Colonia Dignidad

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Subj: Chilenische Polizei läßt Angreifer auf deutsches Fernsehteam frei
Date: 97-05-19 09:01:25 EDT
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Santiago de Chile (dpa) - Die chilenische Polizei hat die zwei Angreifer auf ein deutsches Fernsehteam trotz Zeugen-Aussagen und Anzeigen nicht verhaftet. Das wurde am Montag nahe der Kleinstadt Parral bekannt. Die beiden Männer hatten am Vortag einen Kameramann erheblich verletzt.

Bei dem ‹berfall vor dem Anwesen der berüchtigten deutschen Sekte Colonia Dignidad wurden darüber hinaus die Ausrüstung im Wert von 100 000 Mark zerstört und eine Kassette mit Filmaufnahmen geraubt. Die mutmaßlichen Täter wurden zunächst festgenommen und nach ihrer Aussage wieder freigelassen. Die in der Region als Schläger bekannten Männer bestritten die Tat.

Das Team des Ersten Deutschen Fernsehens (ARD) wurde bei Außenaufnahmen vor dem Gelände der Colonia Dignidad in Südchile von Wachmännern der Sekte überfallen und zusammengeschlagen. Dabei erlitt der chilenisch-deutsche Kameramann German Malig eine Wunde am Hinterkopf, Messerstiche in einer Hand sowie eine Fußverstauchung.

Der Reporter Gero Gemballa, der für das ARD-Fernsehmagazin "Report" in Chile dreht, sagte der Deutschen Presse-Agentur (dpa), zwei ihm namentlich bekannte Männer seien plötzlich auf Motorrädern aufgetaucht. "Sie haben große Steine aufgehoben und sofort auf den Hinterkopf unseres Kameramanns eingeschlagen." Die Aufnahmen sollten Teil einer Reportage werden, die "Report" für den 2. Juni geplant hatte. Schon vor acht Jahren war der Kameramann Malig von Sektenmitgliedern überfallen worden, ohne daß dies zu rechtlichen Konsequenzen geführt hatte.

Nach dem Anführer der Colonia Dignidad, dem 76jährigen Paul Schäfer, fahndet die Polizei seit Monaten wegen der Vergewaltigung eines zwölfjährigen Jungen. Schäfer hatte sich Ende vergangener Woche in einem Brief geweigert, sich der Polizei zu stellen. Er wird auf dem Sekten-Gelände unweit der Kleinstadt Parral (400 Kilometer südlich von Santiago) vermutet.

Wenige Stunden nach dem ‹berfall Waren die Mitglieder der Sekte offenbar bereit, die Polizei auf das etwa 1 300 Quadratkilometer große Gebiet zu lassen. Drei alte Frauen erschienen plötzlich am Eingangstor des Geländes und sagten unter Tränen, gegen eine polizeiliche Durchsuchung werde kein Widerstand geleistet. "Wir haben ihn seit Monaten nicht gesehen", sagte eine Frau.

      ©dpa
      191437 Mai 97