Die Quadratur des Adventskranzes

oder: "Atheismus unterm Weihnachtsbaum"

von Thomas Gandow

Auch Atheisten mögen Bratäpfel

Auch Atheisten und Religionskritiker mögen Bratäpfel, Marzipankartoffeln, Gänsebraten und Weihnachtsbäume, auch sie wollen Weihnachten feiern. Um das Fest für sich und ihre anscheinend doch vorhandenen religiösen Bedürfnisse in Anspruch nehmen zu können, sind allerdings Selbsttäuschungen und nicht ungefährliche Verfälschungen erforderlich. Der "nachchristlich-humanistische Sinn" des Christfestes wird in der angeblich "vorchristlichen Geschichte" des Festes, mit anderen Worten: wieder einmal in Sonnenwendfeiern und in sonstigem Brauchtum der "germanischen Vorfahren" gefunden.

Ich erinnere mich noch, daß in meiner Schule in der Hauptstadt der DDR zur Melodie eines bekannten christlichen Weihnachtsliedes ein ganz anderer Text gesungen wurde: "Uralt", nämlich schon aus dem "1000-jährigen Reich" stammend und doch auch in der atheistischen Schule unverändert verwendbar:

"Es ist für uns eine Zeit angekommen, die bringt uns eine große Freud... Vom hohen Himmel ein leuchtendes Schweigen erfüllt die Herzen mit Seligkeit."

Umdichtungen sind nicht immer wahr. In Wirklichkeit bringt die Weihnachtszeit für Atheisten und Spötter anscheinend keineswegs "große Freud" und "Erfüllung mit Seligkeit", das "leuchtende Schweigen" birgt bohrende Fragen und tiefe Verunsicherung. Das kann den Versuch zeitigen, das nun einmal "unverwüstliche" christliche Weihnachtsfest, das, wie selbst der Neid gestehen muß, "alle Abschaffungsparolen souverän überstanden hat und überstehen wird", geschickt umzuinterpretieren, um es in die eigenen Hände zu bekommen.

So wurde schon 1924 von links (!) her dem Christentum mangelnde Anpassung an den nationalistischen Zeitgeist vorgeworfen, was neben anderem dazu berechtige, das Weihnachtsfest proletarisch umzuinterpretieren:

"Weihnachten - unser innigstes Volksfest: Weihnachten. Junge Religionen eignen sich gern jene alten Volks- und Naturbräuche an, und umgeben sie mit ihrem religiösen und rituellen Gewande. So ist aus den heidnischen Wintersonnenwendbräuchen das Fest des Christentums geworden. Im Grunde blieb das Gleiche: erst verehrten die Menschen die Sonne, die Wärme, die sie bringen würde, den Frühling, den jungen Tag - dann beugten sie ihr Knie vor der Mutter und ihrem Kinde, die im Heiligenschein (ein altes Sonnensymbol) erstrahlen. Heute, wo in weiten Kreisen des Volkes das Christentum nicht mehr lebendig ist, es nicht verstanden hat, einem nationalistischen Zeitalter sich anzupassen, ist Weihnachten immer noch Volksfest. In der ärmsten Hütte wird es gefeiert. ... Es wird das Fest sein des Glaubens an eine sozialistische Entwicklung der Gesellschaft, das Fest der Kinder, die die neue Religion unserer Zeit sind." 1)

Inhaltlich kaum Anderes und auch nicht Originelleres lieferte der jüngste Versuch der freidenkerischen Indienstnahme des Weihnachtsfestes 2).

Der "Atheist und Kirchenkritiker" Dr. Dr. Joachim Kahl 3) möchte nämlich gern das christliche Weihnachtsfest "ohne weltanschauliche Bedenken" weiter feiern: Nicht mehr als Christfest, sondern als heiteres Fest der "Mittwinterzeit", weil es eine lange "heidnisch-vorchristliche Entwicklungsstufe" habe; denn schon "unsere germanischen Vorfahren feierten in den Tagen vor und nach der Wintersonnenwende das Julfest". In Wirklichkeit hat das Christfest 4) seine Vorgeschichte nicht in Deutschland (oder Germanien). Selbst das "Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens", 1938 (!) ist der Band mit Weihnachten erschienen, stellt einleitend klar: "Das kirchliche Fest der Geburt Christi ist wesentlich als fertiges Fest zu den Germanen gebracht worden." 5)

Was schert den heutigen Brauchtumssucher aber solche Feststellung? Einen Bogen ums Christentum möchte man bei der eigenen Selbstvergewisserung machen, darum werden Anknüpfungen zum "vorchristlichen" gesucht und konstruiert 6).

Daß es tatsächlich schon einmal starke Bestrebungen gab, alles, was an christlichem Brauchtum "unverwüstlich" erschien, aus Germanischem abzuleiten, "als während der Zeit des Dritten Reiches alles Germanische hoch im Kurs stand, ist leicht zu verstehen. Weniger begreiflich ist es, daß mit verbissener Hartnäckigkeit vor allem die populärwissenschaftliche Literatur an dieser Sicht der Dinge festhält, obwohl sich eine Reihe von Fachvertretern mittlerweile um deren Revision bemüht hat. Fast willkürlich kann man neueste Werke zur Brauch-Thematik herausgreifen und wird auf das 'Germanen-Syndrom' stoßen" 7) beklagt heute die wissenschaftliche Volkskunde.

Ein altes deutsches Wort

Der Name des Festes "Weihnachten" sei ein "altes deutsches Wort", das die "Geweihten Nächte" um die Wintersonnenwende herum bezeichne. Kahl: "Diese Nächte um den 21. Dezember erschienen unseren germanischen Vorfahren geweiht, weil in dieser dunkelsten Zeit des Jahres der lebensspendende, lebenssichernde Umschlag erfolgt: eben die Wintersonnenwende, mit der der Sieg der Wärme über die Kälte sich anbahnt."

Oft schon wurde behauptet, "Weihnachten" sei ein Plural und beziehe sich auf "geweihte Nächte" zwischen Wintersonnenwende und Jahreswechsel. "ze den wihen nahten" laute dies geheimnisvolle heidnische Wort ursprünglich. Aber daß eine falsche Behauptung immer wieder wiederholt wird, macht sie noch lange nicht wahr. Bisher konnte das Wort nirgends in "heidnischem" Gebrauch belegt werden. 813 war das Christfest von der Mainzer Synode zum verbindlichen Feiertag auch in Deutschland erklärt worden, nachdem es bereits 381 durch Konzilsbeschluß als allgemeines kirchliches Fest dogmatisiert worden war. Der erste Beleg des deutschen Wortes "Weihnachten" für das Christfest findet sich aber erst im Mittelhochdeutschen, in der Einzahl bei dem bayrischen Spruchdichter Spervogel, in einem Gedicht von 1190, also ca. 1000 Jahre nachdem Christen in Mainz und Trier, in Augsburg und anderswo lebten und begannen, ihre Feste zu feiern.

In dem Gedicht Spervogels heißt es:

"Er ist gewaltic unde starc,
der ze when naht geborn wart:
daz ist der heilige krist.
j lobt ihn allez, das er ist.
niewan der tievel eine
durh snen grzen übermout
s wart _me diu helle ze teile."
(nur der Teufel nicht, durch seinen großen
Übermut wurde ihm die Hölle zu teil).

Wie angesichts eines so eindeutig christlichen (und späten) Erstbelegs eine heidnische Herkunft des Wortes "Weihnachten" behauptet werden kann, ist rätselhaft. Es gibt nun einmal keinen Beleg für eine frühere Verwendung des Wortes in nichtchristlichem Zusammenhang. Es ist auch nicht von Nächten, sondern von einer, der "Weihenacht" die Rede. Möglicherweise handelt es sich um den Versuch, das lateinische nox sancta = geweihte Nacht wiederzugeben 8).

Julfest - Mittwinter Weihnachten

Kahl behauptet: "Unsere germanischen Vorfahren feierten in den Tagen vor und nach der Wintersonnenwende das Julfest mit Julschmaus und Julbier. In der dunkelsten Zeit des Jahres feierten sie die bevorstehende Rückkehr des Sonnenlichtes, das Nahen war ein Fest des Lichtes, der Freude, der Hoffnung, der Fruchtbarkeit.

Es war ein Fest der Einheit von Sonne und Erde, der Einheit von Mensch und Natur, ein Fest der Versöhnung der Menschen untereinander. Den wilden Tieren in Feld und Wald wurde Futter hingestreut. Streitereien und Kämpfe wurden ausgesetzt - eine Verhaltensweise, die Julfrieden genannt wurde."

Der gehobene, feierliche Stil der Ausführungen kann nicht über ihre Substanzlosigkeit hinwegtäuschen: Die Hypothese, ein germanisches Fest, das Julfest, sei christlich ausgefüllt und umfunktioniert worden, war von Germanentümlern und zuletzt von übereifrigen NS-Volkskundlern immer wieder zu hören. Jedoch: Das Julfest, das skandinavische Mittwinterfest wird erst im Jahre 940 (also im Mittelalter!) von Hakon dem Guten von Mitte/ Ende Januar auf den Tag des Christfestes am 25. 12. verlegt. Der christliche Herrscher verlegte damit den Mittwinterschmaus, zu dem er seine Lehensleute wohl einzuladen hatte, vom alten Julfest- und Mittwinter-Termin nämlich Mitte/ Ende Januar auf den 25. Dezember vor, nicht umgekehrt.

Schon terminlich setzt sich also - auch in Skandinavien - gerade das neue, inhaltlich starke Fest gegen ein altes Fest durch. Es ist nicht das Mittwinterfest, sondern ersetzt es 9).

Friede auf Erden

Kahl will allerdings nicht nur angebliche Festinhalte unserer "germanischen Vorfahren" in sein Weihnachtsfeiern als "nachchristlicher, ja nachreligiöser Atheist" hineinnehmen, sondern verständlicherweise auch die christliche Weihnachtsbotschaft "Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen" beerben, freilich will er die "humanistischen Elemente des Festes aus ihrem religiös-mythologischen Zusammenhang" befreien. Darum will er nicht länger die "Menschwerdung Gottes, sondern die Menschwerdung des Menschen, für den der Friede die entscheidende gesellschaftliche Bedingung ist", feiern, und damit einen Frieden, der nicht von oben kommt, der nicht geschenkt wird, sondern "nur als Resultat einer gewaltigen Anstrengung von Millionen von Menschen errungen werden" kann.

Was im Baume alles mitschwingt

So liegt es für Kahl dann auch nahe, daß der "sinnliche Mittelpunkt eines so verstandenen Weihnachtsfestes" statt der Krippe der Lichterbaum ist, "die harmonische Vereinigung von lebendigem Grün und Licht, die Verbindung des Grüns der Vegetation mit dem hellen Glanz des Sonnenlichts.

Der Baum ragt zum Himmel, nach oben, zum Licht, zur Sonne. Seine Wurzeln sind im Erdreich, in der Tiefe, im Finstern verankert. Beides gehört wesentlich zum Baum dazu. Das sinnlich Wahrnehmbare des Baumes ist nur ein Teil, die Wurzeln müssen verborgen sein, soll der Baum nicht verdorren. Diese ökologischen Zusammenhänge schwingen in der erhaltenswerten Sitte des Weihnachtsbaumes mit."

(Bleiben nicht die Wurzeln des abgesägten Weihnachtsbaumes normalerweise im Erdreich des Waldes verankert? Wo bleiben da die mitschwingenden ökologische Zusammenhänge? Oder benutzen "Humanisten" stets Christbäume mit Wurzelballen im Blumentopf?)

Natürlich hieß es vom Weihnachtsbaum schon oft, er sei uralt und germanisch. Auch dafür gibt es keine Anhaltspunkte 10). Jedenfalls gibt es in der biblischen, der jüdisch-christlichen Tradition eine alte Baumsymbolik, die mit dem Paradiesbaum zu tun hat. Vermutlich war wohl auch den "alten Germanen" der Baum als solcher lieb und wert. Jedoch wird der Christbaum von der Brauchtumsforschung heute vor allem auf die Paradies- und Christgeburtsspiele, in denen

"nach reformatorischer Praxis ein Bäumchen getragen wurde, das den typologischen Bezug zum Kreuzesstamm und Baum der Erkenntnis versinnbildlichte. (...) Von daher versteht sich der Christbaumschmuck als säkularisiertes Requisit der nachreformatorischen Weihnachtsspiele." 11)

Unverwüstlich?

Kahl endet damit, zu konstatieren, Weihnachten sei ein "unverwüstliches Fest", denn "es entspringt einem gesellschaftlichen Bedürfnis von Menschen aller Altersstufen. Es entspringt dem Bedürfnis, sich in der dunkelsten und kältesten Zeit des Jahres mit einer Fülle von Symbolen und Utensilien das Licht und die Wärme zu vergegenwärtigen, die die Menschen zum Leben brauchen, um zugleich ihrem Leben eine geistige Orientierung über den Tag hinaus zu verleihen."

Gerade gegen solche Verflüchtigung ins Ideale und Unhistorische, und damit ins Unverbindliche, gegen die Bestreitung der "Inkarnation" (= "Einfleischung") setzte sich in der Kirche recht früh die starke Betonung der Leibhaftigkeit und Menschlichkeit Jesu durch - und damit auch das Fest, das seine Geburt feiert.

Daß er durch den umgekehrten Vorgang, nämlich durch Entgeschichtlichung und Mythologisierung eines geschichtlichen Festes, durch seine Einbettung in angebliche Uralt-Geschichte und in das vermeintliche "gesellschaftliche Bedürfnis von Menschen aller Altersstufen" nun gerade "die humanistischen Elemente des Festes aus ihrem religiös-mythologischen Zusammenhang" befreie(!), gehört zum Elend der Kahl'schen Sonderform von Atheismus.

Vestigia terrent

Durch Sonnenwendfeiern - ob nun im Sommer oder im Winter - vermag man dem menschlichen Leben "geistige Orientierung über den Tag hinaus zu verleihen"; das kann mit Blick auf die deutsche Geschichte leider nicht völlig bezweifelt werden. Was aber ist der Inhalt solcher "geistigen Orientierung über den Tag hinaus"? Die Anbetung des verzehrenden Feuers als Symbol für das 'Stirb und Werde'? Die wohl eher mythische 'Vergangenheit unserer germanischen Vorfahren' oder die nicht weniger mythischen 'glänzenden Aussichten einer durch die gewaltige Anstrengung der Millionen geschaffenen Zukunft?'

In einem Bericht über eine Sommersonnenwendfeier in Berlin am 24. Juni 1930 heißt es zum Beispiel:

"Das Sonnenwendfeuer, das das Alte, Verdorrte verbrennt, wird zum Symbol. Auch die überalterten, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Formen werden zerstört. Dem arbeitenden, Werte schaffenden Menschen gehört die neue Zeit. (...) Die Sonnenwendfeier verbrennt das Alte, aber es leuchtet ebenfalls in eine bessere Zukunft." 12)

Foto: Das Hakenkreuz, völkisches Heilssymbol der Sonnenwende, aber auch Zeichen der NSBewegung, krönt den für das Sommer-Sonnenwendfeuer vorbereiteten Scheiterhaufen. Dennoch wurde dies Bild noch 1989 in einem Buch des Freidenkerverbandes (heute: Humanistischer Verband) kommentarlos abgedruckt und unbefangen unterschrieben: "Fest der Berliner Sozialistischen Arbeiterjugend zur Sommer-Sonnenwende um 1930 in den Gosener Bergen". Quelle: Rita Meyhöfer: Feste feiern! Die Fest- und Feierkultur der Arbeiterbewegung in: Manfred Isemeyer; Klaus Sühl (Hrsg.): Feste der Arbeiterbewegung: 100 Jahre Jugendweihe, Berlin 1989, S. 59

Wer dem Fest mit der Krippe und dem Jesuskind seine -historische!- leuchtende Mitte nimmt, um derentwegen es entstanden ist, und um die herum sich seine Bräuche gebildet haben, bei dem wird unter der Hand aus dem internationalen, Grenzen sprengenden, erleuchtenden Christfest die dunkle, mythologisch aufgeladene, angeblich "germanische" Winternacht mit ihrem Mummenschanz und ihren Bränden. - Wenn das Christfest zum Sonnenwendfest gemacht wird, dann kann, wie es auch schon geschehen ist, selbst der Adventskranz, ursprünglich nur gemacht, um an den vier Kerzen die vier Sonntage vor dem Christgeburtsfest abzuzählen, zum tiefsinnigen, jedoch recht hakligen Symbol des Sonnenrades umgedeutet werden.

Man landet also nicht bei Licht, Sonne und Freiheit, sondern im Dumpfen und Dunklen, beim ideologischen Konstrukt einer Religion der Vorfahren - wie die Wurzeln des freidenkerisch neu interpretierten Weihnachtsbaums zwar abgesägt, aber "in der Tiefe, im Finstern verankert". Ob eine solche Sicht mit der "atheistischen Weltanschauung im Einklang steht", einen "neuen, nach-christlich-humanistischen Sinn" hat, mag dahinstehen; jedenfalls harmoniert sie zugleich auch mit dem Wabern und Fühldenken germanomaner Spurensucher, Spökenkieker und Zündler.

Anmerkungen

1) Heinrich Geißler: Proletarische Feste. in: Kulturwille, 1. Jg. (1924), Heft 5, S. 75, zitiert nach Rita Meyhöfer: Feste feiern! Die Fest- und Feierkultur der Arbeiterbewegung in: Manfred Isemeyer; Klaus Sühl (Hrsg.): Feste der Arbeiterbewegung: 100 Jahre Jugendweihe, Berlin 1989, S. 59

2) Joachim Kahl: Atheismus unterm Weihnachtsbaum in: diesseits, Zeitschrift für Humanismus und Aufklärung, Nr. 33, 4/95, S.27; alle Zitate aus diesem Aufsatz werden hier kursiv wiedergegeben.

3) Über ihn heißt es im Zusammenhang des Aufsatzes a.a.O.: "Dr. Dr. Joachim Kahl lebt in Marburg. Er promovierte 1967 zum Doktor der Theologie. Unmittelbar danach trat er aus der Kirche aus und veröffentlichte 1968 den Essay 'Das Elend des Christentums'. In der Neuauflage dieses 'Klassikers der zeitgenössischen Religionskritik' vertieft der Autor im Nachwort aus atheistischer Sicht das Thema Weihnachten."

4) Vgl. zu Einzelheiten und zum Folgenden: Thomas Gandow: Weihnachten. Glaube, Brauch und Entstehung des Christfestes, Münchener Reihe 658, München 1994 (2).

5) Vgl. Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens, S. 865

6) Daß Kahls Gedankengänge und die Suche nach dem angeblich Urtümlichen in der "humanistischen" Freidenkerschaft auf ein dankbares Echo stoßen, zeigt der Leserbrief von Heinz Ackermann, Pfullingen in diesseits, Zeitschrift für Humanismus und Aufklärung, Nr. 35, 2/96, S.29 unter der Überschrift: "'Christliche' Feste? - Zum Artikel 'Atheismus unterm Weihnachtsbaum' von Joachim Kahl (diesseits 33/95)

Weihnachten, Karneval, Ostern, Pfingsten, Erntedankfest, Taufe und Quellenfaste (sic -T. G.) - das alles sind vom Ursprung her keine christlichen Feste.

Gerade liegt Ostern hinter uns: Das Osterfest der Germanen und Kelten war natürlich am Tag der Tag- und Nachtgleiche. Die Sonne steht an diesem Tag genau im Osten. Die Germanen sagten daher zur Ost-Stern-Zeit und das Fest hieß Ostern (Satzbau wie im Original - T.G.). Im Englischen heißt es Eaststar, also Easter. Das Osterei ist im Volk lebendig geblieben, weil es das keimende Leben symbolisiert, der Hase steht für Fruchtbarkeit."

Damit erfüllt sich an den freidenkerischen Adepten Kahls offensichtlich das bissige Diktum Chestertons, wer nicht an Gott glaube, glaube nicht etwa an nichts mehr, sondern an alles.

7) Walter Hartinger: Religion und Brauch. Darmstadt 1992, S. 23

8) Weitere Hinweise vgl. Anm. 4

9) Weitere Hinweise ebenda

10) Weitere Hinweise ebenda

11) J. Küster, Heiligenfeste im Brauch, 1988, S. 136 zit. nach Hartinger S. 208.

12) Sozialdemokratische Partei Deutschlands, Bezirksverband Berlin: Jahresbericht 1930, S. 127 f. zitiert nach Rita Meyhöfer: Feste feiern! Die Fest- und Feierkultur der Arbeiterbewegung in: Manfred Isemeyer; Klaus Sühl (Hrsg.): Feste der Arbeiterbewegung: 100 Jahre Jugendweihe, Berlin 1989, S. 59


Thomas Gandow

Thomas Gandow, 50, Provinzialpfarrer für Sekten und Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche von Berlin Brandenburg, erforscht seit 1978 im Auftrag seiner Kirche die Szene der Neuen Religionen, Sekten und Weltanschauungsbewegungen und ist Spezialist für die Mun-Bewegung mit ihrer "Vereinigungskirche".