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Begründer
Bert Hellinger wurde 1925 geboren und war als katholischer Ordenspriester
u.a. mehrere Jahre in Südafrika tätig. Er verließ Anfang der 70er Jahre den
Orden und "wandte sich der Psychotherapie zu. Über die Gruppendynamik, die
Primärtherapie, die Transaktionsanalyse und verschiedene hypnotherapeutische
Verfahren kam er zu der ihm eigenen System- und Familientherapie."(Anm.1) Einer
an psychotherapeutisch orientierten Verfahren interessierten breiteren
Öffentlichkeit wurde er Anfang der 90er Jahre durch das Buch von Gunthard
Weber "Zweierlei Glück" bekannt, in der er die sogenannte
"sytemische Psychotherapie Bert Hellingers" beschreibt.
Zwischenzeitlich gibt es eine bunte unkontrollierte Szene von
Familienaufstellern, die sich alle auf Hellinger berufen. Etwa 2000
selbsternannte Hellinger-Therapeuten bieten ihre Dienste allein in
Deutschland an, viele davon bar jeglicher psychotherapeutischen Ausbildung.
Dabei reicht die Palette der Qualifikation von Grafikdesignern und
Astrologen hin zu "praktischen Philosophen" und Esoterikern aller Art, aber
auch approbierte Ärzte und Psychologen finden sich unter den
Hellinger-Jüngern.
Methoden und Inhalte
Der Teilnehmer (im Terminus technicus Hellingers "Klient" genannt)
stellt seine "Gegenwarts-" oder "Herkunftsfamilie" auf. Hierzu
bedient er sich der Hilfe anderer familienfremder Gruppenteilnehmer, die
stellvertretend die Position von Familienmitgliedern einnehmen.
Hellinger behauptet nun über einen "phänomenologischen Erkenntnisweg" dem Klienten helfen zu können. Maßgebend ist dabei die Erkenntnis, dass er in ein "größeres Kraftfeld" und eine "Familienseele" eingebunden ist.(Anm.2)
Es gilt die "Ordnung der Liebe" wiederherzustellen. Nach Hellingers therapeutischen Verständnis
Derartige Krankheiten und krankmachende Konstellationen sollen nun über das Familienstellen erkennbar sein und für den Klienten eine Lösung gefunden werden können. Dies ist an sich nichts Neues. Hellingers Methode weicht jedoch von den etablierten Methoden ab, indem bestimmten Mustern Pathogenität zugeschrieben wird. Er selbst greift ein und stellt dann die jeweilige Familie so um, dass eine von ihm als Problemlösung erachtete Konstellation entsteht. Hinzu kommen Vorschläge für die Änderung bestimmter Lebensaspekte oder der lapidare Hinweis, dass er keine Chance habe.(Anm.4)
Eine Anamnese findet nicht statt. Diese erschwere nur die "phänomenologische Wahrnehmung" (Anm.5)
Neben Familienaufstellen für Privatpersonen, hat die Hellinger-Szene nunmehr auch den lukrativen Markt der Personalentwicklung entdeckt. Mittels Organisationsaufstellungen werden Hilfestellungen z.B. bei Stellenbesetzungsfragen, Einführung eines neuen Produktes, der Erschließung neuer Märkte, hoher Mitarbeiterfluktuation oder zum Vorgehen bei Firmengründungen, Fusionen und Nachfolgeregelungen angeboten.
Für seine Anhänger gilt Hellinger als der Begründer der Familienaufstellung. Tatsächlich handelt es sich um ein Plagiat der unter dem Namen "Familienskulptur" bekannten Methode der amerikanischen Familientherapeutin Virginia Satir. Während bei Satir jedoch Lösungsmöglichkeiten von Therapeut und Klient in enger Zusammenarbeit entwickelt werden, basieren Hellingers Empfehlungen an die Hilfesuchenden nicht auf Dialog und einer klaren Diagnostik der Situation des jeweiligen Klienten, sondern auf einer durch nichts fundierten Spontanintuition, die er als "wissendes Feld" deklariert.
Gerade zu an Volksverhetzung grenzen These wie "Eine jüdische Frau kann keinen Deutschen heiraten. Das geht schief"(Anm.11). Auch nutzt Hellinger immer noch den Jargon der Nazis, wenn er von Kindern mit einem jüdischen Elternteil von Halbjuden spricht.
Noch schlimmer ist sein Umgang mit Opfern sexuellen Missbrauchs. Der Mann trage keine Schuld, denn er sei "nur Blitzableiter" und "er ist sozusagen das arme Schwein". Er könne nichts dafür, denn "die Tochter bietet sich an oder die Frau überlässt dem Mann die Tochter oder bietet sie ihm an." Die Mütter seien "in sehr vielen Inzestfällen" nach Hellinger "die graue Eminenz des Inzest". Sie würden sich dem Vater körperlich verweigern und ihm stattdessen die Tochter zuschieben. Der Mann könne dieser Versuchung schwer widerstehen.
Inzest sei nur der Versuch, das Gefälle auszugleichen, das dadurch entstanden sei, dass man etwas vorenthalten oder nicht gewürdigt habe. Damit die von Hellinger propagierte Ordnung wiederhergestellt werden könne, müss sich nun das Opfer vor dem Täter verneigen. Doch damit nicht genug: "Die Lösung für das Kind ist, dass das Kind der Mutter sagt: 'Mama, für dich tue ich es gern', und dem Vater: 'Papa, für die Mama tue ich es gern'." Oder auch: "Papa, ich habe es gern für dich gemacht".(Anm.13) Durch dieses Vorgehen Hellingers wird das Opfer auf der seelischen Ebene dann zum zweiten Mal vergewaltigt. Mit derartigen Thesen hätte er im Übrigen auch gut in die Theoriewelt der "Aktionsanalytischen Organisation" des wegen Sexualdelikten verurteilten Otto Mühl gepasst.
Seine Methode ist eher als "Selbsterfahrungskurs" ohne wissenschaftliche Basis, denn als Therapieverfahren zu beurteilen. Es fehlt "eine elaborierte Krankheitslehre mit differentieller Ätiologie, die Störungen nicht nur mit einem oder zwei Verursachungsmomenten erklärt, wie Hellinger mit mangelnder Ordnungsakzeptanz".(Anm.14)
Gegen eine Verbindung mit Hellingers Methoden wehren sich deshalb auch Vertreter der systemischen Psychotherapie. Sie stellen fest: "Hellingers Methoden haben mit der systemischen Therapie nichts gemeinsam. Wer beide in einem Atemzug nennt, betreibt Etikettenschwindel."(Anm.15)
Anm.: 2) ebd. -Das Familien-Stellen-Eine Einführung von Bert Hellinger "...statt nur auf den Klienten zu schauen, schaut der Therapeut auch auf dessen Familie, und statt nur auf den Klienten und dessen Familie zu schauen, schaut er über beide hinaus auf das Kraftfeld und die Seele, die sie umschließt. Denn dass der Einzelne und seine Familie in eine größeres Kraftfeld und in eine größere Seele eingebunden sind und von ihnen über sich hinaus benutzt und in den Dienst genommen sind, ist offenkundig. Ebenso, dass sich die Einsicht in das Problem und die möglichen Lösungen oft erst aus der Verbindung mit dem jeweils Größeren ergibt. Wenn ich also der Seele des Klienten helfen will, sehe ich sie gesteuert von der Familienseele. Doch wenn ich auch hier nur auf den Klienten und seine Familie schaue, erkenne ich vielleicht die Ordnungen und Gesetze, welche zu Verstrickungen führen. Wo aber die Lösungen liegen, erfasse ich erst, wenn ich einen Zugang finde zu dem Kraftfeld und zu Dimensionen der Seele, welche den Einzelnen und sein Familie übersteigen."
Anm.: 3) Finke, "Psychoszene-Die systemische Familientherapie nach Hellinger" in Materialdienst der EZW 2/98 S. 54 ff.
Anm.: 4) Simon/Retzer "Das Hellinger Phänomen" in: "Psychologie heute" Juni 1995, S. 28 ff.
Anm.: 5) ebda. -Das Familien-Stellen-Eine Einführung von Bert Hellinger "...Die phänomenologische Wahrnehmung gelingt am besten, wenn nur das Notwendigste erfragt wird, und zwar erst unmittelbar vor der Aufstellung. Diese notwendigen Fragen sind:
Anm.: 6) Finke a.a.O.
Anm.: 7) Finke a.a.O. In Leipzig nahm auch eine Ärztin aus Norddeutschland an der Familienaufstellung teil. Bereits nach wenigen Minuten sah sich die Frau mit heftigen Attacken durch Hellinger konfrontiert. Eine Zeugin erinnert sich wie folgt: "Das Paar (gemeint ist die Ärztin mit dem Vater ihrer Kinder) saß neben Hellinger. Und er sagte zu dem Mann: dort sitzt die Liebe. Und so zum Hörerkreis gewandt und so auf sie (die Frau; Anm. d.Verf.) zeigend: Und hier sitzt das kalte Herz." Und später: "Die Kinder sind bei der Frau nicht sicher, die gehören zum Mann. Hellinger hat dann gesagt: die Frau geht, die kann keiner mehr aufhalten, das hat er sozusagen in den Hörerkreis gesagt, und hat sich dann zu ihr ... umgewandt und gesagt: Das kann auch Sterben bedeuten."
Anm.: 8) Colin Goldner, Psycho "Therapien zwischen Scharlatanerie und Seriosität", S. 194
Anm.: 9) 2000 Das virtuelle Bert-Hellinger-Institut-Kurzbiografie Siehe: http://www.bert-hellinger.de/teilnehmen_und_lernen/teil_lern_frame.html [Stand: 21. 03. 2005] Der Artikel ist nicht mehr online verfügbar!!!
Anm.: 10) 2000 Das virtuelle Bert-Hellinger-Institut-Kurzbiografie http://www.hellinger.com/deutsch/virtuelles_institut/index.shtml -Einige Fragen und Antworten zu Hellinger, seiner Therapie und seinen Einstellungen.
Anm.: 11) Lakotta: "Danke lieber Papi" in: Der Spiegel Hamburg (2002)7
Anm.: 12) Buchholz: "Da sitzt das kalte Herz" in: Die Zeit Hamburg (2003)35
Anm.: 13) Petrus van der Let: "Mitschuld am Missbrauch? - Hellingers Umgang mit Inzest. In: Goldner, Collin: Der Wille zum Schicksal - Die Heilslehre des Bert Hellinger. Wien: Verlag Carl Ueberreuter, 2003
Anm.: 14) W. Köthke et al. Psychotherapie auf dem Prüfstand, Göttingen, 1999
Anm.: 15) Simon/Retzer, Bert Hellinger und die systemische Psychotherapie. In: "Psychologie heute" Juli(1998) S. 64 ff.