Apologetik - Schädliche Affirmation oder notwendige Diakonie?

von Thomas Gandow

  1. Apologetik - Schädliche Affirmation oder notwendige Diakonie?
  2. Apologetik - Störenfried oder Konsensbeschafferin der Gesellschaft?
  3. Beschränktheit - eine idealerweise verzichtbare kirchliche Eigenschaft
  4. Apologetik zwischen Elfenbeinturm und Areopag

Apologetik - Schädliche Affirmation oder notwendige Diakonie?

Detlev Bendrath, dem Vorsitzenden des Arbeitskreises "Religiöse Gemeinschaften" der VELKD, zum 60. Geburtstag gewidmet.

Evangelium, öffentliches Zeugnis und Apologetik - ihr untrennbarer Zusammenhang findet sich z.B. in der Verteidigung von Petrus und Johannes in Apostelgeschichte 4, 20 ff.: "Wir können's ja nicht lassen...". Apologetik wird u.a. deshalb nötig, weil unsere Art von Religion eben keine Privatsache ist, sondern auf Verkündigung drängt. Apologetik ist dann notwendig selbst ein Teil der kirchlichen Öffentlichkeitswirksamkeit.

Nicht immer wird die Kirche, werden kirchliche Mitarbeiter verhört. Manch einer wird vielleicht nicht einmal gefragt. Auch sogar zu Fragen von Sekten und Weltanschauungen nicht, auch wenn er sich eigentlich für zuständig hält. Aber manchmal wird einer auch regelrecht gerufen und beansprucht und einbestellt. Von der "Öffentlichkeit", von einzelnen und sogar von "gesellschaftlichen" Institutionen. Ob nun gefragt wird oder nicht, die Kirche schuldet der Öffentlichkeit auf Grund ihres Auftrages eine 'apologetische Diakonie' (F.W. Haack). Und gefragt wird die Kirche wohl eher dann, wenn einer Farbe bekannt hat.

Die Kirche kann mit solcher offensiven Apologetik der Öffentlichkeit, der Gesellschaft und den einzelnen Mitmenschen eine unschätzbare "Hilfe zum Durchstehen des normalen Geschehens" (F.W.Haack)1) leisten, das sonst von anderen religiösen und weltanschaulichen Standpunkten infrage gestellt, angegriffen und im Sinne fremder, (oft "manichäischer", "gnostischer" oder sonstwie dualistischer) Heilsbotschaften reinterpretiert und ausgebeutet werden kann.

Die Kirche ist zu dieser Hilfe auf Grund des Schatzes ihrer ideologiekritischen Traditionen kompetent. Aus solcher Hilfe folgt gerade nicht die Absegnung von Zwangsläufigkeiten, sondern Unterscheidung. Dennoch wird manchmal den Kirchen oder manchen (vielleicht besonders von der Öffentlichkeit befragten) kirchlichen Apologeten gerade dies Wirken in der Öffentlichkeit und in die Gesellschaft und Kultur hinein, z.B. im Zusammenhang mit Auseinandersetzungen um die Macht- und Durchsetzungsansprüche von Jugendreligionen und ähnlichen Gruppen als "Einmischung in öffentliche Angelegenheiten" oder als zu "uneigentlich" oder zu "weltlich" angekreidet. Vielleicht auch als machtversessenes Luthertum, oder als machtvergessener, sich "selbstsäkularisierender" Kulturprotestantismus.

Apologetik - Störenfried oder Konsensbeschafferin der Gesellschaft?

Groteskerweise gibt es gelegentlich auch innerkirchlich solche Vorwürfe. Da wird dann unter der Überschrift "Apologetik und Kultur" apodiktisch formuliert und kursiv hervorgehoben: "Apologetik ist nicht der verlängerte Arm einer um Konsens besorgten Gesellschaft"2) Hatte etwa jemand behauptet, kirchliche Apologetik sei der verlängerte Arm der Gesellschaft? Oder ist damit etwa gemeint, die auf gesellschaftliche Fragen und Probleme antwortende, sich in gesellschaftliche Probleme helfend einmischende Apologetik fungiere in Wirklichkeit als Konsensbeschafferin in unserer Gesellschaft?

Eher trifft ja wohl das Gegenteil zu: Kontroversen, Prozesse und Anfechtungen umgeben die apologetische Diakonie derer, die ein hilfreiches, offenes Wort wagen. Von einer solchen Apologetik wird ja der "Ausschließlichkeitsanspruch der modernen technischen Zivilisation und ihrer Zweckrationalität"3) einschließlich der Ansprüche der schon üblichen dreisten Power- und Durchsetzungsgruppen nicht hingenommen und verteidigt, sondern kritisiert und aufgebrochen. (Man denke z.B. an das, was F.W. Haack im Zusammenhang von 'Sinnverlust, Zukunftsverlust, Geborgenheitsverlust' als dußere Ursachen des Erfolgs der Jugendreligionen unter den "normalen" Bedingungen der modernen technischen Zivilisation kritisch beschrieben hatte).

Wer befürchtet, ausgerechnet durch den Dienst einer kultur- und gesellschaftsbezogenen "apologetischen Diakonie", also durch Einmischung und Apologetik als "Hilfe zum Durchstehen des normalen Geschehens" einen angeblichen "Prozeß kirchlicher Selbstsäkularisierung" zu "beschleunigen"4) , muß sich nach seinem Kirchenbild fragen lassen: Soll denn eine Kirche oder Gemeinschaft der beati possidentes und Besserwisser sich im Dienst lieber nicht die Jacke schmutzig machen oder den eigenen Mund verbrennen wollen und unter sich bleiben?5) Dann ginge es um eine Kirche und Apologetik, die nicht nur saft- und kraftlos (Matthäus 5,13) sondern, um das wenigste zu sagen, die auch belanglos und fleischlos wäre.

Wenn stets "kritische Distanz zur je eigenen Kultur gewahrt bleibt"6) und gewahrt bleiben muß und "kritische Solidarität" "mit der eigenen Kultur und Lebenswelt" nur unter der Voraussetzung dieser "kritischen Distanz" "sinnvoll"7) sein kann, dann ist man nicht angreifbar. Aber auch überhaupt nicht mehr greifbar. Eine solche Apologetik hätte den Vorteil, keinen Widerspruch zu erregen. Sie hätte auch die Verbindung mit dem handfesten Kern christlicher Theologie aufgegeben. Bei der Menschwerdung Gottes hinein in diese Welt geht es ja ebenfalls um Einmischung. Statt von "kritischer Distanz" muß daher gottlob von Inkarnation gepredigt werden und statt von "kritischer Solidarität" von Passion.

Beschränktheit - eine idealerweise verzichtbare kirchliche Eigenschaft

Die Apostelgeschichte zeigt auf, welche Konsequenzen dies hat. Es ist ja nicht nur ärgernisverursachend. Sondern es werden auch Verklemmungen und Borniertheiten aufgesprengt. Kulturelle Beschränktheit kann für kirchliche Aktivität deshalb nicht als Modell gelten. "Gott hat mir gezeigt, daß ich keinen Menschen meiden oder unrein nennen soll" erkennt schon Petrus in der Apostelgeschichte 10, 28 f.: "Darum habe ich mich nicht geweigert zu kommen, als ich geholt wurde. So frage ich euch nun, warum ihr mich habt holen lassen."PAGE 16

Auch für kirchliche Apologetik kann es keine Berührungsangst mehr geben; kulturelle Schranken gelten nicht mehr, nicht einmal zur "je eigenen Kultur", selbst wenn sie noch so fremd, modern, "postchristlich", weltlich oder gar demokratisch erscheinen mag.

Der Liebesdienst kirchlicher Verkündigung und Apologetik für die Welt besteht ja gerade darin, in aller Welt und vor aller Welt (auch im Rahmen der je eigenen Gesellschaft und Kultur) die gegebene Möglichkeit der Freiheit und Hoffnung zu bezeugen.

Apologetik (1. Petrus 3,15), auf direkte und indirekte Fragen antwortender Glaube, ist Ermutigung auch für die "anderen", ist für alle echte "Hilfe zum Durchstehen". Solche Apologetik ist niemals Selbstpflege oder Selbstverteidigung des eigenen Vereins.

Apologetik zwischen Elfenbeinturm und Areopag

Wer den gesellschaftsdiakonischen Dienst der christlichen Apologetik in diese Welt und Kultur hinein und für diese Welt und Kultur als das abzulehnende Wirken eines "verlängerten Arms der um Konsens besorgten Gesellschaft"8) mißverstehen wollte, zeigte damit auch an, daß er die heute der Kirche gestellten Herausforderungen in ihrem grundsätzlich anderen Charakter noch nicht erkannt hätte und auch die heutigen kulturellen Kräfteverhältnisse falsch einschätzte.9) Was für eine rührend absurde Vorstellung, diese Gesellschaft müßte und wollte sich derzeit ausgerechnet kirchlicher Apologetik zur Konsensbildung bedienen! (Oder als gebe es auch nur Tendenzen in dieser Richtung.)

Im Gegenteil stellt sich heraus: Immer öfter wird das, was die Kirche (und was christliche Apologetik) zu sagen hat, nicht gefragt, nicht erwünscht sein. Es wird als unerwünschte Kritik und Nörgelei abgewertet, liegt zwar nicht zum "normalen Geschehen" und Leben der Menschen, möglicherweise aber zur "Zweckrationalität" quer. Wer hier zum Rückzug aus der Konfrontation bläst (vielleicht in einen apologetischen Elfenbeinturm) und sich Welt und Gesellschaft in kritischer Distanz halten will, der überläßt die "eigene Kultur und Lebenswelt" und damit die Menschen im eigenen Verantwortungsbereich den Mächten des Vorfindlichen. 10)

Ob gefragt oder nicht: Die Stimme der Kirche muß auf dem modernen Areopag, auf religiösem Gebiet, auf dem Großmarkt der Wahrheiten und Orientierungen mitten in unserer Gesellschaft wieder deutlicher und entschiedener zu hören sein. Mit dem Evangelium, d.h. der Botschaft der Befreiung von irdischen und religiösen Irrwegen und Zwängen. Dann wird auch all das, was sie (als Kirche doch auf Grund ihrer religiösen Botschaft) zu Fragen der Welt und der Gesellschaft zu sagen hat, nicht weit hergeholt oder distanziert und unbeteiligt erscheinen, sondern wird sich als hilfreich, bedeutungsvoll und befreiend erweisen.

Weil gilt, daß alle Versuche, den totalitären, okkultistischen und menschenverachtenden Bewegungen und Ideologien zu begegnen, fehlschlagen müssen, wenn unsere Gesellschaft, unsere Parteien und Verbände, die Schulen und anderen Institutionen usf. nicht selbst glaubwürdig anders sind, nämlich frei und tolerant, offen und durchschaubar, menschenfreundlich und ermutigend 11), gerade deshalb hat die Kirche unabhängig von den Anforderungen und Zuständen der Gesellschaft, die vielleicht nie so sind, wie man sie sich malen möchte, zu warnen, zu informieren, zu mahnen und ihre menschenfreundliche, befreiende Botschaft auszurichten.

1 Zitiert nach Reinhard Hummel: Apologetische Modelle, in: Begegnung und Auseinandersetzung. Apologetik in der Arbeit der EZW, Impulse Nr. 39, IX/1994, S. 12, dort leider ohne Nachweis

2 R. Hummel in seinem Aufsatz "Apologetische Modelle", a.a.O. S. 12, Hervorhebung durch Kursivdruck im Original. R. Hummel (a.a.O. S. 6 ff) unterscheidet und lokalisiert im Übrigen drei idealtypische "Apologetische Modelle in der Gegenwart": - die dialogische Apologetik, die "als Ideal der EZW-Arbeit gelten" könne, die "traditionsorientierte Abgrenzungsapologetik", vor allem im lutherischen Bereich, speziell in der konfessionell geprägten Tätigkeit des VELKD-Arbeitskreises Religiöse Gemeinschaften, für dessen stetige und klare Linie, die bekanntlich, unabhängig davon, ob er die Klassifizierung als zutreffend empfindet, der hier zu ehrende D. Bendrath seit Jahren die Verantwortung trägt, und last but not least, die "apokalyptische Apologetik", die R. Hummel z.B. bei der Bekenntnisbewegung "Kein anderes Evangelium" ortet.

Die Nebenbemerkung sei erlaubt: "apokalyptisch" heißt nun aber auch nichts anderes als "aufdekkend"; so kommt die Realität zum Vorschein. Daß das "normale Geschehen" realiter nicht immer den von den Beteiligten gewünschten Verlauf nimmt, zeigt sich z.B. am desaströsen Geschehen um die EZW. Rechtzeitiges Aufdecken und rechtzeitiger Realismus hätte hier Möglichkeiten für "Hilfe zum Durchstehen des normalen Geschehens" eröffnet.

3 ebenda

4 so R. Hummel in Aufnahme des Stichworts "Selbstsäkularisierung" von H. Obst, a.a.O. S. 13.

5 Solche Forderungen werden von außen immer wieder erhoben. Meist auf erheblichen Druck von interessierter Seite werden solche Forderungen dann auch innerkirchlich weitergegeben, manchmal als "guter Rat" zum Einlenken. Ergebnis solchen Drucks auf "Unterlassung" apologeticher Stellungnahmen kann nach den dußeren Umständen ein "Scherbenhaufen" sein. Inhaltlich aber beweist solch Druck, wer auch immer ihn ausübte oder weitergab, daß der Finger auf einer Wunde lag.

6 R. Hummel a.a.O. S. 12; buchstäblich ist "Distanz" gedruckt, vermutlich eine Verschreibung von Diatanz. Hervorhebung durch Kursivdruck im Original.

7 So R. Hummel, alles a.a.O. S. 12.

8 R. Hummel, a.a.O. S. 12

9 Solche Fehleinschätzung kann so weit gehen, daß konstatiert werden kann: "Allgemein-christliche Kriterien (sc. als Kriterien für apologetisches Handeln - Th.G.) treten aber in dem Maß in den Hintergrund, wie die Kirche nur noch als Spiegelbild allgemein-gesellschaftlicher Konflikte und Ausdifferenzierungsprozesse wahrgenommen wird" (R. Hummel, a.a.O. S. 13) - als würden nicht die Konflikte um die gesellschaftliche Rolle der Kirche in Deutschland (etwa von 1989-1994) aufweisen, daß die Kirche gerade nicht als Spiegelbild allgemein-gesellschaftlicher Konflikte und Ausdifferenzierungsprozesse, sondern vielmehr als sperriges Gegenüber wahrgenommen wird.

10 Ist es wohl möglich schon "apokalyptische Apolegetik" oder entspricht es nicht vielleicht eher ganz einfach realistischer christlicher Lebenserfahrung, auch angesichts des Scheiterns apologetischer Modelle (2. Timotheus 4,3-4) und Institutionen an die exakt mit diesem Scheitern begründeten Ermahnungen in den VV. 2 und 5 zur Nüchternheit, Willigkeit, Tätigkeit, Redlichkeit und Beständigkeit im aufgetragenen Dienst zu erinnern?

11 Diese Anforderungen gelten natürlich erst recht für die Kirche und kirchliche Gremien und Entscheidungsprozesse. Ein Beispiel aus der Zeit um die Jahreswende 1994/95 ist der "Scherbenhaufen" (R. Slenzka) um die Arbeit der EZW. Sollte es nicht gelingen, wenigstens einen Teil der Brüche im Umfeld der EZW noch zu kitten, müßte durch das Zerbrechen der EZW eine innere Schwächung kirchlicher Apologetik konstatiert werden - neben einer unerhörten Glaubwürdigkeitskrise der befaßten Gremien und Personen. Und dies angesichts der zunehmenden Anforderungen von allen Seiten! Man fragt sich, wer an dem bisher entstandenen Schlamassel um die EZW, an der faktischen Zerschlagung einer bisher funktionierenden und für die Gesamtkirche und die einzelnen Landeskirchen arbeitenden Institution eigentlich ein Interesse haben kann? Dies umso mehr, als die EZW in den letzten Jahren vielfach der Sack war, der von Psychosekten und Extremgruppen geprügelt wurde, wenn die EKD und die Evangelische Kirche im Ganzen gemeint war? Die bisherigen, unterschiedlich begründeten Geschehnisse um die EZW dürfen nun nicht weiter einfach hingenommen werden. "Videant consules!"