bei den satanisch Umtriebigen wird der große Knall erwartet.
Entsprechend wuchern die Weltuntergangs-Phantasien: Verfolgung, Vernichtung, Auserwähltsein. Im Banne der Endzeit-Neurose, so haben es SektenAbtrünnige in Erinnerung, bewegen sich die geistig-psychisch Entrückten in irrealen Sphären - weit weg von dieser Welt, zu allem fähig, zu allem bereit.
Die Wahnvorstellung nahender Katastrophe ist auch eine Erklärung für das, was sich vor knapp zwei Wochen in der Schweiz und Kanada ereignet hat: kollektiver Selbstmord von Anhängern des obskuren "Sonnentempler"-Ordens. Massenexekution. Wahrscheinlich von beidem etwas.
Etwa 600 pseudoreligiöse Gruppen haben sich in Deutschland abseits der großen Kirchen und Weltreligionen formiert. Ihre Anhängerschaft schätzt der Berufsverband Deutscher Psychologen auf 1,5 bis 2,5 Millionen Menschen. In Köln, einer Großstadt-Hochburg der Sekten-Szene, agieren an die 30 Gruppierungen. Auch in den großen Städten in Ostdeutschland sind mittlerweile alle einschlägigen Sekten vertreten.
Die Mitarbeiter der Eltern- und Betroffeneninitiative gegen psychische Abhängig-keit in Leipzig betreuen zur Zeit 20 Leute verschiedenster Altersgruppen und sozialen Schichten, die aus ihrer Sekten-Abhängigkeit aussteigen wollen. Die alleinstehende Mutter Elke N. war völlig ahnungslos, als sie nach der Wende auf eine Zeitungsanzeige antwortete, mit der angeblich Arbeitslose für den sozialen Bereich gesucht wurden.
"Ich wußte doch gar nichts von Sekten und wie gerissen die versuchen, an ihre Opfer heranzukommen", sagt die damals Halt Suchende, die mit Hilfe der Betroffeneninitiative den Ausstieg schaffte und warnt: "Niemand sollte glauben, daß er immun gegenüber den Sektenstrategien ist."
Die Grenzen zu ziehen zwischen harmlosen Entrückten, die allem Anschein nach nur ein bißchen tanzen, Weihrauch versprühen und Traktätchen verteilen, und gefährlichen Seelenfängern, die ihre Mitglieder mit infamen Praktiken bis hin zur Gehirnwäsche traktieren, überfordert den Laien. Fachleute haben sich deshalb auf einige Kriterien zur Bestimmung "destruktiver Strukturen" geeinigt. Danach sollten bei Anzeichen von "totalitärem Aufbau, Allmachtsphantasien, Führerkult, Endzeiterwartungen und Isolation" die Warnlampen angehen.
Pfarrer Reinhard Hummel, Sektenexperte der Evangelischen Kirche in Deutschland, betrachtet die "zunehmende Radikalisierung kleiner Sekten "in Deutschland mit Sorge. Er plädiert dafür, eindeutige Alarmzeichen im Auge zu behalten: wenn eine Gruppe "abgeschottet in ländlicher Einsamkeit" sämtliche Kontakte zur Außenwelt unterbinde; wenn "eine Führergestalt" mystische Verwandlung verlange und eine "hysterische Atmosphäre" der Selbstentäußerung verarbeite.
Solche Gefahren nehmen zu. Im Zeitalter von High-Tech sind immer mehr Menschen von der Realität des nüchternen Alltagslebens enttäuscht. Manche suchen dann extreme Erlebnisse. Andere flüchten in das Gemeinschaftserlebnis der Gruppe, suchen dort Geborgenheit und Lebenssinn.
So erlebt das ausgehende Jahrhundert die Etablierung eine multireligiösen Supermarktes: Die Wiederbelebung von Rosenkreuzer-Tradition und Alchimismus, von Mystik und Kabbala, von Reinkarnation und Karma - und eben auch von Okkultismus und Satanskulten.
Über den Grad des "Gefährdungspotentials" der kleinen GlücksVerkünder wie der großen Psycho-Konzerne a' la VPM, dem "Verein für Psychologische Menschenkenntnis", oder der politischwirtschaftlich orientierten "Scientology-Church" mit ihren angeblich 300.000 deutschen Mitgliedern, sind sich die Fachleute uneins.
Die einen warnen vor "Hysterie", sind davon überzeugt, "daß eine Demokratie so was verkraften müsse. Andere warnen vor den "unheimlichen Meistern" und ihren "Unterdrücker-Kartellen": Etwa das Kölner Institut der Deutschen Wirtschaft, das den Ruf der Wirtschaft durch die Aktivitäten der Sekte gefährdet sieht. Auch Bundesarbeitsminister Blüm ist hochalarmiert. Seitdem ein Scientologe eine Lizenz zur Vermittlung von Arbeitslosen erhielt, fürchtet er Einschleusungen von Opfern für Karriere-Streben und Leistungsstreß - nach dem Motto: "Mach Geld, mach mehr Geld, mach, daß andere Geld machen".
Sektenexperte Hummel ist "nicht sehr optimistisch" im Hinblick auf eine politische Lösung des Problems. Artikel 4 Grundgesetz garantiert Religionsfreiheit; der Staat ist zu Neutralität verpflichtet. Außerdem: "Oft sind das Phänomene an der Grenze. Man weiß nicht, ist es noch Religion oder Geschäft oder schon Politik?"
Also bleibt es bei der Einschätzung: Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Auch dann, wenn dieser Wille ihn und andere genau dorthin katapultieren kann: "Wir können alles einsetzen, sogar die Atombombe", heißt es in den "Lehren des Sri Krishna Cainyas", die der Guru seinen Flöte spielenden Schülern gibt für den Kampf gegen die "Ungläubigen". Aus: - Mitteldeutsche Zeitung . 21-10-94-
Statt Kommunismus jetzt Munismus als Staatsreligion ? von Thomas Gandow In Gebieten der ehemaligen Sowjetunion dringen Kulte wie die Mun-Bewegung mit hohem personellen und finanziellen Aufwand in öffentliche Institutionen und Schulen vor. Die christlichen Kirchen im GUS-Gebiet brauchen internationale, wirklich ökumenische Hilfe bei der Auseinandersetzung mit diesem Angriff.
Die durch 70 Jahre kirchenfeindliche, atheistische Diktatur geschwächte Kirche erhielt Sakralgebäude jetzt vom Staat mit einem Mal "zurückgegeben", was die Kirche nun vor immense Renovierungsprobleme stellt. Dagegen steht sie weiterhin noch ohne Ausbildungsstätten, Schulen und Schulwesen, ohne Diakonie und diakonische Einrichtungen, ja selbst ohne Gemeinderäume für Jugendarbeit und Gemeindeleben da.
Teilweise wird der Kirche sogar der Zutritt zu Schulen und öffentlichen Einrichtungen verwehrt mit dem Verweis auf die Trennung von Staat und Kirche, während sich die Mun-Bewegung, Scientology und andere als wissenschaftliche oder pädagogische Kurse oder Sprachunterricht ungebremst in die Schulen und Ausbildungsinstitutionen einbringen können.
Totalitäre Gruppen, die rücksichtslos ihre Durchsetzung und Machtergreifung betreiben, sind im Vorteil gegenüber einer Gesellschaft, die ihre Spielregeln erst erarbeitet und gegenüber einer Kirche, die nicht nur die "Vergangenheit aufarbeiten" muß, sondern auch die Entwicklung zu einer modernen Volkskirche mit allen ihren Möglichkeiten und Pflichten nachzuholen hat.
Kulte stoßen auf Legitimationslücken
Daß die totalitären Kulte die Legitimationslücken oder organisatorischen Schwächen der Kirchen und der neuen Demokratie zur Etablierung nutzen wollen, wurde am deutlichsten ausgesprochen in der Zeitung der amerikanischen Mun-Bewegung. Dort analysierte und projektierte einer der Ostexperten der Mun-Bewegung bereits 1990:
"Ich glaube, wir spüren die Herausforderung. Während des Falls des Römischen Reiches erbten die Christen Regierungsposten aller Art; wegen ihres Charakters, ihrer Moral, ihrer Vertrauenswürdigkeit in Geld- und Verwaltungspositionen.
Ich fühle klar, daß, wenn unsere Mitglieder Professionalität entwickeln können, zusätzlich zu ihrer moralischen Integrität, die sie jetzt erreicht haben indem sie Rev. Mun folgen, dann sind die Möglichkeiten in Osteuropa wirklich unbegrenzt.
Irgendjemand wird die Posten des zusammenbrechenden kommunistischen Reiches erben. Und Führer sind hier ja Mangelware. Wir müssen uns darauf orientieren für die 90er Jahre". (1)
Inzwischen gibt es Werbeerfolge in den ehemaligen Ostblockstaaten, auch wenn die erwarteten welthistorischen Veränderungen und die "Wiederherstellung des Himmlischen Königreichs auf Erden" mit Mun als Weltführer wieder einmal ausblieben, wie schon 1967 ("Sieben-Jahres-Periode"), aber auch 1981 (Drei-Sieben-Jahres-Perioden"). Der Traum wird aber weiter geträumt - die Söhne von Deng, Hsiao-Ping (China) und Kim, Il Sung (Nordkorea) würden Mun bereits lieben. (2)
Auch verfolgt Mun weiter den Gedanken, in einem kleinen Land könnte "Unificationismus" als Staatsreligion eingeführt werden. Allen Ernstes und nicht völlig aus der Luft gegriffen behauptete er schon vor geraumer Zeit: "Rußland ist ein Land, das dies ernsthaft überlegt." (3)
Munismus als Religionsunterricht
Man sträubt sich vor dem Gedanken, daß die Mun-Bewegung in den letzten Jahren deutliche Fortschritte in dieser Richtung gemacht hat. Dennoch ist dies leider Realität.
Nach Mitteilung von Prof. Feodorov, Leiter des "Christlich-Interdisziplinären Zentrums zum Studium neuer religiöser Bewegungen", in St. Petersburg (4) hat die Mun-Bewegung im nordkaukasischen Kalmückia schon Regierungspositionen erreicht. Aber noch schwerwiegender: Die Mun-Bewegung ist dort offiziell verantwortlich für den Religionsunterricht an den Schulen.
In 100.000 Exemplaren hat die Mun-Bewegung dort bereits ein Religionslehrbuch veröffentlicht, das als offizielles Lehrbuch an den Schulen benutzt wird, und das bald in Gesamtrußland verbreitet werden soll.
Dies unterstreicht die Notwendigkeit, für die Informations- und Beratungsarbeit der Kirchen im Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, auch für ihren kirchlichen Unterricht, internationale, wirklich ökumenische Hilfe zu organisieren. Diese Zeitschrift will ein Teil dieser Hilfe sein.
(1) Gordon L. Anderson: Teaching Unificationism in Poland, in: Unification News 1/1990, S. 6, Übersetzung Thomas Gandow.
(2) Han, Sang Kil: "Col. Han betet", in: Mun, San Myung: Proklamation of the Messias -I-, New York 1993, S. 64.
(3) Mun, San Myung: Proklamation of the Messias -I-, New York, S. 57.
(4) Prof. Feodorov in einem Beitrag VON Doris Liebermann für den Kirchenfunk der offiziellen Berliner Radiostation "Sender Freies Berlin", vom 4. Oktober 1994.
Aus: -"BERLINER DIALOG 1 - Ostern 1995-
Mun-Bewegung Weiter Einreiseverbot für Mun in Deutschland Das Bundesministerium des Inneren teilt mit Datum vom 4. Mai 1994 mit: Ihre Information trifft zu, daß für Herrn San Myung Mun ein Einreiseverbot in die Bundesrepublik besteht. Bitte haben Sie Verständnis dafür, daß ich Ihnen nähere Einzelheiten dazu aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht mitteilen kann". (Q: Schreiben des BMI vom 4.5.1994; liegt der Redaktion vor.) Aus: - BERLINER DIALOG 1- Ostern 1995-
Sekteninvasion, Religionsfreiheit und die Aufgaben von Kirchen von Thomas Gandow
Das, was die Presse "drohende Sekteninvasion" genannt hat, hat in den letzten fünf Jahren überall im Osten stattgefunden. Auf Grund der Warnungen und Aktivitäten einiger kirchlicher Beauftragter da und dort nicht gleich mit dem ganz großen Erfolg....
Aber immerhin: Während sich "im Westen" mit Unterstützung von Politikern Bürgerinitiativen gründeten z.B. gegen die Ansiedlung von Scientology in Wohngegenden oder auf dem flachen Lande, während die Bundesregierung die kritische Informationsarbeit unterstützte und vor einigen Gruppen wie z.B. der TM-Bewegung (laut Bundesverwaltungsgericht mit Recht und Pflicht) warnte, gab es "im Osten" Deutschlands zunächst staatliche Förderung aus "Aufschwung Ost"-Mitteln oder aus ABM-Mitteln und sogar offizielle Sendungen im damals noch existierenden (Ost-)Deutschen Fernseh-funk (DFF).
Nun wird es auch offenkundig: Es geht den "Jugendreligionen", Psycho-Kulten" und ähnlichen Extremgruppen in Osteuropa nicht um das schnelle Geld, sondern um den langfristigen Landgewinn; nicht um die Gewinnung von Massen neuer Mitglieder, sondern um die Rekrutierung einsatzfähiger Kader; nicht um arbeitslose Jugendliche, sondern um gezielte Einflußmöglichkeit.
Was ist die Anwerbung eines Schulmädchens gegen die Verführung eines Fernsehredakteurs? Und was ist die Rekrutierung eines einzelnen Arbeitslosen durch einen Psychokult gegen die Subventionierung einer Scientologen-Aktivität durch das Arbeitsamt, mit Millionenbeträgen ?
Es ist nun einmal so: Innerhalb der in den "Neuen Bundesländern" und in Osteuropa offen florierenden multireligiösen Szene ebenso wie in der "Lebensberatungsszene" betätigen sich unseriöse Gruppen, die ihre Hintergründe und Praktiken gern im Dunkeln lassen wollen. Religionsfreiheit und die Meinungsfreiheit überhaupt sind erneut in Gefahr, wenn Gruppen mit totalitären Ansprüchen unwidersprochen vertreten können, was sie für Ethik halten und als allgemeine Regeln durchsetzen wollen. Wenn z.B. Scientology als Ethik definiert:
"1. Gegenabsichten entfernen, ist das erreicht, 2. Fremdabsichten entfernen."
Wer solche Gruppen auch nur indirekt fördert, unterstützt letztendlich sehr direkt deren Ziele. Sie steuern totalitäre Geschellschaftskonzepte an, in denen die Herrschaft einer erleuchteten Elite oder einer neuen Rasse von Übermenschen gelten soll und in der das Unrecht bemäntelt wird mit den hohen Zielen und dem bekannten "Aber wir lieben Euch doch alle". Politische Umsetzungen solcher Ideologien, in denen die hohen Ideale alle Mittel rechtfertigen, aber auch Massen(selbst)mordaktionen zeigen, wohin die Ausblendung und Unterdrückung von Kritik, der Verzicht auf freies Denken und die Gleichgültigkeit der Außenwelt gegenüber sich absolut setzenden Gruppen führen können.
Der religiöse Pluralismus nach jahrelanger Einparteiendiktatur erfordert Information und Aufklärung. Hier liegt die Verantwortung von Schulen und Bildungseinrichtungen: Information zu ermöglichen und bereitzustellen.
Verantwortung haben aber auch die seriösen Religionsgemeinschaften, mit offenem Visier und in gemeinsamer Verantwortung für die gemeinsame Gesellschaft, die jetzt gewonnene Religionsfreiheit inhaltlich auszufüllen und gegen ihren Mißbrauch zu verteidigen.
Angesichts der jetzt nicht mehr übersehbaren Informations- und Hilflosigkeit staatlicher Stellen in den "Neuen Bundesländern" Deutschlands und in den Ländern Osteuropas dürfen sich gerade die Kirchen nicht aus ihrer Verantwortung für die religiöse Bildung und Information zurückziehen. Es ist ja nur ein schwacher Trost, daß kirchlich gebundene junge Menschen z.Zt. von den Werbern der Jugendreligionen nicht erreicht werden (im Gegensatz zu jungen Leuten, die jetzt erst einmal mit ihren Orientierungsfragen neu anfangen, weil ihre bisherigen Organisationen und Strukturen zusammengebrochen sind).
Auch und gerade weil die Kirchen zur Zeit zum Teil noch nicht "selbst" betroffen sind, können und müssen sie in besonderer Weise öffentlich helfen, raten und informieren. Die Kirchen schulden unserer Gesellschaft auf Grund ihres Auftrages (Matthäus 5,15) eine "apologetische Diakonie" (F.W. Haack). Zum Beispiel: Hilfe in den Auseinandersetzungen mit Gruppen, die Religion zur Durchsetzung von Macht-Ideologien mißbrauchen.
Von den Kirchen in der multireligiösen Gegenwart ist aber auch Grundsätzliches verlangt: Die Stimme der Kirche muß auf dem Großmarkt der Wahrheiten, auf dem modernen Areopag, auf dem Gebiet der religiösen Fragen wieder deutlicher zu hören sein. Sie hat das Evangelium, die Botschaft der Befreiung von irdischen und religiösen Irrwegen und Zwängen zu bringen. Nur dadurch wird langfristig auch all das, was sie (als Kirche doch auf Grund ihrer religiösen Botschaft) sonst alles zu Fragen der Welt zu sagen hat, nicht bedeutungslos erscheinen, sondern begründet bleiben. Aus: -BERLINER DIALOG 1-Ostern 1995-