Der nordamerikanische Protestantismus und seine Bedeutung für die
Entstehung der sog. "klassischen Sekten".
Sehr viele der sogenannten klassischen Sekten sind auf dem Boden des
nordamerikanischen Protestantismus des 19. Jahrhunderts entstanden. Diese
Entwicklung ist nur aus der Entwicklung der kirchlichen Verhältnisse in
Nordamerika seit dem 17. Jahrhundert zu verstehen. Im Mutterland England
erschütterten zu dieser Zeit starke Auseinandersetzungen zwischen der
Staatskirche und den um Selbständigkeit der Gemeinden ringenden Independenten
oder Kongregationalisten. Für diese war die Einzelgemeinde (congregatio) nicht
mit der bürgerlichen Gemeinde identisch, sondern bestand nur aus den
"wirklich Gläubigen". Daraus folgte die Forderung einer strikten Trennung
von Staat und Kirchgemeinde.
Dieser Anspruch führte zu Verfolgungen mit dem
Ergebnis, dass viele der Kongregationalisten erst nach Holland und dann in die
englischen Kolonien Nordamerikas auswichen. Als dann mit der Verdrängung
Frankreichs und Spaniens auf dem nordamerikanischen Kontinent auch der
Katholizismus zurückgedrängt wurde, erhielt der kongregationalistische
Protestantismus der englischen Siedler das Übergewicht. Hier sind wohl auch
die Gründe dafür zu suchen, dass unmittelbar nach der
Unabhängigkeitserklärung der "Vereinigten Staaten" im Jahre 1776 auch die
strikte Trennung von Staat und Kirche in die Verfassung aufgenommen wurde.
Danach gibt es in den Vereinigten Staaten keine Staatskirche. Kirche und
Religionsunterricht sind Dinge, mit denen sich der Staat grundsätzlich nicht
zu befassen hat. Daraus folgt weiter, dass alle Religionsgemeinschaften die
gleichen Freiheiten geniessen, welche nur dann eingeschränkt werden, wenn
diese gegen Staatsgesetze verstossen. Allerdings wird davon ausgegangen, dass
in den Staaten ein allgemein-christlicher Grundcharakter bestehen würde, der
bei der Mehrheit seiner Bürger einen Monotheismus als selbstverständlich
voraussetzte.
Trotz dieser Trennung von Kirche und Staat blieb auch im Amerika
des 19. Jahrhunderts der christliche Charakter der Gesellschaft erhalten, ja es
behauptete sich eine strenge Religiosität, "das Gegenspiel zu dem ungemein
entwickelten Erwerbssinn und der Herrschaft des Geldes mit allen daran
haftenden sittlichen Schäden" (Heussi, Karl: Kompendium der
Kirchengeschichte,Tübingen 1981, S. 492). Gerade aus dieser Situation
erwuchsen theologische Widersprüche, deren Lösung sich dann in der Gründung
neuer Denominationen und Sekten wie den Mormonen
und den Zeugen Jehovas , niederschlug. Heussi
beschreibt die Situation wie folgt:
- Charakteristisch für das religiöse Leben sind neben der strengen
Sonntagsheiligung die Erweckungen ("revivals"), die zeitweilig fast epidemisch
auftraten. (1800, 1826ff. 1857f.) ...
- Eigentümlich war ferner die Zersplitterung in zahlreiche Denominationen,
deren Spaltungen und Wiedervereinigungen sich mit grosser Leichtigkeit
vollzogen. ...
- Allen Denominationen, auch den ursprünglich klerikal-hierarchisch
gearteten, war die starke Beteiligung des Laienelements eigentümlich....
- Als Ruhmestitel der amerikanischen Kirchen ist ihre grossartige praktische
Tätigkeit hervorzuheben (Heidenmission,... innere Mission, soziale
Reformen...
- Die geistige Bildung stand stark unter den Einflüssen der religiösen
Denominationen. ...
- Die Theologie war, gemessen an der des europäischen Protestantismus,
rückständig, die Vorbildung der Geistlichen sehr mangelhaft. ... " (Heussi,
a.a.O. S. 492f.)
Auf diesem Boden der Zersplitterung konnten natürlich auch neue
Religionsgemeinschaften entstehen, die dann im Verlaufe ihres geschichtlichen
Weges zur Sekte wurden. Diese Entwicklung wurde besonders durch den
Presbyterianismus mit seiner Rigorosität im Glauben, der sehr bildhaften
Höllenvorstellung und einer Vergeltungstheologie, die Glauben belohnt,
Laschheit aber mit den furchtbarsten Höllenstrafen belegt, gefördert.
Dazu kam dann noch das Fehlen einer kulturell-religiösen Tradition. Alle diese
Faktoren schufen dann in ihrer Zwiespältigkeit einerseits die typisch
amerikanische Freiheit von allen Dogmen, andererseits aber führten sie zu
Ängsten, beim Einzelnen oder ganzen Gruppen, die in Sekten und Psychokulten
endeten.
Autor: Winfried Müller
[Stand: November 1995]