Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung (ZEGG)


Herkunft und Ausbreitung

Das Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung geht auf Dieter Duhm, einem ehemaligen Anhänger der Aktionsanalytischen Organisation(AAO) zurück. Er hatte 1978 die sogenannte "Bauhütte" entwickelt: Er schrieb:

"Die Bauhütte ist bis jetzt ein komprimierte Idee, um die sich ein paar Leute geschart (sic) haben. Ein kleines Haus mit Wiese steht auch schon zur Verfügung (Nähe Heilbronn). Ich will gleich sagen, womit diese Idee vor allem zu tun hat: Mit der ehemaligen AAO, von deren Konzepten der Selbstdarstellung, der freien Sexualität und der kommunitären Lebensweise wir uns befruchten ließen; mit neuer Religiosität, da der Mensch einen Glauben braucht, um trotz seiner Angst etwas Positives aufzubauen; un mit systematischer Lebensforschung, da das Wissen von Lebendigem den Aufbau der neuen Kultur leiten wird. Die Bauhütte ist ein aus privaten Initiativen entstehendes Lebens- und Forschungsexperiment: ein Werkstatt für neue Kultur, wo das für den Entwurf überzeugender Gegenmodelle erforderliche Wissen und Können produziert und vermittelt werden soll ... Wir nennen dieses Traumziel "ZEGG: Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung." (Duhm, zitiert nach: Handbuch für Religiöse Gemeinschaften. hrsg. v. Reller,R., Kiessig, M., Gütersloh: Mohn,1993; 4. Aufl. S. 897)

Die enge Verwandschaft seiner Bewegung mit der AAO ist offensichtlich, obwohl die ZEGG dies heute gerne verschweigt: In einer Stellungnahme von 1992 heißt es:
"Die einzige Verbindung zwischen beiden Projekten besteht darin, daß Dieter Duhm, Mitbegründer des ZEGG (!), 1978 im Rahmen seiner Sozialforschung drei Monate lang die AAO besuchte und sich äußerte. Wer beide Projekte kennt, kann bestätigen, daß sie völlig unterschiedlich sind (bzw. waren) und auch völlig unterschiedliche Ziele verfolgen. Gemeinsamkeiten bestehen lediglich darin, daß beide Projekte den Themenkreis um Sexualität und Gemeinschaft aufgreifen, das aber mit ganz anderen, zum Teil gegensätzlichen Aussagen und vollkommen unterschiedlichen Methoden ..." (Handbuch Religiöse Gemeinschaften, a.a.O. S. 897)
Vergleicht man diese beiden Zitate, so wird deutlich, daß man sich heute gerne von den 1978 formulierten AAO-Gemeinsamkeiten verabschieden möchte.
Dieter Duhm wird 1977 in der Zeitschrift "Psychologie Heute" als Anhänger der Aktionsanalytischen Organisation wie folgt zitiert:
"... die AA-kommune ist das entwickeltste sozialistische lebensmodell, das ich kenne, es verbindet den ökonomischen sozialismus (geimeindeeigentum, gemeinsame planung, erträge in die gemiensame kasse) mit dem psychischen (freie sexualität, leben als kommunikation) und repräsentiert damit einen neuen typ von sozialismus, für den wir wahrscheinlich einen neuen namen brauchen." (Horn, Klaus: Otto Mühl und die Linken. in: Psychologie Heute (1977) Dezember, S. 31)
Das Konzept alternativen Lebens ohne die Schranken des "Establishments", war im Zusammenhang mit den Studentenrevolten der 60er Jahre und der Hippie-Bewegung in die gesellschaftliche öffentlichkeit gerückt worden. Die damals heranwachsende Intelligenz konnte sich mit der materiellen Behäbigkeit und dem Streben nach kleinbürgerlichem und kleinkariertem Leben nicht zufrieden geben. Es entstand eine Aussteiger-Mentalität, die einerseits in der Rauschgiftszene und andererseits in religiösen oder politischen Fanatismen enden sollte.
Trotz aller postulierten Unterschiedlichkeiten ist festzuhalten, daß ZEGG auf dem Boden der Gedanken Otto Mühls steht, daß aber die Grundgedanken der "Selbstdarstellung" (heute "Forum" genannt) und der "freien Liebe" um ökologische Utopien und religiös-esoterische Gedanken erweitert werden.
Selbstdarstellung "ist eine Methode der künstlerischen, therapeutisch überzogenen Selbstdemaskierung des einzelnen vor der Gruppe und der zunehmend bewußten Gestaltung seiner bislang unbewußten Emotionen. Mehr kann darüber abstrakt nicht gesagt werden. Es geht letztendlich um die überwindung so ziemlich aller Tabus und Sakramente, die unsere Menschheitsgeschichte bisher ausgebrütet hat. Es geht auch die die Entlarvung aller therapeutischen und relitiösen Beruhigungen und Ersatzlösungen." (ZERO 15, S. 34f. zitiert nach: Handbuch Religiöse Gemeinschaften, a.a.O.S. 903)
Schon aus diesem Zitat wird deutlich, was ZEGG ist:
Ein Austeiger-Konzept mit Totalitätsanspruch
Die Wurzeln liegen in der uralten Gleichsetzung von sexueller Liebe und humanem Leben. Nicht umsonst gab es im alten Griechenland für Liebe zwei Wörter mit unterschiedlicher Bedeutung:

  1. Eros: Bezeichnung für die sexuelle Liebe zwischen Mann und Frau
  2. Agape: Bezeichnung für die Liebe zum Nächsten, zum Mitmenschen.
Schon unsere Vorväter wußten sehr wohl, daß beides nicht dasselbe ist und daß man es nicht durcheinanderbringen darf. Trotzdem ist die Gleichsetzung beider Begriffe auch in der Geschichte der Kirche immer wieder vorgekommen.

Nach dem Fall der Mauer erlebte die ZEGG einen neuen Aufschwung. So wurde 1991 das Projekt MEIGA (Experiment für eine humane Erde) in enger Verbindung mit der "Sexpeace-Bewegung" in Belzig (Brandenburg) geschaffen. Die Bewegung kaufte für ca. 2,15 Millionen DM ehemaliges Militärgelände, auf welchem heute das Projekt arbeitet.

Lehre

Neben dem Postulat, daß man durch sexuelle Liebe auch allgemeinen Humanismus schaffen könne, spielen besonders Endzeitvorstellungen und universelle Lösungsansätze eine bedeutende Rolle. Die Welt, so wie sie jetzt ist, sei zum Untergang verurteilt und nur durch ein "globales Netzwerk" oder "überlebensdörfer" könne man der drohenden Apokalypse entgehen. Nach dem Untergang des Sozialismus wäre es offensichtlich warum dieser zerbrochen sei:
"... Es gibt keinen Sozialismus, keine funktionierende Gemeinschaft, keine wirkliche Polis des Menschen ohne freie Liebe. Es kann keine funktionierenden kommunistischen, sozialistischen oder kommunitären Systeme geben, solange der Liebende seinen geliebten Schatz privatisiert, für sich beansprucht, umklammert und raubt ... Jeder wirkliche Sozialismus ist auch ein Sozialismus der Liebe, jeder wirklicher Humanismus ist auch ein sexueller Humanismus. Jedes gewaltfreie System der Menschen ist ein System der transparenten Strukturen, im politischen und wirtschaftlichen Bereich ebenso wie im sexuellen und geistigen. Für diese historische Erkenntnis unter anderem haben wir dieses umfassende Projekt gegründet. Es geht heute um eine globale Transformation ..." (Duhm, Dieter: Globale Netzwerkbildung. in:ZEGG (1992)4, S. 10)
Faßt man dies zusammen, so stellt sich ZEGG als der Versuch dar, den zusammengebrochenen Sozialismus wiederzubeleben. (Warum nimmt dies eigentlich die politische öffentlichkeit der etablierten Parteien nicht wahr oder ernst?) Hierfür spricht auch daß z. B. Rudolf Bahro für ZEGG eintritt.
Freie Liebe und die Pflicht zur Sexualität mit mehreren Personen als Ausdruck des Altruismus werden als Modellverhalten einer idealen Gesellschaft angesehen. Krankheit ist Ausdruck falschen Bewußtseins, d. h. die logische Strafe für gesellschaftliches und individuales Fehlverhalten.
"JEDE Krankheit und JEDES psychische Problem (ist) heilbar durch die SELBSTHEILUNGSKRäFTE des Organismus. ... Die Heilung des Organismus ist in Wirklichkeit eine Frage der menschlichen Umwelt, des Vertrauens und der inneren öffnung ... Wenn sich die Seele öffnet, öffnen sich auch die körperlichen Organe und Zellen. Die Energie kann wieder fließen, der Alptraum schwindet. Auch Krebs und Aids und andere zeitgemäße Epidemien sind auf diesem Wege heilbar. Die Frage ist nur: Wünscht der patient eigentlich die Heilung, hat er tatsächlich noch Mut zum Leben? Glaubt er noch an die Liebesmöglichkeit für sich? Besitzt er noch diese Art von Jugend, die zur öffnung bereit ist?" (Duhm, Dieter und Beate Möller: Projekt Meiga Experiment für eine HUMANE ERDE, ZEGG, Radolfzell: Verl. meiga 1989, S. 18)
Die Bewegung gibt folgende Ziele ihres Projektes "Meiga 3000" an:

Projekte und Initiativen

Folgende Namen von Projekten und Initiativen tauchen gelegentlich im Zusammenhang mit ZEGG in den Medien auf:

In Belzig leben gegenwärtig ca. 30 feste Mitarbeiter und je nach Belegung bis zu 100 "Praktikanten". ZEGG führt Sommercamps durch, so in Berlin und auch in Jena.

Gefahrenpotential der Gruppe

Das Hauptproblem liegt im Gruppendruck. Oft ist den Teilnehmern an den "Seminaren" nicht ausreichend klar, worauf sie sich einlassen. Die ideologische Deutung von Krankheiten als Ausdruck falscher Lebenspraxis kann eine sachgerechte medizinische Behandlung in den Hintergrund treten lassen. Durch die Abschaffung der privaten Intimsphäre können psychische und materielle Abhängigkeiten entstehen. Autor:
Winfried Müller