Ende des vierten nachchristlichen Jahrhunderts gerieten Theologen (z.B. Epiphanias um 392), die aus einer judenchristlichen Tradition kamen, in den Strudel der Auseinandersetzung zwischen frühkatholischer Kirche und der Gnosis. Das war die Zeit, in der die Bekenntnisse fixiert wurden, in der aber auch per Synodalbeschluß festgelegt wurde, welche Schriften nun als "kanonisch" (als legitimierte christliche Quellen) angesehen und tradiert werden sollten. Im Zuge dieser Auseinandersetzungen kam das Matthäusevangelium ins Neue Testament, das Nazaräerevangelium nicht. Diese Texte wurden aber auch weiterhin tradiert und wurden zu den sogenannten "Apokryphen". Für die Forschung sind diese Apokryphen eine wichtige Quelle für die Erforschung der Entstehung des Neuen Testamentes. Die Bruchstücke des erhaltenen Textes sind bei Hennecke, Edgar: Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Uebersetzung, Berlin: Evangelische Verlagsanstalt, 1966; Band I, S. 90ff. abgedruckt. (Das Buch ist in jeder theologischen Fachbibliothek vorhanden, sicherlich in anderen Auflagen oder Ausgaben.)
Im 19. Jahrhundert hat die Theosophin Helene Blavatsky sich auf die apokryphen Schriften bezogen. Sie vertrat die Meinung, daß nur dort der wahre christliche Geist tradiert worden sei, die kanonischen Schriften seien durch die Kirche für äußerliche Zwecke verfremdet und instrumentalisiert worden. Da die Theosophie wieder an die gnostischen Traditionen der neutestamentlichen Zeit anknüpfen wollte, bezog man sich natürlich auf diese Texte.
The Scriptures of the Nazarenes and of the Nabotheans also. According to
sundry Church Fathers, Jerome and Epiphanius especially, they were heretical
teachings, but are in fact one of the numerous Gnostic readings of cosmogony
and theogony, which produced a distinct sect. - H.P. Blavatsky
Zu diesem Zitat ist nur zu sagen, daß das Nazarärevangelium eben nicht ursprünglich ein gnostisches Werk war.
Abschließend ist hierzu zu bemerken, daß die New-Age-Szene gerne die These vertritt, die apokryphen Schriften wären eine von der Amtskirche verbotene Geheimquelle. Das ist sachlich einfach falsch, denn wenn es so wäre, dann wären die apokryphen Schriften eben nicht über 2000 Jahre tradiert worden!