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Guruismus
von: Susanne Beul
In der religiösen Tradition Indiens gilt der Guru als spiritueller
Meister. Er geht seinen Weg für sich und wirbt nicht dafür.
Aufgrund seiner eigenen spirituellen Entwicklung kann er jedoch auch
Schüler auf seinen Weg führen. Vor allem seit den 70er Jahren
traten im Westen dagegen missionierende Gurus auf. Diese westlich
orientierten Meister werden auch in Indien vielfach kritisiert,
da sie in vielem nicht dem klassischen Guru-Ideal entsprechen.
Von ihren Jüngern lassen sie sich als Verkörperung des
höchsten Bewusstseins oder Manifestation des Göttlichen verehren.
Der angebotene Heilsweg zur Befreiung aus dem Rad der Wiedergeburten wird
von ihnen mit der Pflicht zur Unterwerfung unter ihre unbestrittene
Autorität verbunden. Dieser Anspruch auf Ausschließlichkeit beinhaltet
die absolute Fixierung der Jünger auf den Guru und die oft kritiklose
Unterordnung unter seine unantastbare Weisung.
Kennzeichen dieser Art Guru-Bewegungen ist die Anpassung ihrer Lehre und
Praktiken an westliche Verhältnisse und Bedürfnisse.
- So soll z.B. das Praktizieren bestimmter Meditationstechniken Erfolg,
Gesundheit und ein langes Leben garantieren (Self-Realization Followship,
Transzendentale Meditation).
- Der Hinweis auf die angebliche Wissenschaftlichkeit der Grundlagen der
Heilswege will die Vereinbarkeit mit westlichen Bewertungsmassstäben
suggerieren (Hare-Krishna-Bewegung/ISKCON, Sathya Sai Baba,
Transzendentale Meditation).
- Mit dem Anspruch die Gesellschaft zu verbessern werden Rezepte zur
Rettung unserer krisengeschüttelten Welt angeboten (Ananda Marga,
Hare-Krishna-Bewegung, Sri Chinmoy).
- Manche Gruppen versuchen politisch tätig zu werden, indem sie Parteien
gründen (Bhagwan/Osho-Bewegung, Transzendentale Meditation).
- Dem heute im Westen weit verbreiteten Bedürfnis nach neuen Formen
der Selbstverwirklichung und Bewusstseinserweiterung kommen Angebote
entgegen, die hinduistisches Gedankengut und Meditationspraktiken mit
westlichen Therapieformen kombinieren (Bhagwan/Osho-Bewegung).
Diese Anpassung an westliche Bedürfnisse erklärt einen Teil der
Faszination guruistischer Gruppen. Machtmissbrauch, Entfremdung vom
bisherigen Leben (auch dem christlichen Glauben) und Abgabe der eigenen
Entscheidungsfreiheit und Eigenverantwortung sind oft beobachtete
Konsequenzen dieser Fehlform einer religiösen Tradition.