Konfessionskundliche Einordnung
Die Philadelphia Bewegung wurde in der Vergangenheit konfessionskundlich wie die Reichsbruderschaft Jesu Christi als endzeitlich orientierte christliche Häresie angesehen. Heute wird dieser Vorwurf nur noch dann erhoben, wenn Individua auf der Wiedertaufe bestehen.
Geschichtlicher Werdegang und Organisation
Die Philadelphia Bewegung geht auf den christlichen Missionar Christian Röckle zurück. Christian Röckle (geb. 6. 2. 1883 in Etlingen, gest. 16. 8. 1966) kam aus einem streng pietistisch orientierten Elternhaus. Nach seinen autobiografischen Nachrichten empfing er 1901 seine göttliche Berufung und empfing im März 1905 die "Geisttaufe". Seine Geisttaufe war aber nicht, wie in den Pfingstkirchen üblich, mit Zungenreden verbunden, sondern bei ihm wirkte sich das profetische Moment stärker aus. So hatte er schon 1902 angeblich die Offenbarung erhalten, dass die Wiederkunft Jesu Christi unmittelbar bevorstehe. Dieses Berufungserlebnis hat sein ganzes späteres Leben beeinflusst. Er war 1903 als Missionar des Baseler Missionshauses nach Afrika entsandt worden, wo er bis 1911 arbeitete. Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete er im Dienst des Altpietistischen Gemeinschaftsverbandes und wurde während des Zweiten Weltkrieges auch in der Würtembergischen Landeskirche als stellvertretender Pfarrer eingesetzt. 1941 erhielt er durch "eine Botschaft von oben" seine endgültige "Ausrüstung". Kurt Hutten schreibt hierzu:
In zehntägigem Abstand sei bei frischen Hemden, die er über Nacht unter das Kopfkissen gelegt hatte, um sie am nächsten Morgen anzuziehen, der rechte Ärmel bis zum Ellenbogen vollständig durchnäßt worden, obwohl kein Wasser in der Nähe war. Von nun an habe ihn das Schreiben keine Anstrengung mehr gekostet, denn mit diesem Wunderzeichen habe er die Befähigung dazu bekommen, da "die Nässen an dem rechten Hemdärmel die Vollmacht des Geistes zum Schreiben dieser Schriften darstellt, denn Wasser ist nach Jes. 44, 3 und Joh. 7, 37 - 39 und Offb. 22, 7 ein Sinnbild des Heiligen Geistes". (Röckle, Der neue Tempel der Gemeinde, S. 5) [Hutten, Kurt: Seher, Grübler, Enthusiasten , Stuttgart: Quell-Verlag, 1966 S. 219 f.]
Diese Berufungserlebnisse führten bei Röckle zu eine völlig neuen Lebensorientierung. Er widmete sich nun fortan nur noch seiner Profetie. Seit 1946 wurden dann regelmässig sogenannte "Philadelphia - Konferenzen" abgehalten, der Teilnehmerzahl stetig stieg. Gleichzeitig wurden nach dem Vorbild missionarischer Arbeit bei den "Heiden" eine religiös-organisatiorische Infrastruktur geschaffen, die eine von den Landeskirchen unabhängige Arbeit gewährleistete. Schon 1924 hatte Röckle noch als Mitarbeiter des Altpietistischen Gemeinschaftsverbandes den "Christlichen Notbund zur gegenseitigen Hilfe" gegründet, der der Vorläufer der 1929 entstandenen "Leonberger Bausparkasse" [Stand: 7.1.1999] war. Auf diese Erfahrungen aufbauend gründete er 1953 das "Hilfswerk des Philadelphia-Vereins" ins Leben, der die wirtschaftliche Basis für den Philadelphia-Verein bildete.
Die Philadelphia Bewegung bildete keinen organisierten Gemeinschaftsverband, sondern möchte eine innerkirchliche Bewegung bleiben. Allerdings hat sie durch ihre Nähe zur Pfingstbewegung und zur Wiedertäuferbewegung den Widerspruch sowohl der pietistischen Gemeinschaften als auch der Landeskirche erregt, der schon bald nach 1945 zu einem Bruch mit der pietistischen Gemeinschaft führte. Die Württembergische Landeskirche legte ihm 1952 zwei Fragen vor:
Da sich Röckle in seiner Antwort nicht eindeutig von der Wiedertaufe distanzierte und die Schuld an den Spaltungen ausschliesslich auf andere zurückführte, war der Boden für eine weitere Zusammenarbeit zwischen Landeskirche und Philadelphia Bewegung entzogen. Die Philadelphia Bewegung ging dann in der weiteren Zeit einen völlig eigenständigen Weg. Das heutige Verhältnis der Evangelischen Kirche zur Philadelphia Bewegung ist distanziert aber nicht unfreundlich. Der wesentliche Streitpunkt ist nach wie vor die Stellung zur Wiedertaufe, die von der Evangelischen Kirche eindeutig abgelehnt wird.
Die Lehre ist ziemlich einseitig auf die Parusie (= Wiederkunft Christi) orientiert. In den Philadelphia-Briefen von 1957 erwartete man die unmittelbar bevorstehende Wiederkunft. Das endzeitliche Szenarium sieht drei unterschiedliche Schicksale auf die Christenheit zukommen:
Aus dieser Dreiteilung ergibt sich in der Lehrpraxis der Philadelphia Bewegung eine Hierarchie an deren Spitze diejenigen stehen, die entrückt werden. Diese stellen die "Brautgemeinde" dar, die übrigen sind nur von minderer "Heiligkeit". Die Lehre konzentriert sich nun auf die "Brautgemeinde". Nach Röckle will Gott der Herr eine Brautgemeinde haben, die "nicht habe einen Flecken oder Runzel" (Eph. 5, 27). Röckle hat aber nie die Identität der Brautgemeinde und der Philadelphia Bewegung betont, sondern verkündete immer, dass die Philadelphia Beweung nur ein Sammelort für solche Christen sei, die danach streben, die Entrückung teilhaftig zu werden.
Aus diesem Ansatz folgt eine methodistische und perfektionistische Theologie: Durch besonders fleissigen Glauben könne man sich der Errettung versichern. Gleichzeitig führte dieser Ansatz zu einem elitären Bewußtsein, nach welchem die "normale" Frömmigkeit christlichen Glaubens nicht ausreiche. Diejenigen, die hier mehr tun, würden mit viel grösserer Wahrscheinlichekeit von Gott gerettet werden. Hutten (a.a.O. S. 234) beschreibt den Unterschied zwischen landeskirchlicher Theologie und der Philadelphia-Theologie so:
Es ist also haargenau die Botschaft von Glaubensgerechtigkeit, die in diesem von Röckle mißdeuteten Leitsatz verkündet wird. Er lautet sinngemäß bei Paulus: Weil Christus die Gemeinde liebt, macht er sie rein. Bei Röckle aber hat er die Deutung erhalten: Sie muß sich rein machen, damit Christus sie liebt, d. h. als seine Brautgemeinde anerkennt und entrückt.
Damit ist aber nach christlich-evangelischem Verständnis die wichtigste Lehre christlichen Glaubens verlassen, die lutherische Gnadenlehre, nach der Gott den Menschen allein aus Gnade die Vergebung aller Sünden gewährt. Diese Vergebung ist nicht methodisch handhabbar, sondern der Mensch hat sie entweder anzunehmen, oder auch nicht.
Obwohl die Philadelphia Bewegung ursprünglich keine Sekte, sondern eine innerkirchliche Bewegung war, durchlief sie im Laufe ihrer Geschichte einen Weg, der über eine christliche "Irrlehre" zum Sektierertum führte. Heute wird man die Gruppe als christliche Sekte einordnen müssen, zumal sie sich in ihrem elitären Glaubensverständnis als das "unfehlbare Christentum" darzustellen scheint. Über die Zahl der Anhänger liegen mir keine Angaben vor, doch scheint es gegenwärtig nur einige hundert Anhänger zu geben. Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass durch die verschwommenen Abgrenzungen eine wirkliche Einschätzung der Mitgliederzahl derzeit unmöglich ist.
Literatur
Röckle, Christian: Die Vollendung der Philadelphia-Gemeinde der Endzeit und
ihre Entrückung. 1943/44
Röckle, Christian: Entrückungsfragen - Die Geistestaufe in Lehre und Leben. 1948
Röckle, Christian: Die Zukunft von Philadelphia und Laodizea - Der neue Tempel der Gemeinde. 1948
Röckle, Christian: Die Einheit der Gemeinde - Was ist die Philadelphia-Bewegung? 1949
Röckle, Christian: Berichte über die Philadelphia-Konferenzen 1946 ff.
Historisch zur Leonberger Bausparkasse:
Online im Internet: URL: http://www.leonberg.de/stadt/historie/leo.htm [Stand: 7. 1. 1999]
Online im Internet: URL: http://www.leonberger.de/leo_inf_uu_geschichte.htm [Stand: 7. 1. 1999]
Kritisch:
Hutten, Kurt: Seher, Grübler, Enthusiasten , Stuttgart: Quell-Verlag, 1966, S. 218 - 234
HANDBUCH RELIGIÖSE GEMEINSCHAFTEN - Für den VELKD-Arbeitskreis Religiöse Gemeinschaften im Auftrage des Lutherischen Kirchenamtes herausgegeben von Horst Reller , Manfred Kießig und Helmut Tschoerner. 4., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage. Gütersloh 1993,